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Kritik an Jujus Feature-Gast Xavier Naidoo auf ihrem neuen Album „Bling Bling“ Wenn Hip-Hop-Aktivisten mit Rechtspopulisten zusammenarbeiten

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Im Sommer hat die für ihre gesellschaftskritischen Texte bekannte Rapperin Juju (ehemals SXTN) ihr erstes Solo-Album „Bling Bling“ vorgelegt.

Juju während eines LiveGig im Concertbüro Franken, Oktober 2017.
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Bild: Juju während eines Live-Gig im Concertbüro Franken, Oktober 2017. / Stefan Brending - (CC BY-SA 3.0 de cropped)

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Des Öfteren hat sie sich in den letzten Jahren gegen AfD und Rechtsextremismus geäussert. Umso verstörender wirkt die Tatsache, dass sich auf ihrem Release ein Track mit dem Reichsbürger-Sympathisanten Xavier Naidoo findet.

Es ist ein bekanntes Phänomen in der Hip-Hop-Szene: Beinahe jeder Rapper, der ein neues Album rausbringt, hat mindestens einen neuen Song vorzuweisen, bei der ein angesagter oder befreundeter Künstler vertreten ist, eben ein sogenanntes Featuring oder ein Gastauftritt. Neben der musikalischen Zusammenarbeit, welche zweifelsohne oftmals zu künstlerischen Horizonterweiterungen führen kann, steht dabei natürlich auch im Hintergrund die Hoffnung, durch die Kollaboration mit einem talentierten oder bekannten Künstler höhere Verkaufszahlen zu generieren.

Verschwörungstheorien am rechten Rand

So auch die Berliner Rapperin Juju, mit bürgerlichem Name Judith Wessendorf, welche als Teil des Hip-Hop-Duos SXTN Deutschlandweit bekannt wurde und sich immer wieder öffentlich für die Gleichberechtigung von Mann und Frau einsetzt. Auf ihrem im Juni 2019 veröffentlichten Debut-Album «Bling Bling», welches in den offiziellen deutschen Albumcharts auf Nummer drei landete, findet sich neben Henning May, dem Sänger der Kölner Rockband AnnenMayKantereit, auch der schnulzige Soul-Popper und Reichsbürger-Sympathisant Xavier Naidoo wieder. Bei dem Featuring-Track mit dem Mannheimer handelt es sich um eine Neuauflage des Sabrina Setlur Songs «Freisein» aus dem Jahr 1997, welcher vom Musik-Produzenten und Mitbegründer der in den Nuller Jahren aktiven und mittlerweile insolventen Abmahnfirma «Digiprotect» (Turn piracy into profit) Moses Pelhalm mitgeschrieben wurde.

Die Coverversion des Songs von Juju wurde zwar bis jetzt nicht als Single ausgekoppelt, erfreut sich aber bei ihrer Fangemeinde grosser Beliebtheit. Als sie auf Instagram gefragt wurde, ob sie Lust hätte, noch einmal mit Xavier Naidoo einen Track aufzunehmen, bejahte die Berliner Rapperin die Frage. Da sich Juju früher mit ihrer ehemaligen Kollegin Nura, die ebenfalls einen Migrationshintergrund hat, in ihrem Rap-Duo SXTN öffentlich gegen gesellschaftliche Ressentiments und die Rassismus-Politik der AfD stellten, muss die Frage erlaubt sein, warum sie hier mit einem Künstler wie dem radikalchristlichen Fundamentalisten Xavier Naidoo zusammenarbeitet, welcher schon häufig mit dem rechten Rand, Reichsbürgern und Anhänger von Verschwörungstheorien gekuschelt und bereits 2011 im ARD Morgenmagazin ein Interview gegeben hat, in dem er Deutschland als besetztes Land bezeichnete. Auch Naidoos Antiamerikanismus ist seit einem Interview, das er dem Musikexpress 1999 gab und in dem er vom Wettstreit der Religionen, christlichen Kreuzzügen und «Mannheim gegen Amerika» faselte, hinlänglich bekannt.

Nun könnte man Juju vielleicht politische Naivität oder Unwissenheit vorwerfen. Leider liegt die Sachlage aber nicht so, dass die wundersame Wandlung von Xavier Naidoo vom Mannheimer Soul- und Schnulzensänger zum Politaktivisten der Rechten nicht von einer relativ breiten Öffentlichkeit diskutiert und kritisiert worden wäre. Und dies tat glücklicherweise seine Wirkung. Als Naidoo vor fünf Jahren anfing, sich als Propagandist für Reichsbürger und Weltverschwörer zu profilieren, blieb dieses Engagement für ihn nicht ohne Konsequenzen.

