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Rezension zum Film von Stanley Kubrick Uhrwerk Orange / A Clockwork Orange

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Nach 2001: Odyssee im Weltraum liegt mit Uhrwerk Orange ein weiterer Science-Fiction-Film von Stanley Kubrick vor.

Stanley Kubrick Ausstellung im Los Angeles County Museum of Art.
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Bild: Stanley Kubrick Ausstellung im Los Angeles County Museum of Art. / Eliot Phillips (CC BY 2.0 cropped)

6. Januar 2015

06. 01. 2015

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Doch im Gegensatz zu dem theologischen und kulturanthropologischen Diskurs aus seiner „Weltallballade“, die als Soft-Science-Fiction eingeordnet werden kann, handelt es sich in seinem „Gewaltexzess“ eher um eine psychologische und soziologische Gesellschafts- und Institutionsstudie innerhalb einer Dystopie. Beide gelten gleichermassen längst als Meilensteine der Filmgeschichte. Während die „Weltallballade“ in der fernen Zukunft angesiedelt ist, spielt der „Gewaltexzess“ in der damals nahen Zukunft: 1983.

Für Alex DeLarge (Malcolm McDowell) und seine Jugendgang „Droogs“– Pete (Michael Tarn), Georgie (James Marcus) und Dim (Warren Clarke). – ist der Lebensinn Gewalt. Gemeinsam ziehen sie nachts los, um einen wehrlosen Obdachlosen (Paul Farrell) zusammenzutreten, um maskiert die Frau (Adrienne Corri) des Schriftstellers Frank (Patrick Magee) zu vergewaltigen, nachdem sie Frank zusammengeschlagen haben, um sich Schlägereien mit einer verfeindeten Bande in Nazi-Montur zu liefern und um die „Cat Lady“ (Miriam Karlin) mit einem überdimensionalen Kunststoffpenis zu töten.

Alex wird nach zuletzt genannter Aktion gefasst und anschliessend verurteilt. Durch ein Resozialisierungsprogramm soll in ihm die Lust zu Gewalt ausgemerzt werden, indem er beispielsweise gezwungen wird, über lange Zeiträume hinweg ohne Fluchtmöglichkeiten und Pausen, Gewaltsequenzen auf einer Leinwand anzuschauen. Als Konsequenz der Resozialisierung leidet Alex nach seiner Entlassung immer dann unter Übelkeit, wenn in ihm Aggression aufkeimt. Bei Begegnungen mit seinen ehemaligen Opfern wird nun Alex wehrlos zum Objekt der Rache.

Der Titel wurde direkt von der Vorlage des Films, dem Zukunftsroman A Clockwork Orange von Antony Burgess, übernommen. Der Schriftsteller erklärt seine Titelwahl in seinem Buch gleich selbst:

«1945, als ich von der Army kam, hörte ich einen achtzigjährigen Cockney in einem Londoner Pub von jemandem sagen, er sei schräg wie eine aufgezogene Orange‘ (as queer as a clockwork orange). Der Ausdruck faszinierte mich als eine Äusserung volkstümlicher Surrealistik. Die Gelegenheit, die Redensart auch als Titel zu benutzen, kam 1961, als ich mich daran machte, einen Roman mit dem Thema der Gehirnwäsche zu schreiben. Der Mensch ist ein Mikrokosmos, er ist ein Gewächs, organisch wie eine Frucht, er hat Farbe, Zerbrechlichkeit und Süsse. Ihn zu manipulieren, zu konditionieren, bedeutet ihn in ein mechanisches Objekt zu verwandeln – eine Uhrwerk-Orange.»

Man kann aber auch Assoziationen wie Orang-Utan (Orange) anbringen, was das Primitive und Agressive symbolisiert. Als Kontrast dazu stünde das Uhrwerk, das Synonym für Disziplin und eine reibungslos ablaufende Maschinerie (Gesellschaft) ist.

Abgesehen davon spielt Uhrwerk Orange in einem – für Gegenutopien typisch– polizeistaatähnlichem System. Das Set wirkt aber entgegen den meisten Anti-Utopien eher grell, an die Kunstrichtung Pop-Art erinnernd. Die „Droogs“ weisen ambivalente Elemente auf: So pflegt Alex, neben seinem Hang zur willkürlichen Gewalt, seine Vorliebe für Kultur. Auch der Slang der „Droogs“ ist in dieser Hinsicht bemerkenswert, weil er eine Mischung aus Englisch und Russisch, sowohl Umgangssprache als auch aristokratische Sprache, darstellt. Diese Diskrepanz zwischen primitiver Rohheit und kultureller Bildung wird im Film durch den Einsatz von klassischer Musik (Beethoven) und Balleteinlagen während der Gewaltorgien zusätzlich unterstrichen.

Darüber hinaus übernimmt Uhrwerk Orange in zweifacher Hinsicht eine Schlüssellochfunktion. Der Zuschauer nimmt einmal den Platz des Voyeuren bei den Aggressionen von Alex und ein zweites Mal bei den Racheakten der Geschädigten ein. Dies wird durch Kubricks spezielle Ästhetik unterstützt: Beispielsweise sieht der maskierte Alex dem Zuschauer in einer Vergewaltigungssequenz direkt ins Gesicht. Die Maske Alex‘, aber auch durch die Doppelrolle Alex‘ – als Täter und Opfer – sorgen trotz der voyeuristischen Einblicke für eine unparteiische Distanzhaltung.

Uhrwerk Orange ist ein bitterböser Faustschlag ins Gesicht des Zuschauers, der Staatsmacht und Verbrechen als zwei Seiten derselben Medaille entlarvt. Kubricks Film handelt von Gehirnwäsche und spielt mit den Sehgewohnheiten der Zuschauer. In opulenten und provokativen Bildern beschreibt Kubrick die Einzwängung der emotionalen Bedürfnisse von unten (= Unterbewusstsein, Instinkt) in das zivilisatorische Korsett und die Disziplinierungsmassregelung von oben (= Vernunft, Aufklärung). Die Aussage ist schlichtweg, dass der Mensch von Natur aus der Gewalt bedarf, aber die Gesellschaft noch keine Normen errichten konnte, um dieses Bedürfnis zu kanalisieren beziehungsweise hierfür entsprechende Ventile zu installieren. An Kubricks 131 Minuten knüpft in thematischer Hinsicht gesehen wiederum der Psycho-Thriller Fight Club (David Fincher) an.

Marco Behringer
film-rezensionen.de

Uhrwerk Orange

GB

1971

-

131 min.



Regie: Stanley Kubrick

Drehbuch: Stanley Kubrick

Darsteller: Malcolm McDowell, Patrick Magee, Michael Bates

Produktion: Stanley Kubrick

Musik: Wendy Carlos

Kamera: John Alcott

Schnitt: Bill Butler

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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