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Interview mit Alec Empire von Atari Teenage Riot „Riot sounds produce Riots“

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Interview mit Alec Empire von der Elektronik-Formation "Atari Teenage Riot" über Nationalhymnen, Urheberrechte und Datenschutz, den Werbespot von Sony und die Verbindung von Techno und Politik in den 90ern.

Alec Empire an einem LiveGig mit Atari Teenage Riot.
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Bild: Alec Empire an einem Live-Gig mit Atari Teenage Riot. / Bobo Boom (CC BY 2.0 cropped)

2. März 2015

2. Mär. 2015

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Ihr habt euch in Interviews häufig auf das Konzept „Riot Sounds“ bezogen, also die Idee, dass man mit Sounds Aufstände hervorrufen kann. Wir haben uns noch mal ein Video von 1999 angeguckt. Bei der damaligen 1. Mai-Demo hat das ja ganz gut geklappt. Ist das immer noch euer Konzept?

Es gibt ein Gedicht von William S. Borroughs, „Riot sounds produce Riots“. Da geht es darum, was passiert, wenn man Riot-Sounds abspielt; z.B. im Supermarkt oder irgendwo auf einem öffentlichen Platz. Die Leute denken, „es geht irgendwas ab“, und dann ruft vielleicht auch noch jemand die Polizei und es entsteht wirklich ein Riot. Zuerst wird es simuliert, und dann wird es Realität.

Das ist auch die Idee hinter der Band: wir machen mit einem Atari-Computer aus den 80igern Musik, und versuchen, die Energie von Punk und allen möglichen Musikstilen, die revolutionäre Energie in sich haben, “nachzuprogrammieren”, um zu einer Simulation von Riot beizutragen.

Das heisst natürlich nicht, dass jetzt immer ein physischer Riot entstehen muss, aber meistens ist es schon so, dass es den Status Quo stört, wenn die Leute dieser Energie ausgesetzt sind.

Bei einer Punkband erwarten die Leute halt einen ganz bestimmten Sound. Wir finden es gut, dass aufzubrechen, und die Erwartungen nicht zu erfüllen. Natürlich ist es mittlerweile so, dass sich Leute an unsere Musik gewöhnt haben, anders als vor 20 Jahren. Es geht darum, Songstrukturen aufzubrechen, Geräusche zu benutzen, die Adrenalin ausschütten im Körper – sowas interessiert uns. Es interessiert uns nicht, einen Song zu schreiben, der einer bestimmten Struktur folgt, wir benutzen zwar solche Elemente, um die Leute reinzuziehen, aber dann brechen wir sie auf.

Derselbe Effekt funktioniert auch in anderen Medien, in Filmen, überall. Dass es halt nicht läuft wie im Fernsehen, wo es immer gleich funktioniert und die Leute denken: Ok, dass muss ich jetzt halt so akzeptieren.

Wofür und wogegen wollt ihr denn Riots produzieren?

Wir sind der Meinung, dass Musik so etwas wie ein „Grid“ ist, eine Art Denkschema. Viele Leute verhalten sich, wenn sie Musik hören, in einer bestimmten Art und Weise. Jede_r kennt das Beispiel von weihnachtlicher Musik, die sofort die entsprechenden Stimmungen hervorruft. Ähnlich ist es beim Militär oder in der Kirche oder eben zu politischen Anlässen – vielleicht kann man da sogar Nationalhymnen mit einbeziehen: plötzlich funktionieren Leute, und das finden wir gefährlich. Weil die Musik eben dazu führt dass die Leute sich sofort anpassen und in einer bestimmten Art und Weise verhalten – und dadurch manipulierbar sind.

Man sieht das auch in der Werbung, die benutzt das ziemlich ausgeklügelt, um Leute dazu zu bewegen, Produkte zu kaufen. Auch die Politik benutzt das, um Emotionen zu schüren, z.B. wenn Leute durch das Abspielen der Nationalhymne in eine patriotische Stimmung gebracht werden sollen, etwa in Kriegssituationen. Bestimmte Musik wird gezielt produziert, um Leute zu etwas zu bewegen.

