Väter Szenen einer Familie

Kultur

„Väter” ist ein Film, der seiner Thematik gerecht wird, nicht mit Humor spart, auch nicht mit Sarkasmus.

Der Schweizer Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Dani Ley an der Berlinale 2008.
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Der Schweizer Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur Dani Ley an der Berlinale 2008. Foto: Siebbi (CC-BY 3.0 unported - cropped)

5. Oktober 2023
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8 min.
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Dani Levys Film basiert auf einer Idee des Journalisten Mattusek, der zudem im „Spiegel“ einen kritischen Bericht über das hiesige Umgangs- und Sorgerecht geschrieben hatte, in dem er Väter benachteiligt sieht. Levy zauberte daraus eine Art Dreiecksgeschichte zwischen Mutter, Vater und Sohn, von der manche Kritiker meinen, sie sei allzu sehr auf Ausgewogenheit ausgerichtet. Vordergründig geht es um Fragen wie Vereinbarung von Beruf, Kinder, Haushalt etc. Der Film entpuppt sich allerdings eher als (durchaus auch humorvoller) Versuch einer Annäherung an die Gefühlswelt eines Paares, in der einiges durcheinander gerät und der Sohn hin- und hergerissen zwischen seinen Eltern verloren scheint. Vor einigen Wochen war im Trailer zu dem Film zu lesen: „Familie ist der Versuch, zu dritt Probleme zu lösen, die man allein nicht hätte.“

Marco (Sebastian Blomberg) ist ein viel beschäftigter Architekt und durch seine Arbeit stark in den Betrieb eingebunden. Melanie (Maria Schrader) ist Lehrerin, Hausfrau und muss sich tagsüber allein um den kleinen Benny (Ezra Valentin Lenz) kümmern, der noch in den Kindergarten geht. „Heute ist ein besonderer Tag“, heisst es, denn heute entscheidet sich, ob Marcos Entwurf eines Hochhauses vom Auftraggeber abgenommen wird. Das Besondere an diesem Tag ist jedoch auch, dass Melanie das alltägliche Chaos der Familie Krieger kaum noch verkraften kann und ein Prozess in Gang gesetzt wird, der zur Trennung führt.

Marco hatte versprochen, für den kranken Sohn noch ein Medikament aus der Apotheke mitzubringen. Nach dem nun für ihn erfolgreichen Tag – sein Entwurf wurde angenommen und verschafft der Firma einen Millionen-Auftrag – hat er das total vergessen. Melanie sitzt genervt über Korrekturen zu Hause und wartet und wartet. Als Marco schliesslich verspätet und leicht angetrunken erscheint, verspricht er ihr, noch schnell in die Apotheke zu gehen. Und er nimmt Benny mit, der darum bettelt. Zwischendurch – aus lauter Freude, Jux und Tollerei – machen die beiden an einem Imbiss halt. Benny, gefragt, was er trinken will, wünscht ein Bier und nimmt einen ordentlichen Schluck. Als Melanie die leichte Fahne ihres Sohnes bemerkt, ist sie sauer: Sie lebt ihrer Meinung nach mit dem verantwortungslosesten Vater und unzuverlässigsten Ehemann zusammen, den man sich denken kann.

Die nächsten Tage versprechen in dieser Hinsicht nichts Gutes. Marco vergisst, seinen Sohn aus dem Kindergarten zu holen. Auf einer Hochzeitsfeier eines Kollegen treiben die Gäste das Spiel „Kennst Du Deinen Partner?“ Auf einen Zettel soll der eine schreiben, was der andere in einer bestimmten Situation gesagt hatte, der andere soll sich möglichst wörtlich erinnern. Marco fällt nichts besseres ein, als die Worte auf den Zettel zu schreiben, die Melanie ihm an den Kopf warf, als er vergessen hatte Benny aus dem Kindergarten zu holen: „Du Arschloch, überfahr Dich doch selbst mit Deinem Porsche.“

Für Melanie war das der berühmte Tropfen: Sie geht nach Hause, packt ihre Koffer. Als Marco erscheint, kommt es zu einer Auseinandersetzung, in deren Verlauf er sie übel beschimpft und ohrfeigt.

