Thomas (Maxime Calicharane) lebt auf La Réunion gemeinsam mit seiner älteren Schwester Audrey (Brillana Domitile Clain) und deren Baby bei seiner Mutter (Yaélle Trules). Sein grösster Traum ist es, als Breakdancer einen Wettbewerb zu gewinnen und dadurch die Chance auf ein neues Leben in Frankreich zu erhalten. Doch nach einem heftigen Streit setzt die Mutter ihre beiden Kinder kurzerhand vor die Tür. Da keine Pflegefamilie zur Verfügung steht, landen Thomas und Audrey schliesslich bei ihrem Vater Christophe (Vincent Vermignon), der sie vor Jahren verlassen hat und inzwischen mit einer neuen Familie lebt. Während Audrey versucht, sich ein eigenständiges Leben aufzubauen und Verantwortung für ihren Sohn zu übernehmen, gerät Thomas immer wieder mit seiner Wut und seiner Enttäuschung in Konflikt. Zwischen Jugendamt, Gericht, Heimunterbringung und Tanz sucht er nach einem Platz, an dem er nicht nur untergebracht, sondern wirklich angenommen wird.
Familie ist mehr als Verwandtschaft
Filme über schwierige Familienverhältnisse neigen häufig dazu, nach Schuldigen zu suchen. Grégory Lucilly interessiert sich dagegen stärker für die Spuren, die familiäre Entscheidungen hinterlassen. Verstossene – Kein Zuhause bei Maman erzählt deshalb weniger vom Zerbrechen einer Familie als von der mühsamen Suche nach einer neuen Form von Zusammenhalt. Dabei verweigert sich das Drama einfachen Antworten. Weder wird die Mutter zur eindimensionalen Bösewichtin, noch erscheint der Vater als verspäteter Retter. Beide Erwachsene sind mit ihren eigenen Grenzen beschäftigt – und genau darunter leiden die Kinder.Bemerkenswert ist vor allem, dass Lucilly das emotionale Gewicht konsequent auf die Beziehung zwischen Thomas und Audrey legt. Sie sind keine blossen Nebenfiguren im Leben des jeweils anderen, sondern tragen die Geschichte gemeinsam. Gerade Audrey entwickelt sich dabei zur heimlichen Hauptfigur. Während Thomas seine Enttäuschung nach aussen trägt, versucht sie, Stabilität herzustellen, Verantwortung zu übernehmen und trotz aller Rückschläge nach vorne zu schauen. Ihre gegenseitige Loyalität wird zum eigentlichen Zuhause der beiden – nicht ein Ort, sondern eine Beziehung.
Wenn Tanz zur Sprache wird
Der Film ist auch eine Art Tanzfilm, folgt dabei aber nicht dem klassischen Muster vieler Tanzfilme. Das Breaking dient nie bloss dazu, spektakuläre Choreografien zu präsentieren oder einen Wettbewerb vorzubereiten. Vielmehr übernimmt der Tanz eine erzählerische Funktion. Immer dann, wenn Thomas seine Gefühle nicht mehr artikulieren kann, beginnt sein Körper zu sprechen. Die Battles markieren Wendepunkte innerhalb seiner Entwicklung, bündeln Wut, Hoffnung und Selbstzweifel und verleihen den emotionalen Konflikten eine physische Ausdruckskraft, die Dialoge allein kaum erreichen könnten. Dabei findet Lucilly gemeinsam mit Kameramann Renaud Chassaing beeindruckende Bilder. Die Kamera beobachtet den Alltag meist ruhig und zurückhaltend, entwickelt in den Tanzsequenzen jedoch eine mitreissende Dynamik, ohne sich in hektischer Schnittakrobatik zu verlieren. Unterstützt wird dies durch die gelungene Verbindung aus Breaking-Beats, Afrobeat und traditionellen Maloya-Rhythmen, die den Film fest auf La Réunion verankert.Ein anderes Bild von La Réunion
Gerade darin liegt eine weitere Stärke des Films. La Réunion erscheint nicht als exotische Urlaubskulisse, sondern als sozialer Lebensraum voller Widersprüche. Palmen und Küstenlandschaften existieren neben Arbeitslosigkeit, beengten Wohnungen und fehlenden Perspektiven. Lucilly ersetzt touristische Postkartenmotive durch einen Blick auf jene Menschen, die dort tatsächlich leben. Dadurch erhält der Film fast dokumentarische Qualitäten, ohne jemals seine erzählerische Leichtigkeit zu verlieren.Ebenso differenziert zeichnet er die staatlichen Institutionen. Jugendamt, Erziehungsheim oder Gericht erscheinen weder als kalte Repressionsapparate noch als wundersame Problemlöser. Sie bestehen aus Menschen, die helfen wollen und dennoch immer wieder an strukturellen Grenzen scheitern. Durch diese Ambivalenz entsteht eine grosse Glaubwürdigkeit.
Hoffnung ohne falsche Versprechen
Besonders überzeugend ist schliesslich Lucillys Mut, auf die üblichen Versöhnungsgesten zu verzichten. Verstossene – Kein Zuhause bei Maman arbeitet nicht auf den einen grossen Sieg hin, der alle Verletzungen heilt. Manche Konflikte bleiben bestehen, manche Wunden schliessen sich nicht vollständig. Dennoch hinterlässt der Film keinen pessimistischen Eindruck. Hoffnung entsteht hier nicht durch Wunder, sondern durch kleine Veränderungen, neue Beziehungen und die Erkenntnis, dass Zukunft oft in den unscheinbaren Entscheidungen des Alltags beginnt.Bereits mit dem im Juni angelaufenen estnischen Film Fränk bewiesen Landfilm und barnsteiner-film ein gutes Gespür für ungewöhnliche Coming-of-Age-Geschichten. Verstossene – Kein Zuhause bei Maman schlägt zwar eine andere Richtung ein, ergänzt diesen Schwerpunkt jedoch auf überzeugende Weise. Denn Lucilly verbindet emotionalen Sozialrealismus mit einer beeindruckenden körperlichen Energie und einer klaren gesellschaftlichen Perspektive.


