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The Northman | Untergrund-Blättle

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The Northman Auf zu neuen Ufern

Kultur

Wenn in „The Northman“ ein Wikinger auf Rache sinnt, dann ist das gleichzeitig altbekannt und doch aufregend anders.

Der schwedische Schauspieler Alexander Skarsgard (rechts) spielt in dem Film den Wikinger Amleth.
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Der schwedische Schauspieler Alexander Skarsgard (rechts) spielt in dem Film den Wikinger Amleth. Foto: Nick Step (CC BY 2.0 cropped)

1. Juli 2022
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Vor allem die Verbindung zur allgegenwärtigen Mythologie, die wahnsinnigen Visionen und die detailverliebte Ausstattung hinterlassen Eindruck. Die Geschichte selbst ist da nur ein Nebenprodukt, auch von den Figuren sollte man trotz des grossen Ensembles nicht zu viel erwarten.

Im Jahr 895 herrscht der von seinen Feinden gefürchtete und von den eigenen Männern verehrte Wikingerkönig Aurvandil (Ethan Hawke) unangefochten über sein Reich. Zumindest bis zu dem Tag, an dem sein Halbbruder Fjölnir (Claes Bang) ihn brutal ermorden lässt. Auch dessen Sohn Amleth (Oscar Novak) soll an jenem Tag sterben, entgeht dem Schicksal aber gerade noch. Doch während der Junge entkommen kann, muss er mitansehen, wie seine Mutter Gudrún (Nicole Kidman) von Fjölnir verschleppt wird. Wohl wissend, dass er selbst keine Zukunft mehr im Land hat, macht sich Amleth auf eine lange Reise, schwört aber, eines Tages zurückzukehren und Rache zu üben, sowie seine Mutter zu befreien. Jahre später ist aus dem Jungen ein kräftiger Krieger (jetzt: Alexander Skarsgård) geworden, der mit seiner Horde andere überfällt. Als er eines Tages von dem Aufenthaltsort seines verhassten Onkels erfährt, beschliesst er, sich als Sklave auszugeben, um dort unbemerkt Zugang zu erhalten. Dabei macht er die Bekanntschaft der ebenfalls als Sklavin gehaltenen Olga (Anya Taylor-Joy), die ihrerseits alles dafür tun will, um der Gefangenschaft wieder zu entkommen …

Auf zu neuen Ufern

Unter den vielen Filmen, die 2022 in die Kinos kommen, gehört The Northman sicherlich zu den meisterwarteten. Natürlich, es wird eine ganze Reihe geben, die mehr einspielen. Den ganz grossen Blockbuster wird bei dem Wikingerabenteuer wohl niemand erwarten. Aber wenn sich Robert Eggers mit einem neuen Werk zu Wort melden, dann gibt es doch eine eingefleischte Fangemeinde, die sich das auf keinen Fall entgehen lassen will. Schon sein Debüt The Witch wurde gefeiert, zumindest bei Kritikern, die sich an dem geringen Tempo des historischen Horrors nicht störten. Noch grösseren Eindruck hinterliess Der Leuchtturm, ein verstörender Inselalptraum rund um zwei Männer, die in der Abgeschiedenheit langsam wahnsinnig werden. Da ist die Neugierde natürlich gross, wie der dritte und bislang grösste Spielfilm des US-amerikanischen Regisseurs ausfallen wird.

Nun ist der Film da, stellt dabei gleichzeitig eine logische Fortsetzung der beiden vorangegangenen Werke dar und ist doch ganz anders. Was relativ früh auffällt: The Northman ist deutlich expliziter und auch körperlich als die ersten zwei Filme. Wo bei diesen vielen nur angedeutet wurde und oft nicht klar war, was nun real geschieht und was blosse Einbildung ist, da wird hier ordentlich draufgehauen. Körperteile sind zum Abhacken da, die Menschen werden aufgespiesst oder am lebendigen Leib verbrannt. Der Rest wird versklavt, nachdem sie auf altmodische Weise für den Rest des Lebens gebrandmarkt werden. Die alten Wikinger hielten viel von Regeln oder Gesetzen. Erlaubt ist, was mir, meinem Volk oder meinem Reich nutzt. Damit einher geht das deutlich erweiterte Setting. Wo es in The Witch und Der Leuchtturm jeweils sehr begrenzte Schauplätze gab, in denen jeweils ein kleines Ensemble agierte, da geht es dieses Mal hinaus in die weite Welt.