Wir wollen genau das angreifen. Weil wir Anarchisten sind. Ich bin gegen den Staat. Weil ich finde, dass die Struktur, in der wir uns bewegen, viel zu viel vorgibt. Durch die Art wie Gelder verteilt werden, wie Gesetze gemacht werden. Und das ist ja auch vielleicht genau das, was wir im Moment sehen; also, dass die Leute eigentlich nur noch zugucken können, was passiert. Sie können zwar ihre Stimme abgeben, aber stellen dann hinterher fest: es ändert sich eigentlich nie das, was sich eigentlich ändern müsste.

Mit dem Musikmachen angefangen habt ihr ja in den Neunzigern. Was waren damals die Hintergründe?

Die Anfänge von Techno in Deutschland waren ja in Frankfurt, aber ich sag mal: Richtig los ging’s in Berlin nach dem Mauerfall. Jeder kennt die Bilder von den ersten Love Parades, wo sehr viele Leute zusammen gekommen sind.

Gleichzeitig wurde der Rassismus stärker, es gab Angriffe auf Asylbewerber_innenheime, es gab ein neues Nationalgefühl was im wiedervereinigten Deutschland auch von den Politikern so gewollt wurde um das Land zu einen.

Als dann die Anschläge in Rostock und anderswo passierten haben wir gesagt, wir können jetzt nicht mehr einfach nur Dance Music machen. Wir müssen jetzt was sagen. Und das war der Moment wo wir Atari Teenage Riot gegründet haben. Weil wir eine Band machen wollten, die sich nur um diese Themen kümmert. Also kein Raum für persönliche Dinge wie „Meine Freundin hat mich verlassen.“, sondern jeder Song muss eine politische Aussage haben, wie ein Dogma. Wir haben viele Texte so geschrieben, wie man sie vielleicht für eine Demo oder ein Pamphlet machen würde. Teilweise sehr einfach, wir haben einen Song der heisst „Start a Riot“, da gibts dann auch nur 20 Worte oder so.

Das heisst natürlich nicht, dass Du es dann dabei belassen solltest. Ein Song kann immer nur ein Anfang sein, unserer Meinung nach. Dass jemand anfängt nachzudenken über ein Thema, und dann hoffentlich weiter nachforscht.

Ihr seid ja auch in den USA, in Grossbritannien und Japan sehr bekannt, und habt ja auch Mitglieder aus anderen Ländern.

Die erste Formation von ATR bestand aus Carl Crack, der ist in Afrika geboren und in Berlin aufgewachsen, Hanin Elias, deren Eltern aus Syrien kamen, also auch ein anderer Background. Dann kam Nic Endo dazu, die halb-Japanerin ist, aber in Texas geboren wurde und dann irgendwann auch nach Berlin kam, aber eben auch einen us-amerikanischen Pass hatte. Und jetzt sind z.B. Rowdy Superstar dabei, das ist ein Rapper aus England, und MC CX Kidtronic aus New York…. Es ist immer so: wer was zu sagen hat, ist dabei. Es war immer eine kollektive Stimmung; verschiedene Leute kamen in das Projekt rein.

Würdet ihr euch als deutsche Band sehen?

Nee. Ich bin zwar in Berlin geboren, und viele behaupten, “sowas hätte irgendwo anders nicht passieren können”. Aber letztlich glaube ich, wenn ich woanders geboren wäre, wär ich vielleicht auch auf solche Ideen gekommen (lacht). Jedenfalls sehen wir uns nicht als mit Deutschland verhaftet. Natürlich kenne ich Berlin und bin hier gross geworden. Ich hab aber auch mal länger nicht hier gelebt, und es ist nicht so, dass mir warm ums Herz wird, wenn ich irgendwo die Deutschlandflagge sehe – ganz im Gegenteil.

