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Die Unks - Interview mit Boni Koller | Untergrund-Blättle

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Züri brännt: Texte zur Bewegung Die Unks - Interview mit Boni Koller

Kultur

Vor der Bewegung war es viel lustiger in der Punkszene. Dann ist die 80er Jahre Coolness aufgekommen: Schau mich an, ich bin so kaputt, ich hab schon drei Linien genommen, ich bin nicht drogensüchtig… aber ein bisschen schon.

Züri Brännt, 1980.
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Bild: Züri Brännt, 1980. / strapazin

9. September 2022
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00:00 Aus Unsicherheit, eine Mischung aus arrogant und nicht kommunikationsfähig.

00:38 So eine ratlose Mischung. Ich glaube heute sind die Leute grundsätzlich offener.

00:49 Die Punkszene war vorher wie eine verschworene Pfadfindergemeinschaft, mit ein paar hundert Leuten in der ganzen Schweiz. Die waren sehr unter sich und es war sehr lässig bei diesen Konzerten. Ich habe auch dazugehört, am Anfang war ich noch als Langhaariger bei den Konzerten und dann fand ich, das ist super, wo ich schon die ganze 60s Sache verpasst habe, vom Alter her, dann verpasse ich das jetzt wo ich 17 bin natürlich nicht ein zweites Mal und habe mich auch reingestürzt.

01:20 Ich wollte schon immer Musik machen aber ich bin ein bisschen verzweifelt, weil ich dachte ich lerne nie Gitarre spielen wie ein Clapton und überall sah man Leute mit Flitzefingern und ich war zu faul, das zu lernen. Aber wenn die Ramones das können, dann kann ich das auch, mit ein paar Griffen. Dachte ich. Und habe es dann auch gemacht.

01:44 Was mich endgültig überzeugt hat, war, als Kleenex „Hedi’s Head“ rausgebracht haben, fand ich super genial, die Vier-Track-Single. Das war der endgültige Schritt für mich: OK, jetzt muss ich mit ein paar Leuten, die ich kenne, auch eine Band gründen – und das haben wir dann gemacht.

02:21 Als die Bewegung kam, ging ein neues Kapitel los. Die Hippies haben sich die Haare abgeschnitten und waren sofort die extremsten Punks. Das hat sich als Dresscode durchgesetzt, dass das jetzt cool ist: Nicht mehr die langen Haare, die Jungen haben jetzt kurze Haare. Und dann wurde das so besetzt.

02:46 Vorher war es politisch nicht klar mit dem Punk, später war klar, man ist jetzt anarcho-links und ist quasi Punk. Ich bin in Wollishof aufgewachsen. Man ist dann z.B. ins Niederdorf gegangen, zwischen Bellevue und Central auf- und abgelaufen, hat gehofft, dass etwas passiert und es ist nichts passiert.

03:15 Das waren die Hauptprobleme: Wenn man sich nicht für Mainstream-Kultur interessiert hat oder jung war und kein Geld hatte, gab es keine Treffpunkte. Kein Angebot, es gab die Polizeistunde, knallhart um 12 Uhr wurde alles dichtgemacht. Später waren nur noch die Striptease-Schuppen offen, wo man nicht hingeht. Und würde man hingehen, würde ein Bier… das kann man nicht zahlen.

03:50 Was es auch gab, war, dass verschiedene Konzerte gestürmt wurden. Die grossen Konzertagenturen, Good News oder Free and Virgin einfach versucht hat zu überlisten mit gefälschten Eintrittskarten, mit reinschleichen… es war am Brodeln. Auch die Rote Fabrik war vorher zweimal besetzt worden. An einem Wochenende habe ich selbst gespielt mit meiner Band, mit Nilp.

04:19 Es war ein buntes Durcheinander. Es gab eine Bluesband, einen Liedermacher, eine New Wave-Band und wir – für jeden was. Und dann wurde darauf aufmerksam gemacht, am 30. Mai machen wir eine grössere Demo vor dem Opernhaus. Da ist eine Premiere. Wir wären froh, wenn ihr alle kämt, das wird lustig. Wir müssen der Stadtregierung klarmachen, dass wir auch wer sind.

04:51 An dem Tag, am 30. Mai hatte ich eine Schulreise. Abends sofort an die Demo, ich bin gekommen, als das Ganze sich vom Bellevue vor das Opernhaus verschoben hat. Genau richtig angekommen, eine Viertelstunde später ging es los.

05:09 Eigentlich war es eine lose, zufällige Ansammlung von Leuten, denen langweilig war oder die gesagt haben, ich habe ein politisches Anliegen oder ich hab gerade Zeit. Oder, ich habe gehört, da ist was los, ich gehe mal gucken.

05:27 Am gleichen Tag war auch das Bob Marley Konzert und als es zu Ende war, sind viele Leute übers Central von Oerlikon zurückgekommen. Das Central war stillgelegt in punkto Verkehr, lalü-lalü, auf und ab. Ist ja hochinteressant! Viele haben sich dann auch eingemischt. Und am nächsten Tag ist es weitergegangen, dann war die zweite Krawallnacht und es sind noch mehr Leute gekommen.

05:51 Für mich war eine sehr starke politisch Komponente dabei. Ich hatte wahnsinnig Zukunftsangst, Umweltschutz, Hilfe, wir machen alles kaputt, die Idioten fahren weiterhin Auto, als wäre nichts. Andererseits sehr grosse Abneigung gegen das Militär. Ich war schon sehr links.

