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Wyatt Earp – Das Leben einer Legende | Untergrund-Blättle

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Wyatt Earp – Das Leben einer Legende Ganz weit weg

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Epische Erzählungen im Film können etwas Wunderbares sein, etwas Anziehendes, Berührendes, und selbst wenn sie streckenweise das Pathos pflegen, müssen sie nicht schlecht sein.

Wyatt Earp im Alter von 21, 1869.
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Bild: Wyatt Earp im Alter von 21, 1869. / Unknown author (PD)

15. Juli 2020

15. 07. 2020

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Ein Jahr vor Lawrence Kasdan („Dreamcatcher“, 2003) versuchte sich bereits George P. Cosmatos in einer gut zweistündigen Inszenierung an der Geschichte des legendenumwobenen Wyatt Earp („Tombstone“, 1993, mit Kurt Russell und Val Kilmer in den Hauptrollen) und brachte einen durchschnittlichen Western zustande, der aber kaum als epische Erzählung in die Geschichte des Kinos eingehen wird. Für Kasdans Versuch an der Legende Wyatt Earp gilt leider das gleiche.

Näher betrachtet besteht „Wyatt Earp“ aus einer Sammlung an Fakten, Ereignissen, der Präsentation von zahlreichen Personen, die jedoch – angefangen bei den Hauptfiguren – eher schemenhaft durch den Film huschen, denn als wirkliche Menschen aus Fleisch und Blut vorgestellt werden. Der Film beginnt mit einer Rückblende auf den jungen Wyatt Earp (Ian Bohen) zu einer Zeit, als seine beiden älteren Brüder James und Morgan (David Andrews, Linden Ashby) aus dem Krieg heimkehren. Der Vater der vielköpfigen Familie, Nicholas (Gene Hackman), hat beschlossen, in den Westen nach Kalifornien zu ziehen, um seiner Familie eine neue Existenz aufzubauen. Nicholas glaubt an zwei Dinge: an die festen Blutsbande der Familie und an das Gesetz, und versucht, insbesondere Wyatt in diesem Sinne zu erziehen.

Jahre später – Wyatt hat begonnen, in Missouri Jura zu studieren, wie sein Vater es wollte, währen der Rest der Familie nach Kalifornien gezogen ist – lernt der junge Mann Urilla Sutherland (Annabeth Gish) kennen, verliebt sich in sie, heiratet sie. Doch die Ehe hat nur kurzen Bestand. Urilla, schwanger, stirbt an Typhus. Aus Verzweiflung und Schmerz brennt Wyatt das gemeinsame Haus nieder, fängt an zu trinken, stiehlt ein Pferd und muss von Nicholas gegen Kaution aus dem Gefängnis geholt werden. Wyatt flüchtet, denn für Pferdediebstahl würde er in einem Prozess zum Tode verurteilt.

Er betätigt sich als Büffeljäger und lernt die beiden Brüder Ed und Bat Masterson (Bill Pullmann, Tom Sizemore) kennen, mit denen ihn eine jahrelange Freundschaft verbinden wird. Als Wyatt anstelle des ängstlichen Sheriffs einen schiesswütigen Mann überwältigt, bietet man ihm für 100 Dollar im Monat die Stelle des Sheriffs an. Unterstützt wird er von seinen Brüdern Morgan, der inzwischen mit Lou (Alison Elliott) verheiratet ist, und James, später auch Virgil. Wyatt errichtet ein strenges Regiment in Dodge City; jeder muss beim Betreten der Stadt seine Waffen abgeben. Ed und Batt werden Hilfssheriffs.

And so on. Kasdan erzählt, wie Earp seinen Posten verliert, weil er nach Meinung der Honoratioren der Stadt zu hart vorgeht, im Auftrag einer Eisenbahngesellschaft einen Verbrecher sucht, dabei den Tuberkulose-kranken Doc Holliday (Dennis Quaid), der etliche Morde begangen hat, trifft, mit dem er sich anfreundet, Mattie Blaylock (Mare Winningham) kennenlernt, mit der er das Bett teilt, die er aber nicht liebt, Ed Masterson erschossen wird, wie Wyatt sich in Josie Marcus (Joanna Going) verliebt, mit der er den Rest seines Lebens verbringen wird (Earp starb in hohem Alter 1929) – und so weiter, bis zur berühmten Schiesserei am OK Corral in der Nähe von Tombstone 1881, als Earp versuchte, die Mitglieder der Bande von Ike Clanton (Jeff Fahey) und anderen restlos zu töten – und wie ihn Josie schliesslich dazu bewegen kann, Tombstone zu verlassen, um mit ihr nach Alaska zu gehen.

