Unruh Die Revolution der Zeitlichkeit in modernen Gesellschaften
Kultur
Meinen Beitrag zum Film „Unruh“ (2022) des Regisseurs Cyril Schäublin begann ich mit einer Erinnerung an das Internationale Anti-Autoritäre Treffen in Saint Imier vor zwei Jahren.

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Filmplakat.
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Der Film spielt im Jahr 1877 an eben jenem Ort, weil der Anarchismus insbesondere in der dort aufkommenden Uhren-Industrie stark war. Damals wie heute ist die Gegend ein Symbol dafür, wie sich das Grosse im Kleinen spiegelt und das Kleine im Grossen wiederzufinden ist. Die Schweiz war nicht nur ein Knotenpunkt für Handelsbeziehungen, sondern aufgrund ihrer republikanischen Verfassung auch ein Rückzugsort für politisch Verfolgte aus Frankreich, Deutschland, Russland oder Italien. Subtil wird etwas Carlo Cafiero im Film eingeführt, der als Verfolgter untergetaucht ist und weiterhin Kontakte hält.
Dies bezieht sich auf die Revolution der Zeitlichkeit in modernen Gesellschaften, welche im Film thematisiert wird. Verschiedenste technische Entwicklungen machten es möglich, Abläufe zu koordinieren, zu synchronisieren und zu beschleunigen. Die Erfindung der Telegraphie, der Eisenbahn, der Fotografie und der Uhr ermöglichten ein neues Zeitgefühl. Damit wurde es möglich, Arbeitsprozesse neu zu strukturieren und durchzutakten. Somit veränderte sich auch das private Leben. Ironischerweise produzieren die Arbeiter*innen in den Uhrenfabriken des Schweizer Jura insofern gerade jene Geräte, welche den Zugriff auf ihre eigenen Lebensabläufe ermöglichen. Weiterhin wird im Film das Wechselverhältnis von proletarischem Kosmopolitismus mit einer lokalisierten Globalisierung thematisiert. Denn Produktionsketten verbanden kleine Industriedörfer mit dem Rest der Welt, während Millionen von Menschen z.B. von Polen nach Deutschland, von Deutschland und Irland in die USA oder von Italien nach Argentinien emigrierten. Sie standen weiterhin miteinander im Kontakt und nutzten dafür ebenfalls die modernen Verkehrs- und Kommunikationswege.
Die Geschichte der Arbeiter*innen-Bewegung im 19. Jahrhundert kann auch unter dem Aspekt des Widerstreits zwischen Nationalismus und Emanzipation beschrieben werden. Beides sind moderne Tendenzen. Zum Einen werden Nationalstaaten mit klaren Grenzen formiert. Sie greifen auf verschiedene gesellschaftliche Bereiche zu und formen die Menschen zu Bürger*innen, die Staaten unterstützen sollen. Andererseits ermöglichen die gesellschaftlichen Errungenschaften auch transnationale Vernetzungen und die Organisation von komplexen Wirtschaftssystemen auf eine sozialistische und dezentrale Weise. Es lohnt sich in dieser Geschichte zu graben, um beispielsweise zu entdecken, das weite Teile der sozialistischen Bewegung zu dieser Zeit dezidiert anti-national eingestellt waren. Eher auf nationale Interessen fokussierte Gewerkschaften entstanden dann erst ca. 20 Jahre später.
Im Film werden die Uhrmacherin Josephine Gräbli und der „anarchistische Prinz“ Pjotr Kropotkin portraitiert. Interessant ist hierbei, dass sie beide zwar Hauptrollen einnehmen, aber dennoch sehr subtil auftreten. Im Sinne des vorherig ausgeführten, kann in ihrer Interaktion die Beziehung zwischen transnationalem Anarchismus und seiner Verwurzelung in modernen, lokalisierten Arbeits- und Lebensverhältnissen verstanden werden. Gräbli ist eine fiktive Person – die aber für die Familiengeschichte des Regisseurs steht, welcher seine Herkunft erforscht.
Einer der bekanntesten Anarchisten überhaupt, Kropotkin, wird nicht als grosser Redner, sondern eher als schüchterner und neugieriger Beobachter vorgestellt. Die feinmechanische Arbeit der Uhrmacher*innen kann symbolisch auch so verstanden werden, dass Menschen ein ruhiges Händchen und Konzentration brauchen, um eine neue Gesellschaftsform aufzubauen. Diese Fähigkeiten werden zugleich aber auch für moderne Produktionsweisen benötigt und ausgebeutet.