Ein allgegenwärtiger Mythos

Wo der Film hingegen anknüpft, ist das psychologische Element, wenn die Grenzen zum Wahnsinn sehr fliessend werden. Bei Der Leuchtturm geschah dies noch aufgrund der Umstände, der Isolation und zu viel Alkohol. Bei The Northman sind diese Sequenzen hingegen Ausdruck der Überzeugungen der Figuren, gerade in der Verbindung zum Mythologischen. In der Welt der Wikinger, so wie Eggers sie zeigt, ist Religion nicht einfach ein Teilaspekt des Lebens, sondern durchdringt dieses völlig. Immer wieder sehen wir, wie Amleth oder andere sich in Visionen verlieren, die physische und die spirituelle Welt miteinander vermischen. Grossartig ist beispielsweise ein leider nur recht kurzer Auftritt der Kultsängerin Björk als Seherin, die den Protagonisten an sein Schicksal erinnert.

Allgemein gehören die Szenen, in denen der Film besonders auf die Kultur der Wikinger eingeht, zu den besten. Mit einer unglaublichen Detailtreue erschaffen Eggers und sein Team eine vergangene Welt wieder, irgendwo zwischen Geschichtsstunde und Mythos. Die verschiedenen Rituale sorgen für ein eigenes Flair, welches das Abenteuer von den vielen anderen Wikingererzählungen unterscheidet. Und auch die Ausstattung trägt dazu bei, dass man sich hier mehr als zwei Stunden lang in einem dreckig-grauen Fiebertraum verliert und verlieren möchte. Ein Grau, das weder Weiss noch Schwarz zulässt: Auch wenn Königssohn Amleth unstrittig der Protagonist ist und seine Rachegelüste nachzuvollziehen sind, ein Held ist er nicht. Er mordet im Gegenteil ebenso ungeniert und unbekümmert wie diejenigen, die ihm Leid zugefügt haben.

Inhaltlich etwas nichtssagend

Der auf der Sagengestalt Amletus basierende Racheplot ist dabei der schwächste Teil des Films. Eggers und sein Co-Autor Sjón (Lamb) gelingt es an der Stelle nicht, sich auf nennenswerte Weise von den Tausenden Rachegeschichten abzuheben, mit denen der Filmmarkt jedes Jahr überflutet wird. Es scheint ihn aber auch nicht zu interessieren, ebenso wenig seine Figuren. Die kann man wohlwollend als klassisch bezeichnen. Weniger wohlwollend sind sie ziemlich langweilig und lassen jede Form einer nennenswerten Charakterisierung vermissen. Zugegeben, bei derart historischen Werken ist das auch eher unüblich. Die Idee einer Persönlichkeit ist da doch etwas neueren Datums. Dennoch fällt es zuweilen schwer, sich für das Schicksal der einzelnen Figuren noch zu interessieren. Zum Teil wird das dafür vom absurd prominenten Ensemble ausgeglichen, das immer wieder Glanzmomente hat. Vor allem ein Monolog von Nicole Kidman – die hier etwas irritierend die Mutter von Alexander Skarsgård spielt, nachdem beide in Big Little Lies als Ehepaar auftraten –, bleibt in einer Schlüsselszene in Erinnerung, wenn noch einmal der komplette Morast vor dem Publikum ausgekippt wird. Schön ist das nicht, faszinierend dafür umso mehr.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

The Northman

USA

2022

-

120 min.

Regie: Robert Eggers

Drehbuch: Robert Eggers, Sjón

Darsteller: Alexander Skarsgård, Nicole Kidman, Claes Bang, Anya Taylor-Joy

Produktion: Craig Lathrop

Musik: Robin Carolan, Sebastian Gainsborough

Kamera: Jarin Blaschke

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