UB-Logo Online Magazin
Untergrund-Blättle

Kes - Rezension zum Film von Ken Loach | Untergrund-Blättle

465

kultur

ub_article

Kultur

Rezension zum Film von Ken Loach Kes - ungeheure emotionale Ausdruckskraft

Kultur

Kenneth Loachs mit dokumentarischer Ehrlichkeit gefilmtes Drama Kes versinnbildlicht soziale Ungerechtigkeiten in der Beziehung zwischen einem Jungen und einem Falken.

Ken Loach am 15.
Mehr Artikel
Mehr Artikel

Bild: Ken Loach am 15. Oktober 2004 in London. / Bryce Edwards (CC BY 2.0 cropped)

13. Dezember 2011

13. Dez. 2011

0
0

3 min.

Korrektur
Drucken
Billy, der im britischen Kohlearbeiter- Milieu der späten 1960er Jahre heranwächst, hat es nicht leicht im Leben- seine alleinerziehende Mutter schenkt ihm nur wenig Beachtung, sein Bruder Jud prügelt, seine Lehrer schikanieren und seine Mitschüler mobben ihn. Doch eines Tages macht der Junge im Turm einer Burgruine ein Falkennest ausfindig. Sofort ist sein Interesse an den Vögeln geweckt, weshalb er ein Buch über die Dressur von Falken stiehlt und daraufhin ein Jungtier aus dem Horst entwendet. Billy liebt es, seinen neuen Gefährten in der Natur zu bewundern und währenddessen die Alltagsprobleme auszublenden. Nachdem Billy das Geld, das er im Auftrag seines tyrannischen Bruders auf ein Pferd setzen soll, für Essen ausgegeben hat, gerät Jud ausser Kontrolle und sinnt auf Rache…

Kes ist eine Verfilmung des Romans A Kestrel for a Knave aus der Feder des britischen Schriftstellers und Lehrers Barry Hines‘. Der Titel des Romans beruht wiederum auf einem mittelalterlichen Gedicht aus England, in dem es heisst, dass Knappen am Hofe ausschliesslich Falken (und im Gegensatz zu Königen keine Adler) halten dürfen.

Kenneth Loach, der zusammen mit Barry Hines und Tony Garnett das Drehbuch verfasste, versucht, Kes ein Höchstmass an Authentizität zu verleihen, indem er (fast) ausschliesslich Laiendarsteller, die allesamt einen nur schwer verständlichen Yorkshire- Dialekt sprechen, engagierte, an Originalschauplätzen – völlig alltäglichen Orten – drehte, und auf künstliche Beleuchtung und andere filmtechnische Raffinessen vollends verzichtete. Mit dieser Vorgehensweise knüpft der Regisseur an den italienischen Neorealismus und die tschechische New Wave an, doch darüber hinaus schuf er mit Kes gewissermassen den Inbegriff des poetisch- realistischen Arbeiterkinos.

Obwohl sich Loach bemüht, die „(…) real, real reality“ (Troy Kennedy Martins) abzubilden, und aus diesem Grund zuweilen Nebensächliches hauptsächlich macht, ist Kes in künstlerischer Hinsicht ein ausgesprochen reifer und wohldurchdachter Film: die Dualität von Oben, d.h. die Sehnsucht nach Freiheit und Würde, und Unten, d.h. die Hoffnungslosigkeit durch die Monotonie des tristen Alltagslebens, erhebt Loach zum inszenatorischen Merkmal seines Werkes; Billy liebt es zu klettern, nach oben zu streben, wohingegen sein gebrochener Bruder Jud alltäglich zur Arbeit in die Kohlestollen herunterfährt. Billys Falke erfüllt – allegorisch betrachtet – insoweit die Funktion eines „Mittlers“ zwischen jenen beiden Daseinsformen, Zuversicht und Resignation. In diesem Zusammenhang verdient auch das Ende des Films eine genauere Betrachtung: (SPOILER!) Indem Billy den von Jud ermordeten Falken beerdigt, ihn nach unten in die Erde bettet, begräbt er zugleich seine eigenen Hoffnungen. (SPOILER ENDE)

Doch auch auf visueller Ebene verleiht Kameramann Chris Menges der Diskrepanz von hell und dunkel symbolischen Gehalt, da das Geschehen in der Stadt und in der Schule in düsteren Brauntönen, die an die Omnipräsenz der Industrieschlote gemahnen, gefilmt ist, während Billys Ausflüge in die Natur in strahlendem Grün erscheinen. John Camerons dezent anklingender Score ergänzt das Gezeigte, indem er etwa die Auftritte des grobschlächtigen Sportlehrers, der den untalentierten Fussballer Billy regelrecht schikaniert, mit tumber Marschmusik kommentiert oder Billys Eskapismus in den nahe der Stadt gelegenen Wald mit harmonischen Flöten- Klängen begleitet.

Doch trotz dieser gestalterischen Konsequenz ist anzumerken, dass der Film zu keinem Zeitpunkt stilistisch, geschweige denn dramatisch überhöht wirkt – und gerade darin besteht die ungeheure emotionale Ausdruckskraft von Kes.

Falko Fröhner
film-rezensionen.de

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...

Ken Loach, Premios Goya 2017.
Raining StonesDa geht einer seinen Weg

08.11.2018

- Da ist so etwas wie Stolz und Unverbrüchlichkeit, ja Ehre in den Filmen des Briten Ken Loach. Nicht jene hehren Prinzipien der oberen Klassen, die aus den predigtgleichen Verlautbarungen aller Art in Festreden und Elogen hervorquellen.

mehr...
Der britische Filmregisseur Ken Loach am Festival von Cannes, Mai 2014.
Ken Loach: I, Daniel BlakeDas tödliche System

28.11.2016

- Ken Loachs neuer Film „I, Daniel Blake“ beschreibt das Ergebnis jahrzehntelanger neoliberaler Zerstörung der sozialen Sicherungssysteme.

mehr...
Arbeiter der British Railways.
Rezension zum Film von Ken LoachThe Navigators

14.08.2002

- Die Privatisierung der British Rail ist hochaktuell. Das von den Tories begonnene Spielchen mit Zunahme von Unsicherheit auf den Bahnstrecken, staatlich verordneter Arbeitslosigkeit, Unpünktlichkeit der Züge usw.

mehr...
’Aus neutraler Sicht’ von Albert Jörimann - Der ewige soziale Winter

19.04.2017 - Ken Loach greift in seinen Filmen immer wieder die Missstände im britischen Sozialstaat bezie­hungsweise das Elend der arbeitslosen Klassen in England ...

’Djeca - Children of Sarajevo’ von Aida Begic - Eine Filmkritik

30.03.2013 - Djeca’/’Children of Sarajevo’, Regie: Aida Begic (Bosnien) Die selbst aus Sarajewo stammende Regisseurin hat für mich einen der ...

Aktueller Termin in Jena

Luna Y Sol IV

Luna Y Sol IV – SA 25.01. Café Wagner, Jena – Musica Rebeldé, Mestizo y Fusion….CON….: 20 Uhr: Input zu Queer-Feministischer Musik in Spanien und Lateinamerika (Eintritt FREI!) === VA – Link: ...

Samstag, 25. Januar 2020 - 22:00

Café Wagner, Wagnergasse 26, Jena

Event in Berlin

Soliparty Suppe und Mucke

Samstag, 25. Januar 2020
- 21:30 -

Supamolly


Berlin

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle
Untergrund-Blättle