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Interview mit Markus “Punky” Kenner | Untergrund-Blättle

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Züri brännt: Texte zur Bewegung Interview mit Markus “Punky” Kenner

Kultur

Ich wohne im Kreis 4, in der Nähe vom Bullingerplatz. Wir sind jetzt auf der Bullingerwiese im Schatten.

Züri Brännt, 1980.
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Bild: Züri Brännt, 1980. / strapazin

26. August 2022
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00:00 Es ist einer der heissesten Tage, in Zeiten, wo es immer heisser wird, aber nicht aus politischen Gründen. Schon ein bisschen. Aber vor allem durch die Klimaentwicklung. Damals war es ein heisser Sommer wegen der Aktivitäten.

00:29 Ich bin Markus Kenner, ich habe schon vor 1980 den Übernamen Punky bekommen, weil ich 76, 77 im Jugendhaus Schindlergut neben Rock und Reggae auch Punkplatten aufgelegt und der Name begleitet mich bis jetzt.

00:51 Wichtig war für mich die Gruppierung „Rock als Revolte“. Wir haben uns am Ausland orientiert, in England gab es „Rock against Racism“, das wurde auch von linken Gruppierungen gegründet. Sie haben Festivals gemacht, es ging auch darum, gegen damals aufkommende Neofaschisten – es war auch wichtig, dass bekannte Bands wie The Clash und so, aber auch Reggaebands da mitgemacht haben.

01:21 Unter dem Motto „It’s a Punky Reggae Party“. Das war nicht selbstverständlich, dass die weisse Mittelklasse, Proletenbands mit karibischen Einwanderern, die den Reggae nach England gebracht haben, zusammenarbeiten. Eine Bewegung fällt nicht vom Himmel. Ein paar Rädelsführer reichen nicht, es braucht ein Thema, es braucht Leute, die dran sind, die sagen, wir wollen etwas erreichen.

01:47 Das haben wir schon 79 gemerkt, weil all die Treffpunkte zugemacht wurden. Es gab einen Mangel an Freiräumen und dann kam noch das dazu mit der Roten Fabrik. Wir Jungen haben Bittschriften gemacht, Petitionen: Gebt uns die Rote Fabrik! Wir sind ins Stadthaus, sie haben es also gewusst. Und dann durch den Knall am 30. Mai hat die Stadt gemerkt, sie muss reagieren.

02:15 Ich war auch dabei und es gibt sogar noch einzelne Spruchbänder, wo ich meine Schrift wiedererkannt habe. „Wir sind die Kulturleichen der Stadt“ war ein Spruch, der wichtig wurde, der ist in unserer WG gesprayt worden und eine Zeitlang hatte ich vergessen, dass ich den Spruch gesprayt habe. Also wir waren ein Grüppchen von 30-50 Leuten, die die Demo vorbereitet haben und 200-300 Leute sind gekommen.

02:44 Und dann hat es schon wegen dem, was wir erreichen wollten aber auch durch sehr ungeschickten Einsatz von der Polizei, die zu hart reagiert hat und mit einem sehr ungeschickten Stadtrat, der es nicht verstanden hat, mit der Jugend einen Dialog aufzunehmen, ist aus den paar Hundert Leuten eine Bewegung geworden, wo am Schluss 10.000 Leute zu den Demos gekommen sind.

03:09 Es gab einen Artikel, so um den 10. Juni 1980, der Tagesanzeiger hat geschrieben: „Wie aus 300 Leuten eine Bewegung wurde“. Und ab da, also nach zwei Wochen Krawall wurde uns erst bewusst, ah, wir sind eine Bewegung. Da sind Kleber aufgetaucht: „Bewegig“. Vorher hat man einfach Action und Demo gemacht, raus mit den Gefangenen! AJZ, aber subito! Aber durch Bewegung hat man eigentlich erst realisiert, dass man stark ist, und auch stark durch Militanz.

03:42 Und dann haben wir gesehen, dass in Deutschland Rock gegen Rechts, die haben das auch übernommen… wir sind dort mit Fredy und ein paar anderen zu Festivals gegangen und haben gefunden, ja uns brennt das auch unter den Nägeln. Es war nicht so sehr der Faschismus, sondern es ging um Freiräume, um günstige Konzerte, um Alternativkultur. Es gab viel zu wenig, auch im kommerziellen Rahmen.

04:11 Veranstaltungen konnte man an einer Hand abzählen am Wochenende. Wir haben für den Moment gekämpft und hatten die beiden Ziele vor Augen. Das AJZ wurde bald eröffnet, die Rote Fabrik konnte immerhin einen Teilbetrieb aufnehmen. Man musste um jeden Raum kämpfen, um jeden Tag, an dem man die Aktionshalle benutzen durfte. Die Rote Fabrik war ein Freiraum, klar, eingeschränkt, das ist kommerziell geführt.

