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Unter Anklage – Der Fall McMartin | Untergrund-Blättle

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Unter Anklage – Der Fall McMartin Visuelle Komplotte

Kultur

Das so genannte „McMartin Trial“ (1983 bis 1991) gehört wohl zu den aufsehenerregendsten Prozessen der amerikanischen Justizgeschichte.

Der britische Filmregisseur Mick Jackson, Mai 2011.
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Der britische Filmregisseur Mick Jackson, Mai 2011. Foto: Anders Krusberg - Peabody Awards (CC BY 2.0 cropped)

7. August 2021
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Sieben Mitglieder der Familie McMartin wurden wegen sexuellem Missbrauchs von Kindern festgenommen. Es handelte sich um den bis dahin teuersten und längsten Prozess in den Vereinigten Staaten, in dessen Verlauf der Hauptangeklagte ununterbrochen fünf Jahre lang in Untersuchungshaft sass – wie sich später herausstellte unschuldig wie die anderen Familienmitglieder auch. Im Verlauf dieses Prozesse wurden die Angeklagten nicht nur des Missbrauchs von Kindern aus dem eigenen Kindergarten beschuldigt, sondern auch, satanische Messen abgehalten und Kinder gezwungen zu haben, Blut von geschlachteten Tieren zu trinken. Die Medien, die betroffenen Eltern und eine aufgebrachte und aufgehetzte Öffentlichkeit erfanden immer neue Schreckenstaten, um die McMartins zu denunzieren und in die Ecke psychopathischer Verbrecher zu stellen.

1995 nahm sich Mick Jackson dieser Geschichte an und drehte den von Oliver Stone produzieren Film „Indictment: The McMartin Trial“ auf Grundlage eines Drehbuchs von Myra und Abby Mann, der 1961 mit seinem Drehbuch „Judgment at Nuremberg“ einen Oscar gewonnen hatte.

Judy Johnson (Robert Bassin) erhebt in einem Brief an die Polizei schwere Vorwürfe gegen den jungen Ray Buckey (Henry Thomas). Ihr Sohn Malcolm (Courtland Mead) habe ihr von sexuellem Missbrauch durch Ray im Kindergarten erzählt. Nachdem Ray einige Zeit von der Polizei observiert worden ist, wird er festgenommen. Später werden auch seine Mutter Peggy (Shirley Knight), seine Grossmutter Virginia (Sada Thompson), seine Schwester Peggy Ann (Alison Elliott) sowie weitere drei Familienmitglieder verhaftet. Die Öffentlichkeit und die Medien stürzen sich auf den Fall. Als der Pflichtverteidiger Rays das Handtuch wirft, nimmt sich der abgebrühte Anwalt Danny Davis (James Woods) der Verteidigung der Familie an.

Zu diesem Zeitpunkt ist die öffentliche Meinung bereits vollauf gegen die Familie McFarlane eingestellt. Insbesondere der windige Journalist Wayne Satz (Mark Blum) wartet mit immer neuen Horrormeldungen über die Angeklagten auf: Sie sollen Kinder gezwungen haben, im Rahmen satanischer Messen das Blut geschlachteter Tiere zu trinken. Weitere Eltern melden sich bei der Polizei und behaupten, auch ihre Kinder seien in dem Kindergarten der McMartins missbraucht worden.

Eine sich als Expertin für Kindesmissbrauch ausgebende Sozialarbeiterin namens Kee McFarlane (Lolita Davidovich) befragt die Kinder. Von diesen Befragungen werden Videoaufnahmen erstellt und der ermittelnden Staatsanwältin Lael Rubin (Mercedes Ruehl) zur Verfügung gestellt. Ray Buckey und die McMartins bestreiten jeglichen Vorwurf. Davis allerdings bekommt zunächst niemanden auf Kaution frei. Erst sehr viel später erweisen sich die Aussagen der Kinder und die von Frau Johnson als äusserst fragwürdig ...

In der Justizgeschichte – nicht nur der Vereinigten Staaten – sind etliche Fälle bekannt, in denen, begleitet von einer entsprechenden Kampagne der Medien, Menschen zu Unrecht – gerade auch in Fällen des sexuellen Missbrauchs, beschuldigt wurden. Der Fall McMartin ragt aus diesen anderen Fällen heraus, weil die Strafverfolgungsbehörden – möglicherweise um ihr Gesicht nicht zu verlieren – penetrant auf eine Verurteilung zumindest des Hauptangeklagten drangen, der ungewöhnlich lang – ganze fünf Jahre bis zum Prozess – in Untersuchungshaft sitzen musste.

In seinem hervorragenden Buch „Wir sind Erinnerung“ (1) schildert der amerikanische Professor für Psychologie, Daniel L Schacter, eindrücklich sowohl die Fälle verdrängten Missbrauchs (S. 408 ff.), als auch die Schwierigkeiten, die Zuverlässigkeit aufgedeckter Erinnerungen zu beurteilen (S. 427 ff.) und nicht zuletzt die Fälle offensichtlicher Scheinerinnerungen bei Patienten, die sicher absolut sicher waren, als Kinder missbraucht worden zu sein (S. 433 ff.).