Euer Lied „Black Flag“ ist eigentlich eine Hommage an die Hackerszene, wurde dann aber von Sony für einen Werbespot benutzt. Was war da los? Wir haben einen Song gemacht, in dem es um Dinge wie Wikileaks und um Whistle-Blowing geht. Dann hatten wir eine “Viral-Idee”, die nicht unbedingt sehr neu war: Nämlich dass die Fans uns Material für’s Video schicken, und am Ende sind nur die Leute, die ihr Material eingeschickt haben zu sehen und nicht wir.

Das ganze wurde interessant, als ein paar Wochen später Occupy Wall Street losging. Plötztlich haben viele Anonymus-Aktivisten gefragt, ob sie ihr Material einschicken können. Eigentlich war ja das Konzept, dass man den Song mitsingt, um sich zu der Message zu bekennen. Bei den Anonymus-Leuten sieht man natürlich gar nicht, dass die den Mund bewegen, weil sie diese Masken tragen. Aber wir haben gesagt: „Ja klar, schickt’s trotzdem!“ Und dann haben wir total viel Material bekommen. Aus Chile, von den Studierendenprotesten, aus Japan von den Anti-Nuclear-Protesten. Und dann bekamen wir sogar noch von Wikileaks Material von Julian Assange, wie er in London gesprochen hat.

Zur selben Zeit hat auch Anonymus das so ein bisschen als ihre Hymne gewählt, und es waren viele Clips auf Youtube. Wir hatten den Track als free download und dann ist er überall aufgetaucht. Der war dann auch plötzlich bei CNN, wenn die über Hacking berichtet haben. Wir haben generell die Regel: Wenn jemand bei Youtube Sachen von uns reinstellt, schicken wir da jetzt keine Anwälte hinterher oder so. Wir sind da jetzt nicht so, dass wir alles aus der Hand geben und dann jammern, dass es falsch verstanden wurde. Wenn jetzt Neonazis einen Song von uns nehmen würden, dann würden wir vielleicht doch den rechtlichen Weg gehen, um das zu unterbinden. Obwohl ich selbst da lieber andere Wege suchen würde.

Jedenfalls war es dann so, dass Anfang 2012 diese Anfrage von Sony kam. Die hatten irgendwas Neues auf den Markt gebracht und mit dem Song, den sie eigentlich für die Werbung nehmen wollten, hat irgendwas nicht geklappt. Die hatten aber die Werbespots fürs Fernsehen schon gebucht und brauchten schnell was Neues. Der Director fand den Song gut, irgendwie war klar, dass die den Sinn nicht so ganz verstehen. Ich hab dann im Vorfeld mit Leuten von Anonymus abgesprochen: OK, das Geld landet bei uns und ich überweise das dann direkt an diese Anwälte die Aktivisten unterstü… also, vertreten. Davor war ja gerade dieser Sony-Hacking-Skandal, ich weiss nicht, ob ihr das mitbekommen habt, wo die Playstation von Anonymus-Leuten gehackt wurde. Auch als Reaktion, weil Teenager zu riesigen Geldstrafen verurteilt wurden, weil die ihre eigene Software raufgespielt haben und so.

Da haben wir gesagt wir fänden das gut, wenn wir das Lied benutzen und das Geld dann durch-channeln, also das war halt eben… Als der Spot lief wurde unsere Website zuerst angegriffen, von Hackern, die davon nicht wussten. Aber wir waren mit anderen in Kontakt und nach einem halben Tag hat das aufgehört.

Und als die Presse dann davon gehört hat, hiess es dann: „ATR haben das Geld von dem Sony-Spot an Anonymous-Hacker gespendet“. Und dann sind die natürlich total ausgerastet und wollten eigentlich den Spot wieder aus dem Fernsehen nehmen, aber haben sie dann auch so kurzfristig nicht mehr machen können, also es war ganz lustig. Kann man im Internet glaub ich ganz gut nachlesen. Aber es gibt natürlich immer noch Leute, die uns dafür hassen, weil sie finden, man darf keinen Song in einem Werbe-Clip haben. Aber es war für ne gute Sache wenigstens… .

Interview aus: Strassen aus Zucker
http://strassenauszucker.blogsport.de/

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