Keine Berührungsängste mit der rechten Szene

Nach einem Auftritt von Xavier Naidoo bei den rechtspopulistischen Reichsbürgern im Jahr 2014 kündigte die von ihm mitbegründete Popakademie in Mannheim die Zusammenarbeit mit ihm wegen «fragwürdigen und irritierenden politischen Äusserungen» auf. Als am 19. November 2015 bekannt wurde, dass Naidoo Deutschland beim Eurovision Song Contest vertreten werde, wurde diese Entscheidung nach der erfolgreichen Lancierung einer Onlinepetition und heftigen Kritiken in der Medienlandschaft nur zwei Tage später zurückgenommen. Aber schon damals taten sich gewisse Künstler offenbar schwer, sich von dem heimatliebenden «Missionar» mit rechten Tendenzen zu distanzieren, ganz im Gegenteil: Eine Woche nach dem Rauswurf wurde in der FAZ eine 70.000 €-Solidaritäts-Anzeige unter dem Namen «Menschen für Xavier Naidoo» veröffentlicht, die von namhaften Künstlern und Schauspielern wie etwa Til Schweiger, Mario Adorf, Jan Delay, Yvonne Catterfeld, Farid Bang oder Thomas D unterschrieben wurde.

Insbesondere die Hip-Hop-Szene scheint eine hier definitiv angebrachte kritische Selbstreflektion punkto Zusammenarbeit und Solidaritätsbekundungen offensichtlich schwer zu fallen. Xavier Naidoo hat auf seinem neuen, im Juli 2019 veröffentlichten Album «Hin und weg» mit dem Mannheimer Rapper Klotz, MoTrip, dem sich aktiv gegen Rassismus einsetzenden Chefket und dem Berliner Kontra K gleich vier deutsche Rapper auf seinem neuen Kunstwerk versammelt, die offensichtlich keine Berührungsängste hatten, mit dem deutschsprachigen Popmusiker, der früher öfters auf Montagsdemos der Neuen Rechten aufgetreten ist, zusammenzuarbeiten. Grundsätzlich gilt anscheinend momentan: Jeder featured jeden, Hauptsache man verfügt über eine omnipräsente Publizität.

Der eigentlich zu erwartende Aufschrei in der Hip-Hop-Szene blieb jedoch beinahe komplett aus. Nur der Essener Rapper 3Pluss wagte es auf Twitter, mit einem ironischen Kommentar, die Zusammenarbeit der Hip-Hopper mit einem „AfD nahen Verschwörungstheoretiker“ zu kritisieren.

Im braunen Sumpf der Volksbewahrer

Um aufzuzeigen wie tief Xavier Naidoo sich bereits im braunen Sumpf der Volksbewahrer befindet, soll zum Schluss noch diese Episode herhalten. Als der Rechtsaussenpolitiker und AfD-Bundessprecher Prof. Dr. Jörg Meuthen diesen Sommer den von dem völkischen Schlagerbarden Andreas Gabalier gemeinsam mit Xavier Naidoo 2017 live performten heimattreuen Song „A Meinung haben“ auf Youtube entdeckte, twitterte er enthusiastisch: „Was für eine phantastische Kombination aus herrlicher Musik und so kraftvoller wie wichtiger Botschaft: Danke, Andreas Gabalier und Xavier Naidoo, für dieses wundervolle Lied!“ Da überrascht es kaum, dass sich die Fans auf Youtube in den Kommentaren zum Song in punkto übersteigerter Heimatliebe und hingebungsvollem Volksfetischismus zu übertreffen versuchen.

Doch zurück zum Streitpunkt des Gastauftrittes: Hat sich Juju durch ein solch unsägliches Feature künstlerisch komplett desavouiert oder drückt man hier einfach das linke Auge zu und hofft, dass es nicht noch einmal zu einer Kooperation der Berliner Rapperin mit dem Mannheimer Fundamentalisten kommt? Juju selbst betont in einem Interview, „dass sie Menschen nicht in Schubladen stecken möchte und immer den Dialog mit ihnen suche.“ Und „wenn ein Song rumliege“, bei dem sie das Gefühl habe, „dass da der und der Rapper draufpasse“, dann frage sie halt einfach an. Und das müsse dann auch nicht unbedingt der „Best Friend“ sein.

Neben dem bitteren Nachgeschmack drängt sich aber noch eine weitere Frage auf: Mangelt es den ohnehin oftmals zu Verschwörungstheorien neigenden Hip-Hop Künstlern an politischem Bewusstsein, was dann halt einfach darauf hindeutet, dass es nicht relevant ist, wie die politische Couleur des Kollaborationspartners aussieht, oder zählen für die Musiker ganz einfach nur die allseits bekannten Parameter Popularität und Klickzahlen - auf dem Weg zu noch mehr Erfolg und Geld?

Ricardo Tristano

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