04:40 Also es wird kein Profit gemacht, aber es kostet Eintritt und es gibt Angestellte, die dort arbeiten… aber es ist ein Freiraum, der sich schon fast 40 Jahre gehalten hat. Das wussten wir damals nicht, wie sich das weiterentwickelt. Beim AJZ ging es nicht so lang, man hat vielleicht auch selber Fehler gemacht. Man hat zu viel zugelassen.

04:58 Aber auch die Stadt mit der ganzen Situation mit den Drogenabhängigen, mit den Junkies damals, hat man aus der Stadt vertrieben und einfach ins AJZ geleitet, da hat sich alles getroffen. Ich selber habe im AJZ im ersten Sommer noch mitgemacht und als ich gemerkt habe, dass die Rote Fabrik aufgehen kann im Oktober, bin ich dorthin zum Arbeiten gegangen. Und habe in der Bewegung an den Demos noch mitgemacht, aber das war mehr als ein Fulltime-Job.

05:32 Wir haben mit einem kleinen Budget angefangen, mit einem ganz kleinen Team und mussten alles improvisieren und auf die Beine stellen. Es gab keine Bühne, keine Sitze, Café, Theater… keine Leinwände, keine Anlage, keine Scheinwerfer und nach und nach hat sich das entwickelt. Geld ist schon gekommen von der Stadt, ich wüsste den genauen Betrag nicht mehr. Am Anfang ein paar 100.000 Franken.

06:06 Mit der Zeit wurde es mehr, der Probebetrieb wurde verlängert, 86, 87 ca. war dann Volksabstimmung, wo die Mehrheit der Zürcher Bevölkerung erstaunlicherweise entschieden hat, OK, das ist jetzt auch ein Teil der Kultur. Aber sie kämpfen immer noch ums Geld, es ist immer noch zu wenig. Und verglichen mit dem gesamtstädtischen Kulturbudget hat die Alternativkultur, Künstlerinnen, die freie Szene, Theatergruppen, die haben immer noch zu wenig.

06:37 Die grossen Vier haben immer noch wahnsinnig viel von dem Gesamtbudget für sich. Ich kenne Leute, die im Opernhaus und im Schauspielhaus arbeiten, ich sehe, wie dort gearbeitet wird. Jeden Abend eine andere Aufführung, immer wird alles umgebaut, von ganz vielen Technikerinnen… es ist ja gut, dass sie ihre Arbeitsplätze haben – aber ein Aufwand, der in der Roten Fabrik gar nicht möglich wäre.

07:00 Aber, was erstaunlich ist, ich bleibe jetzt mal bei der Kultur: Die Fabrik war der Startort für viele Leute im Kulturbereich, die haben dort angefangen und später ihre Karriere gemacht und sind international bekannt geworden. Oder zumindest national. Das Theaterspektakel wurde in dieser Zeit gegründet, oder in der Fabrik gab es Theatergruppen, Comedy vom Federico Pfaffen in den ersten paar Jahren.

07:29 Hat zugelassen, dass man da eine Oper aufgeführt hat, das Theater, aber mit Punkbands zusammen. Das war fantastisch, der kreative Austausch. Im Publikum, man kannte sich, es war eine Szene von ein paar hundert bis paar tausend Leuten. Und warum hat man sich gekannt? Weil es in der Stadt fast nichts gab. Das AJZ konnte nicht so viel machen, das war nach der Schliessung definitiv vorbei.

08:04 Es hat lange gedauert, bis die Orte, die wir jetzt kennen, seit der Jahrtausendwende, die viele Orte, die es jetzt gibt, gab es nicht. Da ist man halt da raus, mit der Zeit kannte man die Leute. Und man musste neue Sachen zulassen, die vorher nicht vorgesehen waren. Im bürgerlichen Kulturbetrieb, im Feuilleton kam das nicht vor. Pop- und Rockmusik sei keine Kultur, hiess es. Hiphop, Grunge und Techno gab es noch nicht, das ist alles noch dazugekommen.

08:41 Das hat versucht, seine Räume zu erobern und in Zürich ist viel passiert seither. Man kann sagen, es ist viel Kommerz gekommen, aber auch viel Kreativität ist durch die 80er Jahre angerissen worden. Ich war 80 schon über 20. Als ich um die 20 war, war ich schon aktiv im Jugendhaus Schindlergut. Ich habe KV gemacht und eine Zeitlang gejobbt, das ging schon. Aber man konnte gut leben, vor allem, wenn man in billigen WGs gelebt hat, konnte man 50% jobben und hatte noch Zeit für politische Aktivitäten.

09:18 Ich bin aufgewachsen in Wittikon, das ist auf gleicher Höhe wie der Züriberg aber von der sozialen Durchmischung am Anfang eher Mittelstand, auch viele Künstler, keine Bonzen. Mit der Lehre bin ich in die Stadt gekommen und habe mich in der Zeit politisch und kulturell, musikalisch interessiert, bin zu Veranstaltungen gegangen und habe angefangen, Konzerte zu machen. Von daher war es fast logisch, dass ich in der Roten Fabrik den Bereich Konzerte übernommen habe, mit anderen zusammen.

