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Interview mit dem Rapper Disarstar | Untergrund-Blättle

Kultur

Interview mit dem Rapper Disarstar „Villen zu Flüchtlingsunterkünften“

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Interview über Musik, 1.Mai und linksradikale Politik mit Disarstar, einem deutschen Rapper aus Hamburg, der bei dem Berliner Independent-Label Showdown Records unter Vertrag steht.

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Bild: Disarstar / fb

27. April 2016

27. 04. 2016

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Was bedeutet Hip-Hop für dich?

Hip-Hop hat in diesem Land nicht mehr viel mit seinen Ursprüngen zu tun. Es ist für mich in erster Linie, wie Streetart auch, eine authentische Kunstform, die zumindest im Ursprung die Probleme der Unterschicht bzw. der Arbeiterklasse ausdrückte. Hip-Hop sollte sich immer kritisch mit den Lebensrealitäten auseinandersetzen. Dies fehlt aber oft in diesem Land. Rapper beschäftigen sich oft nicht mehr mit dieser Kritik und verlieren damit an Authentizität, was gerade beim Hip-Hop eine bedeutendere Rolle spielt als beim Pop. Für mich persönlich bedeutet Hip-Hop aber fast alles – auch wenn es pathetisch klingt – ich wüsste nicht wer und wo ich ohne Hip-Hop wäre. Das Texteschreiben stellt für mich einen positiven Zwang dar mich mit vielen Themen zu beschäftigen, weil ich ja auch nichts falsches sagen will. Somit bringt es mich in meiner Reflektion und Selbstreflektion erheblich und permanent weiter. Ich setze zwar viel auf Hip-Hop, aber geh nun auch wieder zur Schule und will mir damit Abseits von der Musik einen Plan B erarbeiten.

Welchen Künstler feierst du gerade?

Es gibt Leute die haben geile Inhalte, aber rappen dann nicht dope oder Leute, die rappen besonders dope, aber haben scheiss Inhalte. Motrip find ich ganz geil. SSIO macht geile Mucke, feiere ich derbe, aber ist extrem nichts sagend und noch mehr als das. Aber geile Mukke eben. Sonst jenseits von Rap feiere ich extrem Pink Floyd.

Wie hat sich dein künstlerisches Sein und deine Arbeit seit dem Vertrag mit Showdown Records verändert und bist du mit dem Erfolg von Kontraste zufrieden?

Zwischenzeitlich komplett. Ist nicht einfach, sich auf einmal arrangieren und Kompromisse eingehen zu müssen. Weil man auch ganz anders unter Kritik steht, viel tiefer und professioneller.

Ich bin auf Platz 19 gestartet in einer schweren Woche und für das erste Album bin ich jedenfalls zufrieden. Durch den Erfolg erarbeitet man sich auch Freiheiten für die zukünftigen Projekte. Das nächste Album wird raffiger, rappiger und härter. Aber ich will langfristig auch Radiomukke machen und versuche in diesem Wettkampf als Gewinner hervor zu gehen. Ich verdiene damit meinen Lebensunterhalt und verstehe es deshalb auch als Lohnarbeit. Wie alle versuche ich auch auf die Sonnenseite zu wechseln und versuche damit Geld zu verdienen.

Du warst jetzt mit Kontra K auf Tour und hast deine kleine eigene Tour gespielt, welche Erfahrungen hast du gemacht?

Klar muss man es erst mal lernen vor so vielen Menschen zu spielen. Aber man lernt auch diese Wechselwirkung mit dem Publikum aufzubauen, das bleibt aber immer eine Variable. Nun bin ich so professionell, dass ich unabhängig davon meine Show präsentiere und versuche es bestmöglich durchzuziehen. Durch den Adrenalinschub bist du auf der Bühne in einer Blase; wie in einer anderen Realität. Aber du lernst mit jedem Auftritt diese Blase besser kennen und wirst damit routinierter und besser.

Was können wir von dir musikalisch in nächster Zeit erwarten?

Das nächste Album kommt Oktober. Weil mir die Pause zwischen den Alben zu lang war, arbeite ich an einem Mixtape.

Wie schon gesagt, jetzt hab ich Bock auf ein rebellisches Projekt, was auf die Fresse haut und viele sich drüber aufregen. Was man also von mir immer so erwarten kann sind introspektive und politische Songs; nur härter und raffiger. Radiomukke kann ich ja auch später noch machen.

Wie stellst du dir musikalisch und von der Professionalität her den nächsten Schritt vom jetzigen zum nächsten Album vor?

Ich dachte immer, dass man von Projekt zu Projekt sich neu erfinden und etwas ganz anderes machen muss. Langsam wird mir aber klar, dass man nicht etwas neues machen muss, sondern das was man schon macht, sollte besser werden und klar muss man auch sein Repertoire verbessern. Ich habe meinen Style und meine Themen und daran arbeite ich…

Manche sehen ein Revival vom politischen Rap, was sagst du dazu? Und was ist politischer Rap überhaupt und ist Rap von der Strasse nicht immer politisch?