Es ist hier nicht der Ort, die Ergebnisse einer solchen Darstellung auszubreiten. Doch aus Schactners Ausführungen wird eines deutlich: Wie schwierig gerade in diesen Fällen sexuellen oder anderen, körperlichen und seelischen Missbrauchs die Wahrheit zu verorten ist, wie trügerisch Sicherheit über Erlebtes sein kann, aber nicht muss, zumal bei bestimmten Patienten die Beeinflussung in der Therapie erst den Missbrauch zum Vorschein bringt (und sich damit auch die Frage nach der Qualität der Therapie stellt), und wie kompliziert daher in vielen Fällen die Suche nach der Wahrheit sich gestaltet.

Jackson stellt all diese Fragen nicht. Er zeigt zwar, wie windig die Methoden der Pseudo-Therapeutin McFarlane sind – aber er stellt nicht die Gegenfrage: Wie müsste es aussehen? Der Film manipuliert, indem er eine Front zwischen Gut und Böse aufbaut: hier die penetrant verfolgungswütige Staatsanwältin Lael Rubin, der Journalist Satz, der wider besseres Wissen auf Quote aus ist, und die völlig unfähige Sozialarbeiterin McFarlane, die über Suggestivbefragungen die Kinder zu Aussagen über Missbrauch bringt, die offensichtlich nicht der Wahrheit entsprechen. Auf der anderen Seite steht James Woods als Danny Davis, der sich im Laufe des Films als Gerechtigkeitsfanatiker entpuppt. Und genau hier liegen auch die Schwächen des Films.

Jackson inszenierte den Fall mit haargenau den gleichen Mitteln, die er im Film anzugreifen vorgibt: Die Kamera und damit der Blick des Zuschauers richtet sich gegen die als fast schon bösartig und skrupellos erscheinenden, publicitysüchtigen und geradezu eine verschworene Gemeinschaft bildenden Figuren Rubin, Satz und McFarlane. An ihnen wird kein gutes Haar gelassen. Der Held des Films ist Danny Davis, der anfangs als nicht zimperlicher und an den Menschen, die er verteidigt, nicht besonders interessierter Anwalt gezeigt wird. Im Laufe des Films aber avanciert Davis zum nahezu einzigen Vertreter von Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit. Heroisch!

Vor dem Hintergrund einer wesentlich grösseren Zahl von gerechtfertigten Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern im Vergleich zu Justizirrtümern respektive Suggestivbefragungen usw. gerät der Film auf diese Weise leicht in den Verdacht, ein völlig falsches Bild der Realität zu zeichnen. Hinzu kommt, dass der Leiter der Staatsanwaltschaft Ira Reiner (Richard Bradford) und die Richter der Voruntersuchung und des Prozesses (James Cromwell in einer Nebenrolle) selbst als unfähig bis korrupt hingestellt werden, was offenbar nicht unbedingt den Tatsachen des wirklichen Falls entspricht.

Die Motive der Handelnden, insbesondere der „bösen Buben“ des Films, bleiben im Dunkeln. Auch der Leichtgläubigkeit der Eltern der vermeintlich betroffenen Kinder wird nicht auf den Grund gegangen. Wie konnte es zu einer Art Massenhysterie dieses Ausmasses kommen? Wurde nie darüber nachgedacht, die Kinder von anderen, wirklich dafür ausgebildeten Psychologen befragen zu lassen, anstatt sich ausschliesslich auf das (dilettantische) Urteil der nicht professionell geschulten oder / und unerfahrenen Kee McFarlane zu verlassen? Was treibt insbesondere eine so erfahrene und mit allen Wassern gewaschene Staatsanwältin wie Lael Rubin dazu, derart uneinsichtig und wider jede Vernunft an der avisierten Verurteilung festzuhalten, ja sich geradezu daran zu klammern, als gehe es für sie um Leben oder Tod? Stellt man diese Fragen, stellt sich eine weitere: Was will der Film überhaupt beweisen? Dass es Justizirrtümer, Hysterie, falsche Propheten und medienbesessene Therapeuten gibt? Das wussten wir auch vorher schon.

Jackson setzt auf Komplott, Intrige und Verschwörung, weigert sich aber, den Charakteren und ihren Motiven näher auf den Grund zu gehen. James Woods spielt als Anwalt im Kampf dagegen genau auf dieser Tonhöhe; die anderen, besonders Mercedes Ruehl und Lolita Davidovich, eifern ihm nach: auf der anderen Seite. Und dabei ist „Unter Anklage ...“ noch nicht einmal wirklich langweilig, nein – ich habe mich recht gut unterhalten gefühlt. Man darf den Film nur nicht allzu ernst nehmen. Dass er 1995 drei Emmys und zwei Golden Globes einheimste, verwundert vor dem geschilderten Hintergrund nicht.

Ulrich Behrens

(1) Daniel L. Schacter: Wir sind Erinnerung. Gedächtnis und Persönlichkeit, Reinbek bei Hamburg 2001 (649 Seiten, rororo 61159), Originalausgabe: „Searching for Memory. The Brain, the Mind and the Past“, New York 1996.

Unter Anklage – Der Fall McMartin

USA

1995

-

131 min.

Regie: Mick Jackson

Drehbuch: Abby Mann, Myra Mann

Darsteller: James Woods, Mercedes Ruehl, Lolita Davidovich

Produktion: Diana Pokorny

Musik: Peter Rodgers Melnick

Kamera: Rodrigo García

Schnitt: Richard A. Harris

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