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La Negra - Ein Nachruf auf Mercedes Sosa | Untergrund-Blättle

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Eine Institution, die von den unterschiedlichsten Musikern bewundert wurde La Negra - Ein Nachruf auf Mercedes Sosa

Kultur

Es gibt Menschen, von denen man glaubt, sie lebten ewig. Bei ihr war das jedenfalls so. Sie war irgendwie schon immer da, ihre Stimme immer gegenwärtig. Als ich begann, lateinamerikanische Musik zu hören, - Gott wie lang ist das jetzt her? - war sie bereits ein Star, bekannt selbst in Europa.

Mercedes Sosa in Argentinien, 1972.
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Mercedes Sosa in Argentinien, 1972. Foto: PD

24. Oktober 2009
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Ihre Stimme blieb im Ohr, von Anfang an - dunkel, kämpferisch, zärtlich. Sie sang Lieder, die ich irgendwie verstand, zunächst auch ohne den Text zu verstehen.

Sie schrieb diese Lieder nicht selbst, sie coverte Titel von Kollegen aus ganz Lateinamerika. Eine ganze Reihe dieser Lieder sind ihre Lieder geworden, bei denen man, schon wenn man nur den Titel hört, ihre Stimme im Ohr hat: Cuando tenga la tierra, Canción con todos, Todo cambia, Será posible el sur. Ja selbst León Giecos berühmtes Solo le pido a Diós kennen die meisten vor allem in ihrer Interpretation.

Haydée Mercedes Sosa, la negra - die Dunkle - geboren am 9. Juli 1935 in Tucumán, einer Stadt im Norden Argentiniens, zu Füssen der Anden. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, mit dem Hunger als häufigem Wegbegleiter. Die Musik war vielleicht eine Möglichkeit des Ausbruchs aus diesem Milieu. Im Jahr 1960 begann sie zu singen - ihrer Eltern wegen zunächst unter Pseudonym, trat sie bei einem örtlichen Radiosender auf, mit dem Zeugs, das man seinerzeit so hören wollte. Aber ihre Stimme fiel auf.

Eine Wandlung ihres Repertoires kam Ende der 50er Jahre. Es war wohl nicht zuletzt die Beziehung zu dem Komponisten und Sänger Manuel Oscar Matus (die beiden heirateten 1957), die diese Veränderung bewirkte. In Buenos Aires, wo sie ab 1958 lebte, gründeten die beiden zusammen mit Armando Tejeda Gómez und César Isella den Nuevo Cancionero Argentino. Dem Beispiel ihres Landsmanns Atahualpa Yupanqui folgend, wollten sie der "Volksmusik eine neue Würde" verleihen. Das war 1962.

Ihre ersten Alben wollte allerdings niemand haben, sie blieben weitgehend ohne Beachtung. Doch bereits Mitte der 1960er Jahre kam der Durchbruch für Mercedes Sosa, und damit wohl auch für das Neue Lied in Argentinien. Sie hatte zu ihrem unverwechselbaren Stil gefunden, einer Verschmelzung von lateinamerikanischer Folklore und den Traditionen der spanischen Lyrik.


Bild: Mercedes Sosa, 1973. / Unbekannt (PD)

Sie wandte sich der politischen Linken in ihrem Land zu, begriff ihre Aufgabe als Sängerin auch als "Pflicht, Ungerechtigkeiten anzuklagen, eine Botschaft des Kampfes und der Hoffnung zu übermitteln".

Dabei waren ihre Lieder nie platt, plakativ - aber das politische Lied in Lateinamerika war wohl schon immer poetischer als wir das hierzulande gewöhnt sind. Sie sagte einmal, man könne nicht zu viel von einem Künstler erwarten.

Der Kampfgeist eines Sängers drücke sich auch und vor allem im Grad seiner Aufrichtigkeit aus.

Nach dem Militärputsch 1976 blieb sie im Land, ganz bewusst ein Zeichen setzend. Erst nach Schikanen durch die Militärs, als sie und Teile des Publikums eines Konzerts in La Plata 1979 verhaftet wurden, ging sie ins Exil.

Das erste Konzert nach dem Exil wurde 1982 zu einer triumphalen Demonstration gegen die Militärdiktatur. Seitdem veranstaltete sie gefeierte Konzertreihen in Argentinien, bereiste die Welt, wurde im Teatro Colón in Buenos Aires ebenso gefeiert wie in der New Yorker Carnegie Hall oder dem Concertgebouw in Amsterdam.

Selbst bei Veranstaltungen wie dem ARD-Wunschkonzert (1987) begeisterte sie das Publikum, das nun wirklich nicht zu den "typischen" Fans der Sängerin gehörte. La negra war wohl zuletzt eine Institution, die von den unterschiedlichsten Musikern bewundert und zur Zusammenarbeit eingeladen wurde - von Pavarotti über Sting und Konstantin Wecker bis hin zu Popröhre Shakira.

Am 4. Oktober 2009 ist Mercedes Sosa in Buenos Aires gestorben. Sie ist verstummt, doch ihre Stimme wird bleiben: Dunkel, kämpferisch, zärtlich.

Gabi Töpferwein
Quetzal Leipzig

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