Kropotkin tritt im Film eher alleine auf. Tatsächlich war er aber schon zu jener Zeit mit vielen weiteren Genoss*innen verbunden. Unter ihnen etwa Élisée Reclus, der ebenfalls Geograph war oder James Guillaume, der mit ihm transnational politisch aktiv war. Paul Brousse brachte in Frankreich eine Zeitung heraus, für die Kropotkin seine ersten Aufsätze schrieb. Der erwähnte Adhémar Schwitzguébel steht wiederum eher für die regional starke anarchistische Bewegung in dieser Zeit. Kropotkin sollte noch sehr bekannt werden und mehrere inspirierende Bücher schreiben. Darin beschäftigte er sich mit Wissenschaft, dem Staat, der Konzeption einer libertär-sozialistischen Gesellschaftsform, der Geschichte sozialer Bewegungen und der Ethik.
Er entwickelte dabei massgeblich Grundlagen für den kommunistischen Anarchismus. Dieser stützt sich auf eine lange Tradition der Kritik am Privateigentum, Klassengesellschaft und Profitlogik. Verschiedene andere Menschen waren Agitatorinnen und Denkerinnen für den Anarch@-Kommunismus und schrieben auch Texte. Was Kropotkin interessant macht ist aber, dass er eine umfangreiche Theorie entwarf. Mit dem anarchistischen Kommnunismus wird in politischer Hinsicht das Modell einer Föderation dezentraler autonomer Kommunen angestrebt, mit welchen der Nationalstaat überwunden wird. In diesen wird eine sozialistische Wirtschaftsform selbst organisiert.
Eine wichtige theoretische Grundannahme besteht darin, davon auszugehen, dass erstrebenswerte gesellschaftliche Verhältnisse parallel zu jenen der Herrschaftsordnung vorhanden sind und ausgedehnt werden können. Durch Organisierung, Bewusstseinsbildung und Kämpfe kann eine libertär-sozialistische Gesellschaftsform schrittweise aufgebaut werden. Der Anarch@-Kommunismus wurde auch weiterentwickelt und beispielsweise mit Anarchafeminismus (etwa durch Chiara Bottici) und Antirassismus (z.B. von Lorenzo Kom'boa Ervin) verbunden. Zur Entstehung des historischen Anarch@-Syndikalismus kam es dann aber erst ab den 1890er Jahren. Im Film werden somit auch die Vorläufer dafür aufgezeigt.
Schliesslich inspiriert der Film auch, über die Unruhe unserer eigenen Zeit nachzudenken. Die Zivilisation befindet sich in einem akuten Verfallsprozess. Während das Alte so krampfhaft am Leben gehalten wird, wird die Geburt einer libertär-sozialistischen Gesellschaft verhindert. Statt das sich die Menschheit auf Lösungen für ihre gigantischen Probleme konzentriert, wollen Superreiche auf den Mars fliegen, in Privatstädte ziehen und mit Künstlicher Intelligenz alle Abläufe kontrollieren. Dabei kommt es zur Erfahrung der Ungleichheit, an welche auch der Faschismus andockt bzw. die durch den Faschismus aufgegriffen und in politisches Kapital umgemünzt wird. Dagegen halten auch viele linke Projekte eher an der überlebten alten Gesellschaft fest.
Anarchist*innen kommt hierbei die Rolle zu, mit ihrem utopischen Wärmestrom, die Vision einer erstrebenswerten Gesellschaftsform zu imaginieren und ihre Machbarkeit zu demonstrieren. Tatsächlich gab es in den letzten 15-20 Jahren weltweit starke soziale Bewegungen – auch wenn wir das manchmal vergessen bzw. dies vergessen gemacht wird. Wir können weiterhin darauf setzen, dass Menschen die Sackgasse des Bestehenden erkennen und die Erfahrung der Unruhe unserer Zeit in die Auseinandersetzung um eine lebenswerte Zukunft überführen.
Unruh
Schweiz
2022
-95 min.
Regie: Cyril Schäublin
Drehbuch: Cyril Schäublin
Darsteller: Clara Gostynski, Alexei Evstratov, Monika Stalder
Produktion: Linda Vogel, Michela Pini
Musik: Roland Widmer
Kamera: Silvan Hillmann