Was folgt, ist klassisch. Melanie reicht die Scheidung ein und will Marco nur ein sehr eingeschränktes Umgangsrecht mit Benny zugestehen. Über ihre Anwältin begründet sie dies u.a. damit, dass Marco angeblich alkoholsüchtig sei. Marco fällt aus allen Wolken. Er versteht die Welt nicht mehr und beginnt, um seinen Sohn zu kämpfen. Seiner Kollegin Ilona (Christiane Paul), die in ihn verliebt ist, erzählt er, dass er auch seine Frau zurück haben will. Melanie und Marco schwanken hin und her zwischen Ablehnung, Aggressionen hier und Versuchen, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen.

Doch schliesslich weiss sich Marco nicht anders zu helfen und entführt seinen Sohn ...

Nein, nein. Keines der üblichen Herz-Schmerz-Beziehungsdramen, wie sie den TV-Schirm übervölkern. Levy schildert in seiner fast schon dokumentarischen und obwohl sentimentalen, so doch nicht rührselig überladenen Geschichte, wie Menschen, die sich in eine verfahrene Situation gebracht haben, sich selbst die Rechnung präsentieren: Unfähigkeit zur Kommunikation, unrealistische Sicht der Dinge, hysterische und überzogene Kämpfe, ausgefochten über Anwälte und Aggressivität. Ein Zustand der Hilflosigkeit, der die Beteiligten haarscharf in eine Situation manövriert, in der es nur zwei Möglichkeiten gibt: Man findet sich wieder oder Kampf bis aufs Messer.

Marco ist ein Chaot. Selbst Scheidungskind – die Mutter verliess das Elternhaus, als er 15 war – macht er seinem Vater (Rolf Zacher) noch heute Vorwürfe. Was sich da teilweise wiederholt, ist die Deckungsungleichheit verschiedener Erfahrungshorizonte der Beteiligten. Diese Diskrepanz ist nicht aufzuheben, obwohl jede Sichtweise ihre Berechtigung hat. Die gewisse Haltlosigkeit, die Marcos Verhalten charakterisiert, hat weniger etwas mit Verantwortungslosigkeit zu tun, wie Melanie ihm immer wieder vorwirft, sondern mit der erlernten Unfähigkeit, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und die Dinge zu ordnen zu versuchen. Dasselbe gilt für Melanie. Sie ist frustriert, weil sie nicht weiss, wie sie alles unter einen Hut kriegen soll, weil sie auch ihren eigenen Interessen nachgehen will. Sie entstammt einem Elternhaus, in der Mutter (Rosel Zech) die Hosen anhatte, während Papa (Georg Tryphon) (noch heute) stumm neben seiner Frau sitzt, die die Ehe nicht für eine Institution hält, die etwas mit Glück zu tun habe.

Melanie wie Marco scheitern am gegenseitigen Unverständnis für ihre differierenden Biografien. Dieses Scheitern allerdings inszeniert Levy nicht als freien Fall in den absoluten Pessimismus. Er verfolgt die Spuren, die bleiben und die Chance eröffnen, den freien Fall aufzuhalten. Melanie kapselt sich zunächst von Marco vollständig ab, entzieht ihm den gemeinsamen Sohn. Andererseits versucht sie immer wieder, ihn zu kontaktieren. Sie schwankt zwischen Verletzung, Stolz, Demütigung, Unzufriedenheit mit sich selbst hier, der tiefen Zuneigung zu ihrem Mann und dem Gefühl, das nicht alles verloren ist, auf der anderen Seite. Marco kommt langsam zu einer Art Besinnung. Auch wenn er Benny entführt, so nicht, weil er seiner Frau eins auswischen will, weil sie ihn verlassen hat und als Alkoholiker hinstellt. Nein, der Job ist ihm jetzt ziemlich gleichgültig geworden. Marco setzt Prioritäten, zunächst mit den „falschen“ Mitteln. Melanie merkt nicht nur, dass Benny seinen Vater vermisst und braucht, sie weiss auch, dass es eine (gar nicht so kleine) Chance gibt, wieder zueinander zu finden.

