UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Watchtower | Untergrund-Blättle

6976

Watchtower Auf der Suche nach Auswegen

Kultur

„Watchtower“ ist ein stilles Drama über Verantwortung, Gewissen und Schuld.

Die türkische Regisseurin Pelin Esmer, Juli 2016.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Die türkische Regisseurin Pelin Esmer, Juli 2016. Foto: Sinefilm (CC BY-SA 4.0 cropped)

6. Juni 2022
1
0
4 min.
Drucken
Korrektur
Mit wenigen, effektvoll eingesetzten Mitteln und guten Darstellern gelingt Pelin Esmer eine sehr überzeugende Geschichte, die noch lange beim Zuschauer nachwirken wirkt und sich Offenheit traut, wo sich andere Filmemacher bestenfalls nur ein Happy End zutrauen.

Nach einer persönlichen Tragödie sucht Nihat (Olgun Simsek) dringend Abstand von seinem alten Leben und bewirbt sich um den Job als Wachmann in einem der vielen Aussichtstürme in einem türkischen Nationalpark. Seine Aufgaben sind recht simpel, geht es doch vor allem darum, nach Gefahren, speziell Feuern, Ausschau zu halten. Bei seinen wenigen Ausflügen in das nahegelegene Dorf hält er sich dann meist auch am Busbahnhof auf, wo er die Bekanntschaft von Seher (Nilay Erdönmez) macht, einer jungen Frau, die als Reisebegleiterin arbeitet und Touristenführungen macht.

Jedoch sollten die Pfade der beiden sich auf noch eine andere Weise kreuzen, denn Seher ist vor ihrer Familie geflohen und zudem schwanger, was sie vor ihrem Chef versucht geheimzuhalten. Zudem fühlt sie sich der Verantwortung als Mutter nicht gewachsen, sodass sie eine schwerwiegende Entscheidung treffen muss, doch in ihrer Verzweiflung erscheint Nihat als eine Art Retter, der ihr Beistand leistet. In der Gemeinschaft des anderen müssen nun beide ihre Gefühle und Erfahrungen konfrontieren, vor denen sie bislang weggelaufen sind.

Auf der Suche nach Auswegen

Nach Aussage der türkischen Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin Pelin Esmer ist es in ihrem Heimatland recht einfach, die nötige Unterstützung für ein Filmprojekt zu finden, angefangen bei der Finanzierung bis hin zum Finden der passenden Schauspieler. Dank ihrer eigenen Firma Sinefilm konnte sie ihre Projekte im Dokumentarfilm- und Spielfilmbereich bislang unabhängig finanzieren, was die Eigenwilligkeit ihrer Geschichte wie der des 2012 entstandenen Watchtower erklärt. In dem Drama geht es um zwei Figuren, die sich eine Gewissensfrage stellen müssen, die weglaufen vor etwas in ihrem Leben und sich noch im Unklaren darüber sind, wie das Leben nun weitergehen soll.

Eigentlich sind es vor allem jene Übergangsräume, in denen sich die Geschichte von Watchtower abspielt, jene temporären Orte, welche sich durch ihre Unpersönlichkeit oder Isolation auszeichnen. Während sich Nihat im Wachturm mit der Zeit eine Art Einsiedlerexistenz aufbaut und jede freundlich gemeinte Anfrage seines Bosses, ob er ihm jemanden zur Seite stellen soll, abweist, versucht sich Seher so etwas wie ein Zuhause in dem schummrigen Hotel in der Nähe des Busbahnhofs einzurichten.

Es ist ein Ausweg, den beide suchen, auf dessen Suche sie an einer Station Halt gemacht haben, die sich, wie sich vor allem für Seher schon bald herausstellen wird, aber nicht für ein dauerhaftes Leben eignen. Esmers Drehbuch zeigt Figuren, die in ihrer Sehnsucht nach der Einfachheit eines Auswegs sich in eine Isolation hin flüchten, sich an diese klammern, erscheint diese doch weitaus reizvoller als die Konfrontation und das Weiterleben.

Eine Frage des Gewissens

Dabei ist Watchtower keinesfalls ein Drama der grossen Szenen oder der langen Wortgefechte. Die Stärke von Esmers Geschichte und ihrer Inszenierung liegt in dem Aushalten von Schweigen sowie in ihren Darstellern, die mit wenigen Gesten dem Zuschauer zeigen, was in ihnen vorgehen könnte. Olgun Simsek und Nilay Erdönmez spielen Charaktere, die überraschen, die verwirren und die einen mehr als einmal vor den Kopf stossen, welche aber nicht, wie es leider so oft vorkommt in diesem Genre, auserzählt werden, sondern für den Zuschauer gleichsam eine Chiffre verblieben können.