06:12 Als die Polizei das noch mehr angeheizt hat, bin ich vielleicht noch mehr links geworden oder habe mich anders positioniert. Ich dachte, geht’s noch? Wir bekommen nichts… es ging auch um Konzerträume, aber an dem Tag dachte ich, es geht um ein allgemeines Unbehagen und die Konzerträume.

06:34 Sie haben noch das Drahtschmiedli abgerissen kurz vorher, der grosse Saal, wenn man aus dem Milchbuck kommt und Richtung Bellevue fährt. Und es gab noch einen Konzertraum auf der Polyterrasse, das hiess Freaks am Freitag oder so.

06:50 Für mich war es eine gewisse ratlose Verzweiflung, aber gleichzeitig Aufbruchsstimmung. Wobei es 80 angehalten hat und 81 fing es an, schlimmer zu werden, mit den ganzen Drogenproblemen im AJZ.

07:05 Vorher wurde auf dem Hirschenplatz im Niederdorf gekifft, an der Riviera natürlich, das ist unter dem Bellevue, wo jetzt die Bootsvermietung ist. Auf der Treppe wurde gekifft und mit anderen Drogen gehandelt. Und all die Sachen wurden zugemacht. Man hat den Leuten gesagt, die vertrieben wurden, den paar Junkies: Geht doch ins AJZ, da seid ihr unter euresgleichen.

07:37 Die sind dann gekommen, die Dealer und so weiter. Mit der Fixerstube und den Notschlafräumen… aus der ganzen Schweiz und von ausserhalb sind Leute gekommen: Da kann man billig oder gratis übernachten, gleich neben dem Bahnhof. Ist ja für Tramper und Rucksacktouristen auch interessant.

08:04 Und man kann im rechtsfreien Raum kiffen, ohne, dass man polizeilich kontrolliert wird. Die Bewegung war eine Ansammlung unterschiedlichster Interessensgruppen. Es war keine einheitliche Bewegung. Man hat sich aus nicht darauf eingelassen, dass man einen Sprecher oder Chef hat.

08:28 Ganz dezidiert hat man gesagt, wir wollen keine Galleonsfiguren, die das Wort führen. Aber an den Vollversammlung war ein Geschwafel, einer nach dem anderen ging ans Mikrofon und die Versammlungen haben ewig gedauert. Erst im Volkshaus, dann auf der Strasse mit dem Megafon und später im AJZ.

08:51 Am Anfang war das spannend und man hat zugehört und gedacht, muss ich jetzt auch was sagen? Aber nein, der oder die hat es jetzt schon gesagt… es ging darum, dass irgendjemand eine Forderung formuliert, die einigermassen versöhnlich ist, oder fast schon von der Gegenseite akzeptiert werden könnte.

09:15 Und dann endete es meistens mit irgendeinem testosterongesteuerten Mann, der sich profilieren wollte und gesagt hat so, das Softie-Geschwafel ist jetzt endgültig genug, wir haben darüber schon geredet, wir gehen jetzt sofort Krawall, zur Demo – und zehn Minuten später kam die Polizei und die nächste Krawallrunde ging los.

09:43 Das war irgendwann ein automatisches Spiel, mit der Zeit war es immer wieder das Gleiche. Gegenseitige Vorwürfe, die verschiedenen Interessen, das Drogenproblem wurde ins AJZ geschoben… das hat es schlussendlich auch viel schwieriger gemacht und wahrscheinlich mit beerdigt.

10:05 Ich war auch mal eine Woche in U-Haft. Ich war einer von hundert Leuten, die in der Tiefgarage neben dem Kaufleuten eingekesselt wurden. In der Nacht wurden über hundert Leute verhaftet, nur an dem einen Ort. Allen wurde vorgeworfen, Gewalt gegen Beamte, Landfriedensbruch, Sachbeschädigung, all das.

10:27 Alle haben die Aussage verweigert. Man wurde angehalten, das zu machen, sei am einfachsten und am besten. Und dann haben sie ein paar behalten und ich war einer derjenigen, die eine Woche in U-Haft waren.

10:47 Es gibt viele Leute, die auf der Strecke geblieben sind. Ganz viele Drogentote. Es gibt viele Opfer unter dieser Generation und andererseits hat die super Unterhaltungsindustrie heute in Zürich da seine Wurzeln. Später mit der Technogeneration, die eigentlich das gleiche gemacht haben, mit illegalen Clubs… die Polizeistunde, die in Zusammenhang mit der Fussball-WM 94 abgeschafft wurde… das hat schon viel in der Unruhezeit seinen Ursprung vielleicht.

11:42 Ich glaube nicht, dass man das so wiederholen müsste, wie wir das damals gemacht haben. Es war auch sehr schmerzhaft für die Beteiligten. Und man kann nicht einfach beschliessen, das braucht es. Es entsteht oder es entsteht nicht. Momentan ist mit den ganzen Klimaaktivisten auch etwas am Entstehen, dass die jüngere Generation vielleicht nicht nur super egoistisch und hedonistisch unterwegs ist.

12:10 Als ich von der Demo gelesen habe, vor der Credit Suisse am Paradeplatz, da sind die Leute so entschlossen und brutal angepackt worden und mit drakonischen Strafen, das hat mich sehr an 1980 erinnert.

Interview aus Strapazin NO:137

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