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Kultur

oder Lachen über alles, was knechtet und begrenzt Gelächter von unten

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Fiktionen: "bewusst widerspruchsvolle oder falsche Annahmen, um schwierige oder unlösbar scheinende Probleme oder Situationen zu bewältigen." (Georg Klaus)

Michail Bachtin, 1920.
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Bild: Michail Bachtin, 1920. / Unknown (PD

10. Februar 2020

10. 02. 2020

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Hier geht es nicht nur um eine besondere Lachtheorie. Sondern auch im Ausblick nach der im politischen Kurzpoem[1]

UTOPIE

Deutschland schweijkt

angesprochenen besonderen sozialen Situation um eine - scheinbar utopische - praktische Konsequenz des Lachens und seiner Möglichkeiten.

Ausgangspunkt der Lachtheorie des russischen Literaturwissenschaftlers und Kunsttheoretikers Michail Bachtin (1895-1975) ist der mittelalterliche Karneval als besondere zeitlich begrenzte soziale Situation, in der, ähnlich wie im antiken Satyrspiel, sich die Lachkultur des Volkes als befreiende, subversiv-herrschaftskritische Entäusserungsform mit ihren utopischen Elemenen bei denen ´da unten´ entfalten kann. Für Bachtin gilt die Zeit des Karnevals als Zeit zum Lachen des Volkes. Das "nicht nur das Moment des Sieges über die Furcht vor den Schrecken des Jenseits, vor dem Geheiligten, vor dem Tod in sich einschliesst, sondern auch das Moment des Sieges über jede Gewalt, über die irdischen Herrscher, über die Mächtigen der Erde, über alles was knechtet und begrenzt.“

Es ist diese ideelle Befreiung von jedweder Obrigkeit, ihren Mächten und Zwängen als mental rebellion, die George Orwell als Sprengkraft jedem populär wirksamen Witz zuschrieb.

Unmittelbar nach Erscheinen der deutschsprachigen Ausgabe von Literatur und Karneval vor inzwischen fünfzig Jahren hat der Literaturkritiker François Bondy Bachtins "Hauptinteresse" gekennzeichnet als "jene literarische Tradition, die er die ´karnevalistische´ nennt und die jeweils mit dem ´Untergrund´ einer nichtoffiziellen Kultur, mit einer spielerischen und rebellischen Volkstradition zu tun hat, die alle anerkannten Ränge und Werte verkehrt und verspottet. Das Eindringen dieses stets vorhandenen, oft überdeckten ´Untergrundes´ in die ´Hochliteratur´ kann von der Antike bis in die Gegenwart [...] immer wieder beobachtet werden – eine befruchtende Schlammflut. Bisher verpönte Themen und Ausdrucksmöglichkeiten werden literaturfähig."

Es ist die karnevalistische Umkehrung aller respektierten Ordnungen, die Bondy so sehr faszinierte.

An diese erinnerte auch der Siegener Literaturhistoriker und Dadaforscher Karl Riha in seinem Vortrag über Möglichkeiten und Grenzen des Karnevals als "Ausnahmesituation". Dabei arbeitete Riha, der die seit Jahrzehnten unverkennbaren kommerziell-mediengesellschaftlichen Einvernahmen des Karneval kritisierte (und die kleinkünstlerische Form des Kabaretts für ihr alltägliches Funktionsäquivalent hielt), den Doppelcharakter allen karnevalistisch-närrischen Treibens heraus: einmal, veranschaulicht in der deutschen Geschichte 1848/49, vorwegnehmend um den Zusammenhang von Karneval und Revolution, Narrenfreiheit und politischer Freiheit; zum anderen rückschauend aufs Scheitern oder Ausbleiben sozialrevolutionärer Prozesse mit dem Verbleib "schauspielernder Masken" und ihrer "attakierten Gegner" im wechselseitigen Beeinander dialektischer Verschränkung.

Der US-amerkanische Autor Ralph Ellison (1914-1984) beschrieb in seinem Roman Invisible Man (1952) nicht nur als Schwarzer Ohmachtserfahrungen in der weiss dominierten US-Gesellschaft in verschiedenen Formen und auf verschiedenen Ebenen – sondern erinnerte auch an die wirkmächtigen Potenzen des Lachens: "Was gäbe es denn sonst noch, wenn nicht das Lachen, um unseren Willen auszuharren zu stärken? Und könnte es sein, dass in solchem Lachen ein subtiler Triumph verborgen war [...]? Eine geheime, mühsam erworbene Weisheit, die möglicherweise eine effektivere Strategie anbot, über die ein sich abmühender afro-amerikanischer Schriftsteller seine Vision vermitteln könnte?"[2]

Richard Albrecht

Fussnoten:

[1] Richard Albrecht, UTOPIE; in: liberal, 43 (2001) 4: 73

[2] Nachwort der deutschsprachigen Ausgabe 1981 nach: Der unsichtbare Mann (Rowohlt 1987: 599)


Literatur

Richard Albrecht, ... fremd und doch vertraut. Zur politischen Kultur des Witzes gestern und heute. Münster 1989
Ders., Dada, Dadaismus, Hans Arp: Kunst als Event – Show – Performance; soziologie heute, 4 (2011) 18: 28-32
Ders, Macht machtet. Ohnmacht nicht; in: soziologie heute, 6 (2013) 31: 20-23
Michail Bachtin, Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Dt. und Nachwort Alexander Kaempfe. München 1969
Ders., Rabelais und seine Welt. Volkskultur als Gegenkultur. Dt. Gabriele Leupold. Hg. und Vorwort Renate Lachmann. Frankfurt/Main1995
François Bondy, Das Gelächter von unten; in: Die Zeit 48/1969
Lucien Goldmann, Kultur in der Mediengesellschaft. Dt. Linde Birk. Frankfurt/Main 1973
Georg Klaus, Die Macht des Wortes. Berlin 1964
George Orwell, The Art of Donald McGill [1941]; in ders., Collected Essay III. London 1968: 155-165
Karl Riha, Karneval und Maske. Ein Vortrag. Siegen 1992

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