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Viridiana: Rezension zum Film von Luis Buñuel | Untergrund-Blättle

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Rezension zum Film von Luis Buñuel Viridiana

Kultur

In Viridiana setzt sich Luis Buñuel mit der Polarität zwischen den Wertansichten der katholischen Kirche und der Lebenswirklichkeit der unteren Gesellschaftsschichten auseinander.

Büste von Luis Buñuel.
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Bild: Büste von Luis Buñuel. / José Antonio Bielsa Arbiol (CC BY-SA 2.0 cropped)

8. November 2011
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Die Novizin Viridiana erbt das Anwesen ihres Onkels Don Jaime und fasst daraufhin den Entschluss, aus dem Herrenhaus ein Heim für Arme und Hilfsbedürftige zu machen. Sie lädt daher sämtliche Obdachlose des Ortes und den unehelichen Sohn ihres Onkels, Jorge, auf das Anwesen ein. Getreu ihren christlichen Prinzipien versucht die junge Frau, allen ihren Gästen mit Nächstenliebe und Verständnis gegenüber zu treten. Während der Abwesenheit Viridianas und Jorges schleichen sich die Obdachlosen, die eigentlich im Zeughaus untergebracht worden sind, in das prunkvolle Herrenhaus und feiern eine masslose Orgie…

Viridiana, die nach strengen katholischen Prinzipien lebt, wird von den Obdachlosen in keinster Weise ernst genommen, geschweige denn respektiert; man erklärt die Gönnerin für verrückt und mokiert sich über deren „hohe Ideale“.

Jorge hingegen, der aus den Ländereien möglichst viel Kapital schlagen will und sich an seinem neu erworbenen Wohlstand ergötzt, verkörpert den Typus des bourgeoisen „Neureichen“.

Buñuel gelingt es in seinem kammerspielartig inszenierten Film, grundlegende gesellschaftliche Konflikte in verdichteter Form darzustellen und der Lächerlichkeit preis zu geben – Viridiana scheitert bei dem Versuch, die Lebensverhältnisse und -ansichten der Obdachlosen nach christlichen Wertvorstellungen neu zu ordnen und gerät ausserdem mit Jorge, der wiederum seine eigenen Interessen durchzusetzen versucht, in Konflikt. Durch die Darstellung dieser Auseinandersetzungen, die in einem masslosen, vulgären Saufgelage gipfeln, verdeutlicht Buñuel die Weltfremdheit des Katholizismus‘.

Viridiana ist des Weiteren von einer beachtenswerten filmischen Virtuosität – zahlreiche denkwürdige, symbolische Bilder/ Szenen (ein brennender Dornenkranz, eine Katze, die eine Maus fängt, Anspielungen auf Da Vincis „Das letzte Abendmahl“ etc.) und ein Score, wie er zynischer nicht sein könnte (v.a. Händels „Hallelujah“) – die dem Film zusätzlich an Substanz verleiht.

Überdies nimmt sich der Regisseur, wie man es von ihm gewohnt ist, die Freiheit, die verschiedensten menschlichen Perversionen darzustellen und zahlreiche sexuelle Anspielungen in seinen Film einfliessen zu lassen…

Buñuel verarbeitet erneut Themen, die sein ganzes Schaffen durchziehen, doch erreicht er in stilistischer Hinsicht mit Viridiana einen Höhepunkt seiner Filmkarriere!

Falko Fröhner
film-rezensionen.de

Viridiana

Mexiko, Spanien

1961

-

90 min.

Regie: Luis Buñuel

Drehbuch: Julio Alejandro, Luis Buñuel, Benito Pérez Galdós

Darsteller: Silvia Pinal, Fernando Rey, Francisco Rabal

Produktion: Gustavo Alatriste

Musik: Gustavo Pittaluga

Kamera: José F. Aguayo

Schnitt: Pedro del Rey

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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