Ich bin kein „Zeckenrapper“ und möchte es auch gar nicht sein, wenn ich Bock auf rein politische Unterhaltung hab, dann schau ich Kabarett. Ein Musiker sollte mehr Themen ansprechen, denn das Leben besteht ja nicht nur in dem Grossen und Ganzen. Eigentlich muss man aber auch sagen, dass Kunst immer politisch ist, weil man etwas verkörpert und man eine Aussage hat. Deshalb kann man auch die Songs von Bushido als politisch sehen: Warum ist er, wo er ist und warum sagt er, was er sagt. Aber klar kann man auch beobachten, dass es ein Revival von richtigem politischem Rap gibt. Vor allem feiern wir doch alle das Album von KIZ.

Das Motto des Klassenfests in Hamburg lautet wieder »Klassenfest gegen Staat und Kapital – Hip-Hop Open Air For The Lower Class«. Was hältst du davon?

Find ich gut. Vor allem muss man sich auch von dieser subjektlosen Kapitalismuskritik abgrenzen. Wenn man kämpfen und irgendwann wirklich die Revolution durchführen will, wird dies ja auch ganz konkret Leute aus der anderen Klasse treffen. Wenn man jetzt zum Beispiel nach Blankenese geht und da einem Bonzen erzählt, dass man aus seiner riesigen Villa ein Flüchtlingsheim machen will und seine Autos verkaufen und dem Allgemeinwohl zu gute kommen lassen will, wird er dem doch nicht zustimmen; das ist ja nicht in seinem persönlichen Interesse. Viel mehr wird er sich mit allen Mitteln dagegen wehren. Das sind eben immer konkrete gesellschaftliche Kämpfe. Da gibt es Verlierer und Gewinner, deshalb find ich die Parteinahme für die unterdrückte Klasse richtig.

Der 1. Mai steht bevor, kommst du auf die revolutionäre 1. Mai-Demo in Hamburg und was bedeutet für dich der 1.Mai?

Ich komm auf jeden Fall. Ich komme ja jedes Jahr. Das Problem ist, dass die Mehrheit der Lohnarbeiter nicht begreifen, dass wir für sie auf die Strasse gehen. Egal was passiert, die bürgerlichen Medien hetzen gegen uns und es trägt leider auch Früchte. Der 1. Mai ist der Kampftag der Arbeiterklasse und das sollte jedem klar sein, der von Unten kommt und miterlebt hat, dass die Eltern jeden Tag malochen und nach der Arbeit so im Arsch waren, dass sie sich nicht um ihre Kinder kümmern konnten. Dieser Tag sollte für jeden ein Anlass sein für bessere Bedingungen und für ein besseres Leben auf dies Strasse zu gehen.

Nächstes Jahr soll der G20-Gipfel nach Hamburg kommen – ein riesen TammTamm um ein paar Bonzen – was hältst du davon?

Es werden viele Menschen aus verschiedenen Teilen Europas hierher kommen und zusammen protestieren, das bietet also auch eine Gelegenheit des Widerstandes. Aber in Hamburg sollte man sich mal lieber mit dem Geld um mehr Kitaplätze bemühen, anstatt die Politiker in S-Klassen durch die Stadt zu chauffieren und die Bonzen mit Kaviar und Muscheln zu umsorgen. So ein für uns sinnloses Event sollte man mindestens stören und ihnen zeigen, dass sie nicht willkommen sind.

AFD bei über 10 % in sämtlichen Prognosen, Rechtspopulisten in verschiedenen europäischen Ländern an der Macht. Was droht uns und was kann man machen?

Das zeigt vor allem ein Defizit von uns, dass „die Mitte“ versagt ist ja klar, aber diese Leute auf der Strasse hätten wir abholen müssen. Die sind unzufrieden und die AFD hat es geschafft diese Unzufriedenheit zu kanalisieren, nicht mit einer Priese sondern einer Kelle an Rassismus. Wir hätten im Vorfeld den Leuten klar machen müssen, dass nicht der arme Flüchtling das Problem ist, sondern das System. Das eine Opfer wird gegen das andere Opfer dieses Systems aufeinander gehetzt und die Täter und Profiteure können seelenruhig weiter machen. Wir müssen also mehr tun und die Menschen mit unseren Lösungsansätzen erreichen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch ein gewisses Potenzial von rechtsradikalem Gedankengut und die AFD hat es geschafft, dass viele sich dazu bekennen und sich nun offen zeigen können.

Und zum Schluss:

Musik im Kapitalismus ist…


…Lohnarbeit, wenn man zumindest bei einem Label unter Vertrag ist.

Die Situation in Deutschland in 10 Jahren sieht so aus…

..ganz schwer zu sagen, macht mir Angst. Viele, die 2030 in Rente gehen, werden von Altersarmut betroffen sein. Die Zahl der Sportwagen auf der Strasse und Pfandsammler steigen etwa im gleichen Masse. Der Kapitalismus ist in einer Krise, schafft aber dadurch für uns auch Möglichkeiten.

Revolution find ich…

…unbedingt notwendig!

lcm

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