Das alles funktioniert nur, weil Marco wie Melanie ihre Beziehung letztlich nicht als Versorgungsanstalt mit Trauschein oder Konvenienz-Ehe betrachten und empfinden, auch nicht als Ort des Schlagabtauschs ihrer jeweiligen Vergangenheit, sondern als Raum ihrer Zuneigung. Marco liegt eines Tages mit seinem Vater unter der Spüle in dessen Küche, um den Siphon zu reparieren. Man sieht nur die vier Beine, hört beide fluchen über den anderen. Da finden sich wezi langsam wieder. Marco ist zu einem Punkt zurückgekehrt, an dem er aufhörte nachzudenken und nachzuempfinden. Er beginnt nun, das Verhalten seiner eigenen Eltern zu verstehen, das nicht gegen ihn gerichtet war. Sein Vater hat im Internet-Café die Adresse seiner Mutter ermittelt, die ein Restaurant in Frankreich betreibt. Trennungen schaffen Verbindungen.

Benny hat Glück im Unglück. Kinder rechnen haarscharf. Marco legt zwei Steinhaufen am Lagerfeuer vor Benny. Der eine Haufen ist gross, der andere ganz klein. Der erste symbolisiert die Tage, die Benny seit seiner Trennung bei seiner Mutter war, der andere die Tage bei Marco. Das ist ungerecht verteilt. Auch das richtet sich nicht gegen Melanie, sondern an Benny. Als Marco seinen Sohn allerdings entführt, spürt Benny immer deutlicher ein Unwohlsein, er reagiert aggressiv, will zu Melanie zurück. Hin- und hergerissen, in eine Situation verfrachtet, in der er scheinbar über etwas entscheiden soll, was er nicht kann.

Viele Beziehungen in ähnlichen Situationen geraten in eine Phase des schier endlosen Kampfes der Erwachsenen, in dessen Verlauf die Kinder für diesen Kampf funktionalisiert werden. Man streitet mittels Anwälten und Gerichten, ohne dass die Kinder überhaupt gefragt werden, wie es ihnen geht. Melanie, Marco und Benny haben das Glück, das zwischen den Eltern – trotz aller Streitereien und Verletzungen – der Faden nicht gerissen ist. Sie müssen „nur“ den Knotenauf diesem Faden lösen, um sich – auf welche Weise und in welcher Form auch immer – wiederzufinden.

Sebastian Blomberg und Maria Schrader spielen ihre Rollen grossartig, eindrücklich, impulsiv, sehr überzeugend. Ezra Valentin Lenz spielt den kleinen Benny, als ob er mit seinen wirklichen Eltern zusammen wäre.

Ein Film, der seiner Thematik gerecht wird, nicht mit Humor spart, auch nicht mit Sarkasmus, der das Leben zwar ernst, aber nicht bierernst nimmt, mit einer exzellent gewählten Besetzung der Hauptrollen – was will man mehr? Angesichts der zahllosen Scheidungsfälle solcher Art mag man meinen, hier würde ein Ausnahmepärchen vorgestellt, das der Realität nicht so ganz entspreche. Doch in der Realität hört man sowieso eher von den Krächen, den Brüchen, dem Kanonendonner des Scheiterns als von überstandenen Konflikten, die sich eher im Verborgenen abspielen. Levy lässt den Ausgang der Geschichte im übrigen offen, allerdings mit optimistischen Anklängen.

Ulrich Behrens

Väter

Deutschland

2002

-

102 min.

Regie: Dani Levy

Drehbuch: Rona Munro, Dani Levy

Darsteller: Sebastian Blomberg, Maria Schrader, Ezra Valentin Lenz

Produktion: Manuela Stehr

Musik: Niki Reiser

Kamera: Carsten Thiele

Schnitt: Elena Bromund