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Interview mit dem Hip-Hop-Aktivisten Gordo Styloso | Untergrund-Blättle

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Über das Sprayen, den Drogenkonsum und die Szene in Zürich Interview mit dem Hip-Hop-Aktivisten Gordo Styloso

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Graffiti in Zürich.
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Bild: Graffiti in Zürich. / web (PD)

17. Februar 1999

17. 02. 1999

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Deinen Namen hast du ja inzwischen geändert...

Nein, Gordo Styloso heisst dasselbe wie Fat Style.

Das Tattoo auf deinem Rücken, Salvador, was bedeutet es?

Meine Heimatstadt, Salvador Bahia, Baia de tosos os santos. Es gibt 365 verschieden Kirchen da, für jeden Tag im Jahr eine andere. Geboren und aufgewachsen in irgendeinem Barrio. Salvador heisst übersetzt der Retter.

Dann nach Zürich?

Um ‘85. 1986 Einstieg. Die Musik zuerst: Africa Bambaata, CoolHark (Godfathers of Hip-Hop), Run DMC, Grandmaster Flash and the furios five, Kurtis Blow, Bizzi B, Biz Markie etc. nuff respect für die alte CH-Szene (Brian, Razzo, Kay-Zee), CP, Bame, Azzo, Devil, Cheecee, etc.

Erste Bühnenerfahrung?

BeatBoxin’ in der Coupule Biel 1987 mit FAD-2, wir sind schnell Freunde geworden. Dann zweite Wiedergeburt, als ich mir Benzo, 7mm und anderen zum ersten mal im Park eingetroffen bin.

Da war eine neue Ära angesagt. Viele Chilenen, Afrikaner, Latinos und Leute aus aller Welt kamen dazu und rasch verbündeten wir uns zum Set, der den Platz dominierte und sehr schnell einen sehr schlechten Ruf bekam. Das dauerte ziemlich lange, mit all dem Hype (Hip-Hop, Kleider, Schuhe) kamen andere Sets und Rivalenkämpfe begannen. Aber N.W.A. und dem Film "Colors" von Dennis Hopper kam Selbstverständnis dazu und es kam noch viel schlimmer.

Das schlimmste aber war der SugarHype von 1990. Viele, die tanzten, rappten, bombten oder sonstwie aktiv waren, fingen an, Folie zu rauchen.

Die Menge der Leute auf dem Set halbierte sich rapide, viele gingen freiwillig, andere konnten nicht geduldet werden, viel Polizeistress, konnten uns noch nicht mal ausmalen, dass Schuger und Heroin dasselbe ist, wir haben das erst später herausgefunden. Der Platzspitz dominierte damals natürlich die Szene. Dieselbe Welle gab’s auch mit dem SkunkHype anfangs Neunziger, als alle sich das Hirn wegkifften.

Jetzt der Cola- und Speed-Hype, das den Leuten die Nase austrocknet. Dieselbe Menge von Leuten, die in Brasilien von Raubmord, Unfällen oder Hunger ums Leben kommen, sterben hier wie die Fliegen an Überdosis oder Selbstmord. Was die Gesellschaft mit ihren DropOuts macht ist bekannt, Isolation und Tranquillisation (Medis!), wir mussten uns gegen die Vereinnahmung der Drogen wehren.

Der Set wurde durch Neuankömmlinge ergänzt und das Alter und die Reife liessen unsere Bedürfnisse wachsen und unsere Verbrechen grösser werden, so dass jeder vom Set früher oder später mal gesessen ist. What goes around comes around. Park Side Family.

Wie ging’s mit der Musik weiter?

Der Set spaltete sich: Breaker bildeten eine Crew, Sprayer Crew, Bangin’Crew, und unter anderem J. Booges hat mit der Musik Crew angefangen, meine ersten Rap-Erfahrungen, erste Gruppe gegründet mit LyricalSurprise, Auftritte und CHTours, der Park gab uns viel Zusammenhalt, die Breakers tanzten zu den Auftritten, die uns die Chilenen organisierten. Auch im Park selbst gab es mit Ghetto Blaster oder BeatBoxin’ spontane Aktionen.

