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Rezension zum Antikriegsfilm von Werner Herzog Rescue Dawn

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Ein Antikriegs-/Vietnamfilm von Werner Herzog? Kann das funktionieren? Bei Fans des Ausnahmeregisseurs kann eine gewisse Skepsis zunächst nicht unterdrückt werden.

Werner Herzog, Christian Bale und Jeremy Davies bei der Filmpremiere von «Rescue Dawn» in Toronto.
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Bild: Werner Herzog, Christian Bale und Jeremy Davies bei der Filmpremiere von «Rescue Dawn» in Toronto. / jbach (CC BY-SA 2.0 cropped)

21. November 2015

21. 11. 2015

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Andererseits macht es auch neugierig: Was kann der extreme Autorenfilmer den Klassikern des Vietnamkriegsfilms („Die durch die Hölle gehen“, „Apocalypse Now“, „Platoon“, „Full Metal Jacket“) noch hinzuzufügen, was nicht bereits gesagt bzw. gezeigt wurde?

In dem 126 Minuten dauernden Antikriegsfilm spielt Christian Bale einen aus Deutschland stammenden US-Navy-Piloten: Dieter Dengler. 1965 beteiligt er sich im Vietnamkrieg bei seinem ersten Einsatz an einem geheim gehaltenen Bombardement der Stadt Laos, bei dem er über dem Dschungel abgeschossen wird. Zwar überlebt Dengler den Absturz seines Flugzeugs, aber er gerät in die Hände des Vietcongs. Nach mehreren Foltereinheiten verbleibt Dengler zusammen mit einer Handvoll Schicksalsgenossen in Gefangenschaft.

Die Häftlinge fristen zum Teil (u.a. Steve Zahn als Duane und Jeremy Davies als Gene) seit mehreren Jahren ihr Dasein in nordvietnamesischer Kriegsgefangenenschaft und sind dementsprechend desillusioniert und demoralisiert. Dengler will sich mit seiner Lage nicht abfinden. Er schmiedet einen Fluchtplan, wozu er die Hilfe aller Mithäftlinge benötigt, die sich teilweise aber weigern, bei dem Vorhaben ihr Leben zu riskieren. Ausserdem ist die Gelegenheit noch nicht reif, weil eine Flucht ausschliesslich während der Regenzeit möglich ist. Denn nur dann wäre ein Überleben nach der Flucht im Dschungel überhaupt möglich.

Die anfängliche Skepsis gegenüber Herzog ist schnell verflogen. Wer befürchtet hatte, Herzog bediene mit „Rescue Dawn“ den Mainstream, kann sich beruhigen. Bereits mit seinem Dokumentationsfilm „Little Dieter Needs To Fly“, geht der Autorenfilmer auf die autobiographischen Schilderungen aus dem Tagebuch Dieter Denglers während dessen Kriegsgefangenschaft ein. Und beachtet man die Erfahrung des Piloten – Extremsituation: Dschungel, Gefangenschaft –, so decken sich diese mit dem roten Faden aller Herzog-Arbeiten.

Der deutsche Regisseur bietet eine neue Perspektive auf einen bekannten Filmgegenstand. Herzog-Kenner wissen um die zum Teil selbstzerstörerische, risikobereite Inszenierungshaltung des Deutschen. Auch bei „Rescue Dawn“ scheute er nicht davor zurück in allen Extremsituationen authentisch zu drehen: d.h. in wilder Urwaldumgebung, in schlangenverseuchten Flüssen usw. Das merkt man dem Film auch an. Während andere Vietnamfilme durch ihre Special-Effects eine gewisse Distanz zum Geschehen aufbauen, zieht die Atmosphäre in „Rescue Dawn“ den Zuschauer in seinen Bann. Die verzweifelte, ausweglose Situation der Gefangenen wird zum greifen nah.

Einen grossen Anteil an der gelungen Umsetzung des Dengler-Stoffs trägt zudem Christian Bale. Herzog und Bale eint ein Hang zum Extremen. So hungerte sich der Schauspieler schon für seine Rolle in „The Machinist“ 30 Kilo vom Körper. Auch in Herzogs Film nahm er (auch Zahn und Davies) wieder einen ähnlichen Gewichtsverlust in Kauf, um Dengler zu spielen. Dabei machte Herzog Bale vorab darauf aufmerksam, dass der Dreh kein Zuckerschlecken werden würde – er warnte ihn davor, Maden essen und in gefährlichen Umgebungen drehen zu müssen. Doch Bale liess sich nicht abschrecken. So überzeugt er in der Rolle als deutscher Navy-Pilot und unterstrich die Authentizität u.a. dadurch, dass er tatsächlich ein Stück einer lebendigen Schlange ass, die er einfangen musste.

In „Rescue Dawn“ wird das Geschehen nicht zuletzt durch den märtyrerhaften Einsatz der ganzen Filmcrew für den Zuschauer spürbar und die Anspannung, die sich bis zum Ausbruchsversuch der gefangenen Piloten aufbaut, nervenaufreibend. Zwar werden nicht alle Facetten des Vietnam-Stoffes abgedeckt und die nicht einfach-zugängliche Herzog-Ästhetik, die oft als spröde bezeichnet wird, mag unkonventionell daherkommen. Jedoch schafft es das Autorenfilmurgestein einen weiteren Mosaikstein zum Themengebiet „Vietnamkrieg“ hinzuzufügen. Einer der besten Herzog-Filme überhaupt – trotz der Mainstream-Elemente.

Marco Behringer
film-rezensionen.de

Rescue Dawn

USA

2006

-

126 min.



Regie: Werner Herzog

Drehbuch: Werner Herzog

Darsteller: Christian Bale, Steve Zahn, Jeremy Davies

Produktion: Elton Brand, Harry Knapp, Steve Marlton

Musik: Klaus Badelt

Kamera: Peter Zeitlinger

Schnitt: Joe Bini

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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