10:00 Mein Sohn ist 81 auf die Welt gekommen, ist also quasi ein Bewegungskind, ein Kind des heissen Sommers 80. Das hat mein Leben ein bisschen verändert, ich habe noch in der Roten Fabrik gearbeitet, allerdings nicht mehr 100%. Und das war dann meine Szene, die Rote Fabrik, die mich so absorbiert hat, dass ich noch an Demos gegangen bin, aber, was auch interessant ist, keine Steine mehr schmeissen gegangen bin.

10:30 Viele der jüngeren Militanten fanden die Rote Fabrik verdächtig, kommerzvereinnahmt und so. Und es gab Leute, die jahrelang nicht mehr mit mir geredet haben. Gesagt haben, Verräter! Was soll ich dir noch grüezi sagen! Und der Fraktionismus hat sich irgendwann in der Bewegung schon durchgesetzt. Man hat oftmals gegeneinander gearbeitet statt miteinander und hat Differenzen mehr betont als Gemeinsamkeiten, gegenüber – ich sag jetzt mal so einen Begriff von damals – gegenüber dem Klassenfeind.

11:03 Gegenüber dem Bürgertum, dem Staat. Das war schon schwierig, war vielleicht auch ein Teil davon, warum vieles im AJZ nicht funktioniert hat, weil Meinungsverschiedenheiten zu tag getreten sind. Zu meiner Lehrzeit war noch die ausgehende Hippiezeit. So hat man sich auch gekleidet: Afghanenmäntel, indische Batikhemden und so. Die Haare wollte ich wachsen lassen, war schon ein bisschen schütter, ich hatte nie sehr lange Haare.

11:37 Aber ich bin auch, obwohl ich den Namen Punky bekommen habe, ich war nie ein waschechter Punk von der Szene 76-80, die haben mich gekannt, aber ich habe mich nicht aufgedonnert wie ein Punk. Ich habe auch nicht zum inneren Zirkel gehört. Interessant ist, dass dann nicht nur ich, sondern viele Leute, das sieht man auf Film- und Videoaufnahmen, noch lange Haare hatten. Und dann 80, 81, haben viele Leute sich die Haare geschnitten oder kahlrasiert, als Zeichen der Militanz, oder wir werden jetzt auch Punks.

12:17 Die anderen Punks von 76 haben sich schon musikalisch ein bisschen weiterentwickelt, haben was Anderes gemacht. Und dann gab es viele Bewegung-Punkbands. Das war interessant, wenn man sich anders gekleidet hat, oder auch bei den Frauen, wie sich der Look verändert hat, wenn man nicht auf das Modische eingestiegen ist. Miniröcke waren verpönt, sich schminken war verpönt. Da gab es Leute, Frauen, die das wollten haben Ärger gekriegt an den Orten, wo sie verkehrt sind, z.B. im Xenix.

12:51 Und am Anfang in der Roten Fabrik gab es noch keine offizielle Disco. Die ersten zwei Jahre hatten wir eine illegale Disco nach den Konzerten, Club 395 hiess das. Alles ohne Bewilligung, wir haben uns auch geweigert, Billettsteuer zu zahlen. Das DJen war das eine von mir und das andere, dass ich die Bands organisiert habe. Am Anfang amateurmässig und dann mussten wir professioneller arbeiten, sind nach London zu den Agenturen und haben geschaut, dass die bekannten Bands zu uns in die Rote Fabrik kommen können. Nicht nur ins Volkshaus.

13:29 Es gibt in der Geschichte der Fabrik mehr positive Konzerte, die blieben, oder dass so berühmte Bands wie Nirvana dort gespielt haben, oder Soundgarden. Mir sind Erinnerungen geblieben an die Konzerte in den ersten Jahren, wo es Ärger gab. Wo die Aggression, die auf der Strasse war, in den Auseinandersetzungen mit der Polizei sich an den Konzerten entladen hat und Leute zum Teil aggressiv mit Flaschen und Gläsern um sich geschlagen haben oder sich zum Teil selber die Haut aufgeritzt und mit Blut herumgespritzt haben.

14:09 Da gab es ein paar tumultuöse Konzerte, wo Scheiben eingeschlagen wurden. Es war eine Subkultur. Ich habe erwähnt Punk, Reggae, aber auch Rock war wichtig, die Vermischung. Es gab Feste, z.B. 79 schon, da wo die Bäckeranlage ist, war eine Durchgangsstrasse. Da hat man alte Reifen auf die Strasse gestellt, gefüllt mit Erde und Bäumen aus dem Wald und hat ein Protestkonzert gemacht. Es gab viele Aktionen, wo die Musik dazugehört hat.

14:58 Was bleibt? Die kulturelle Vielfalt, was alles gekommen ist. Und dass für meinen Sohn und für nächste Generationen Zürich freier, bunter geworden ist. Vorher war zu wenig los.

Interview aus Strapazin NO:137

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