Ins Zentrum ihrer Handlung setzt Esmer daher einen Gewissenskonflikt, der den Ausweg, den beide Charaktere sich gesucht haben, zerstören kann, doch bei dem sich beide fragen müssen, welchen Preis sie für ihre Flucht bereit sind zu zahlen. Letztlich ist es immer wieder die Verantwortung, die den Weg ins Leben und damit auch in den Film wiederfindet, den Mut oder den Willen, nicht wegzusehen, sondern auf jede Veränderung zu reagieren.

Rouven Linnarz
film-rezensionen.de

Watchtower

Türkei

2012

-

100 min.

Regie: Pelin Esmer

Drehbuch: Pelin Esmer

Darsteller: Olgun Simsek, Nilay Erdönmez, Menderes Samanlicar

Produktion: Pelin Esmer, Guillaume de Seille

Kamera: Özgür Eken

Schnitt: Pelin Esmer, Ayhan Ergürsel

Mehr zum Thema...
Liv Ullmann, 1966.
PassionDas eigene Leid und das der anderen

31.12.2020

- „Passion“ von Ingmar Bergman ist ein schwermütiger Film über die Rolle des Leidens im Leben. Die starken Darsteller und die formale Präzision geben der Geschichte einer tragische Unausweichlichkeit, der man als Zuschauer sprachlos folgt.

mehr...
Südlibanon während dem Krieg, Juli 2006.
All This VictoryDie letzte Zuflucht

18.05.2021

- „All This Victory“ legt Regisseur Ahmad Ghossein einen packenden, aber sehr bedrückenden Film über den hohen Preis des Krieges vor.

mehr...
Der französische Kameramann Henri Alekan (links, Juni 1986) wird zu den bedeutendsten Filmkameraleuten des 20. Jahrhunderts gezählt.
Der Stand der DingeDie letzten Überlebenden

11.12.2020

- „Der Stand der Dinge“ ist ein Film von grosser formaler Schönheit, aber inhaltlich ein sehr ernüchternder Einblick in die Verbindung von Kunst und Kommerz.

mehr...
Erniedrigende Prüfung von homosexuellen Männern im türkischen Militär

13.03.2014 - Homosexualität gilt in der Türkei als Krankheit. Folglich können schwule Männer so dem Militärdienst entgehen.

Filmkritik aus Cannes - Children of Sarajevo - Rohmaterial

26.05.2012 - Vor Ort eingesprochene Kritik und Kommentar zu dem Film "Djeca"/"Children of Sarajevo" der bosnischen Regisseurin Aida Begic, der soeben auf dem Filmfestival in Cannes seine Weltpremiere hatte. Der Film erzaehlt als Spielfilm, aber sehr realistisch und besierend auf persoenlichen Erfahrungen und Begegnungen das Leben und den Alltag einer jungen Frau (namens Rahima) im eingeschlossenen Sarajewo waehrend des Bosnienkrieges, ihre Arbeit, die Geldsorgen, Probleme mit ihrem juengeren Bruder, der noch zur Schule geht (beide sind Waisen, daher fuehlt sie sich fuer ihn mitverantwortlich), die ueberall praesente Korruption, die Arroganz der Reichen und Einflussreichen gegenueber der Armut, die Bedrohung durch die Scharfschuetzen in den Bergen...

Dossier: Julian Assange
Prishank Thapa
Propaganda
Deprodown - der Fortschritt braucht ihre Trauer

Aktueller Termin in Berlin

VoxKü

Vegan VOxKÜ Food,Drinks,Music   Irregular events and discussions - there is a garden and sometimes a firebin The entrance is elevated but there is a ramp  

Mittwoch, 7. Dezember 2022 - 20:00 Uhr

Kadterschmiede, Rigaer Str. 94, 10247 Berlin

Event in Wien

WIENER BESCHWERDECHOR & BAND

Mittwoch, 7. Dezember 2022
- 19:30 -

Theater am Spittelberg

Spittelberggasse 10

1070 Wien

Mehr auf UB online...

Walter Matthau mit seinem Sohn, 1990er-Jahre.
Vorheriger Artikel

Ein seltsames Paar

Geniale Komödie

Transparent im Hauptbahnhof Bern während der Klimademo am 28. September 2019.
Nächster Artikel

Überwindung des kapitalistischen Wachstumszwangs

Kein Wetter für Klimaproteste?

Untergrund-Blättle