Dann habe ich eine grosse Reise gemacht: Palästina, Israel, Ägypten und Amerika. Frische Luft schnappen, Erfahrungen sammeln. Im Park ging’s weiter, die Jungen kamen, mussten sich anpassen, dieselbe Masche lernen. Das Leben orientierte sich nicht an irgendwelchen Vorbildern aus L.A. oder N.Y. sondern ist das, was wir leben.

Ausserdem kann die USA als Schlächter der Indianer, Sklaventreiber der Afrikaner und Waffenproduzent No.1 der Reichen nicht als Vorbild dienen, obwohl viele Einflüsse aus den US-Studios oder aus Hollywood kamen. Wenn ich erkläre, dass wir auf der Strassen leben, heisst das nicht, dass wir obdachlos sind. Das Leben in unserer Heimat spielt sich eben eher draussen ab als in irgendwelchen Stammkneipen. So ist das, jedem das Seine.

Warum der Park?

Familien gingen zu Brüche, Scheidungen, Adoptivkinder, Heimkinder, Flüchtlingskinder und andere Randgruppen haben einen Platz zum sein gefunden. Streit gab es mit Skinheads, Rockabillys oder Hooligans, zum Teil auch Rache und Vergeltung, der Platz wurde verteidigt. Für viele, die nie da waren, ist es bis heute unverständlich, aber wir sind auf dem kleinen Platz zuhause und stolz darauf.

In der Schule lehren sie uns über grosse Verbrecher, Columbus, Francis Drake oder Pirat Morgan, dass sie grosse Männer waren...
Wie hätten wir wissen können, ob das gut ist, was wir machen? Zur selben Zeit bildeten sich in Schwammendingen, Seebach oder Örlikon andere Sets, K12, Chreis4Clique, viele orientierten sich an der P.S.F. Viele hatten endlich ihre Freunde gefunden.

Zurück zur Musik.

Gründung von Bonafide 1994 durch J. Boogee. Als ich von der grossen Reise zurückkam, war schon ein Studio da und erste Aufnahmen fertig. Ich stieg sofort ein. Frühling ‘97 Chocolate Cheese + Sound Compilation CH-Bands, auch ein Projekt von J. Boogee. Zusammen mit den Spaniern waren wir die einzigen NichtMundartrapper.

Nachher wurde es ruhig um Bonafide, was in Zukunft noch kommt, wird knallen, alle sind noch da. Mein SoloProjekt ist das Buch, das ich über den Park geschrieben habe, und das bald herauskommen muss, um verschiedenes zu klären.

Viele sagen heute, Hip-Hop sei für Kinder, was ich bestreite, es lebt immer noch von den Vorvätern. Das Jugendspiel ist vorbei, das grössere Spiel ist jetzt angesagt. Projekt Mosquito 1998 mit DJ Platinum. Mixtapes, DJ K-Rim, DJ Aystep vom No Airplay Team, Radio LoRa 97.5 im Paberotti P.S.F., mit Calico, Midnight Mosquito Friday 1 mal im Monat Nachtsendung!

Zukunft?

Die meisten aus dem Set organisieren sich selbst, Musik, Parties, Artworks, wir leben alle noch, was einen schlechten Ruf hat, kann trotzdem fruchtbar sein, wir fühlen uns stärker denn je. Wer immer die Szene dominieren will, sollte uns besser nicht vergessen.

A message for P.S.F.: Was immer in den Jahren ‘97 bis jetzt gelaufen ist, lasst sie machen, wir sind das wahre Herz, wir haben immer noch unsere eigene Szene, auch wenn gewisse neue Szenen die Pioniere in die Ecke drängen wollen, wir werden immer die P.S.F. bleiben.

13 Jahre, obwohl auch schlecht für andere, waren gute Jahre für uns. Wir haben uns verändert, aber wir werden nie Pazifisten sein. Auch wenn alles ruhig scheint in der Stadt, man kann nicht von Frieden reden, es ist ein falscher Frieden!

aus: Herbalist No. 31

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