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Rezension zum Film von Thomas Vinterberg Das Fest

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Noch vor Lars von Triers Idioten stellt Thomas Vinterbergs filmische Dekonstruktion der Institution „Familie“ aus demselben Erscheinungsjahr das erste Werk dar, das streng nach den „Dogma 95“-Prinzipien gedreht wurde.

Der dänische Filmregisseur Thomas Vinterberg mit Alexandra Rapaport bei der Präsemtation des Filmes «Die Jagd» am Film Festival in Cannes 2012.
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Bild: Der dänische Filmregisseur Thomas Vinterberg mit Alexandra Rapaport bei der Präsemtation des Filmes «Die Jagd» am Film Festival in Cannes 2012. / Gus Kaage (CC BY 3.0 unported - cropped)

14. Juli 2010

14. 07. 2010

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Dogma-Filme verweigern sich generell allen Digitalisierungs- sowie Globalisierungstendenzen. So hält sich auch Das Fest an vorgegebene formale Richtlinien – neben einer verwackelten Handkamera ist das beispielsweise das Weglassen eines Szenenbildes.

Inhaltlich dreht sich der Film, wie der Titel bereits vorwegnimmt, um ein Familienfest. Der erfolgreiche grossbürgerliche Patriarchat Helge Klingenfeldt (Henning Moritzen) feiert seinen 60. Geburtstag im Kreis seiner Kinder, Verwandten, Bekannten und Geschäftsfreunde. Der älteste Sohn ist der zurückhaltende und nachdenkliche Christian (Ulrich Thomsen). Seine liberale Schwester Helene (Paprika Steen) studiert Kulturanthropologie und wird von dem gutmütigen, dunkelhäutigen Gbatokai (Gbatokai Dakinah) begleitet. Der extrovertierte Choleriker Mikael (Thomas Bo Larsen) erscheint mit seiner Frau Mette (Helle Dolleris).

Die scheinbar gut gelaunte Gesellschaft gerät ins Stocken nachdem Christian bei seiner Festrede eine Andeutung auf einen Missbrauch des Vaters an seiner Schwester Linda (Lene Laub Oksen), die sich kürzlich umgebracht hat, und an ihm macht. Nach einer kurzen Unterbrechung scheint Christian in einer zweiten Rede die Wogen wieder glätten zu wollen. Doch mit dem Trinkspruch „Auf den Mann, der meine Schwester umgebracht hat“ gerät die zweite Rede nur sehr kurz. Aber der Stein der Wahrheitsfindung ist unaufhaltsam ins Rollen gekommen.

Vinterberg inszeniert, wie bereits erwähnt, eine Dekonstruktion der Familie. Während der typische Hollywoodfilm künstlich zusammen- und hochhält, was längst nicht mehr der Realität entspricht, zerpflückt Vinterberg (buchstäblich und im übertragenen Sinn) ungeschminkt und mit schwarzem Humor die traditionelle Gemeinschaftsform. Der Höhepunkt von Das Fest ist eindeutig die Rede Christians, die zwischen Suppe und Hauptgang zum Eklat führt.

Mit dem Kindesmissbrauch wird neben formellen Gesetzmässigkeiten innerhalb der Filmlandschaft zudem ein inhaltliches Tabu angesprochen. Der Film beschreibt, wie mit diesem verdrängten Ereignis umgegangen wird: Zunächst wird es geleugnet. Bei Christians zweitem Anlauf wird er aus dem Haus geworfen und beim dritten Mal wird er sogar ausserhalb des Hauses an einen Baum gebunden. In der Grossfamilie ist eben kein Platz für einen Skandal.

Vinterberg entfaltet seine Message mit einer raffinierten Rezeptionssteuerung: Neben der verwackelten Handkamera sind es vor allem grobkörnige oder unscharfe Bilder in Kombination mit scheinbar unprofessionellen Kameraschwenks und –zooms. Hier greift Vinterberg auf ein Versatzstück innerhalb der Familienkultur selbst zurück: das Heimvideo (oder inzwischen auch Mobiltelefonvideo), das der Zuschauer von eigenen Familienfesten her kennt. Dadurch spielt der Regisseur mit den Sehgewohnheiten seines Publikums. Dadurch, dass die Figuren oft aus der Nähe gezeigt werden, gepaart mit hektischen Schnittfolgen, findet sich der Zuschauer abwechselnd zwischen dem Gefühl der Scham und einer voyeuristischen Genusshaltung wieder.

Das Fest wendet sich letztendlich gegen den Zuschauer selbst. Lange Zeit hat sich dieser nämlich mit dem potent wirkenden und scheinbar vernünftigen Mikael identifiziert. Christian steht eher als Antisympathieträger da, weil er als störend und unangenehm empfunden wird, so dass das Publikum, genau wie die Festgesellschaft, um jeden Preis den Anstand in der Öffentlichkeit aufrechtzuerhalten sucht. Nach 105 Minuten wird die Figur Christian auf diese Weise alleine zurückgelassen. So inszeniert Vinterberg ein satirisches Drama um starre Hierarchien und Strukturen innerhalt einer Grossfamilie, die mit der Wahrheit nichts anfangen kann, sondern sich lieber damit begnügt, den gesellschaftlichen Schein aufrechtzuerhalten, indem sie über ein Verbrechen hinwegsieht.

Marco Behringer
film-rezensionen.de

Das Fest

Dänemark, Schweden

1998

-

101 min.



Regie: Thomas Vinterberg

Drehbuch: Thomas Vinterberg, Mogens Rukov

Darsteller: Ulrich Thomsen, Henning Moritzen, Thomas Bo Larsen

Produktion: Birgitte Hald, Morten Kaufmann

Musik: Lars Bo Jensen

Kamera: Anthony Dod Mantle

Schnitt: Valdís Óskarsdóttir

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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