Obwohl Kasdan seinen Film auf rund drei Stunden (eine Fassung hat gar 212 Minuten) ausdehnte und eine unendliche Reihe von Ereignissen aus dem Leben Earps präsentiert wird, fehlt es dem Film – nicht nur im Hinblick auf die Voraussetzungen für eine epische Erzählung – an so gut wie allem, um mit Geschichte und Personen warm zu werden. Das gilt beispielsweise für die Brüder Wyatts, seinen Vater – Gene Hackman hat einen verhältnismässig kurzen Auftritt – und die Brüder Masterson, die nicht mehr als Makulatur für einen im wahrsten Sinn des Wortes oberflächlichen Film abgeben. Doch auch die beiden Hauptfiguren – Doc, der erst nach eineinhalb Stunden im Film auftaucht und Wyatt – bleiben einer schematischen Inszenierung verhaftet.

Dennis Quaid spielt Doc als einen Mann, der einerseits mit kaltem Verstand kalkuliert, andererseits in Wyatt eine Art Wunschbild seiner selbst sieht, geplagt von Tuberkulose. Doch leider mit man auch mit Quaids Interpretation der Rolle nicht richtig warm. Andere wie Isabella Rossellini, Mare Winningham, Mark Harmon, Bill Pullman oder Tom Sizemore, alles Schauspieler, von denen man einiges erwarten kann, füllen entweder Lücken, um einer avisierten Vollständigkeit der Biografie Earps gerecht zu werden, oder bleiben dramaturgisch im Hintergrund, oft als Katalysatoren, um die nächste Episode im Leben Wyatts zu initiieren, Stichworte zu geben, Verhaltensänderungen Wyatts auszulösen usw.

Das alles ist nicht besonders sehenswert. Einzig Joanna Going vermag in ihrer Rolle als zweite Frau Earps weitgehend zu überzeugen, während Mare Winningham als ungeliebte Gefährtin Earps sich zumeist darin erschöpft, tragische Effekte in die Geschichte zu implantieren – was ebenfalls nur wenig überzeugen kann.

So nimmt es kein Wunder, dass auch Costners Darstellung des Sheriffs, Verbrechers, Ehrenmanns – ja, was war er denn nun eigentlich? – eher einer Charaktermaske nahe kommt, denn einem Menschen, mit dem man sich – positiv oder negativ – identifizieren könnte. Costner arbeitet sich durch die Stationen seines Earps hindurch, oft mühsam, oft mit fahlem oder unbeweglichen Gesichtsausdruck, fast steinern, und nur in wenigen Augenblicken – etwa beim Tod seiner ersten Frau oder nach der Ermordung eines seiner Brüder – schimmert ein bisschen von dem auf, was die Dramatik eines Films doch ausmacht: Emotion, Nähe, Tragik.

„Wyatt Earp“ taugt nicht einmal als spielerische Dokumentation, obwohl sehr oft der Eindruck entsteht, es handle sich mehr um eine dokumentarische Studie, denn um ein Drama. Kein anderer als Owen Roizman hat den Film fotografiert, und es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn dabei nicht grandiose Bilder entstanden wären. Die allerdings können die erheblichen dramaturgischen und mimischen Schwächen des Films kaum kompensieren.

Ein Film, der sehr viele Details aus dem Leben einer legendenhaften Figur präsentiert, aber inhaltlich eben nicht en detail geht. Es wird viel präsentiert, aber das Präsentierte hat keine Tiefe und die Personen sind nicht wirklich fein gezeichnet. Es wird viel gespielt, aber dem Film fehlt das Spielerische, Leichte, Tragische und Komische. Kasdan zeigt etliches an dramatischen Situationen, aber denen fehlt die Dramatik und die Spannung.

Ulrich Behrens

Wyatt Earp – Das Leben einer Legende

USA

1994

-

182 min.



Regie: Lawrence Kasdan

Drehbuch: Dan Gordon, Lawrence Kasdan

Darsteller: Kevin Costner, Dennis Quaid, Gene Hackman

Produktion: Kevin Costner, Lawrence Kasdan, Jim Wilson

Musik: James Newton Howard

Kamera: Owen Roizman

Schnitt: Carol Littleton

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