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Rezension zum Film von Stanley Kramer Das Narrenschiff

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«Das Narrenschiff» überzeugt mit hervorragendem Schauspiel des gesamten Ensembles sowie schönen Bildern. Die damals neuartige Erzählstruktur wirkt heutzutage allerdings eher zusammengewürfelt und inkohärent. Allein des Schauspiels wegen ist dieser Film aber jeden Blick wert.

Narrenschiff, Ölbild Thomas Bühler.
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Bild: Narrenschiff, Ölbild Thomas Bühler. / Thomas Bühler (CC BY-SA 3.0 cropped)

1. Juni 2017

01. 06. 2017

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Die Allegorie des Narrenschiffs wurde von Platon in dessen Politea entworfen: Ein Schiff mit starkem, aber schwerhörigem und sehgeschädigtem Kapitän, dessen meuternde Crew sich im Streit um das Steuerrad gegenseitig umbringt. Ein Schiff also, das hoffnungslos verloren ist. Im ausgehenden 15. Jahrhundert wurde das Motiv für eine Satire aufgegriffen, in der eine Hundertschaft Narren über das Meer dem fiktiven Land Narragonien entgegenreist. Diese Geschichte wie auch eine eigene Schiffsreise inspirierten Katherine Anne Porter zu ihrem einzigen Roman, der 1962 erschien und 1965 von Stanley Kramer unter gleichem Titel, Ship of Fools also, zu deutsch Das Narrenschiff, verfilmt wurde.

1933 legt ein stattliches Schiff in Vera Cruz ab, Ziel: Bremerhaven, Deutschland. Karl Glocken (Michael Dunn), der einzige kleinwüchsige Passagier, beugt sich zu Anfang über die Reling, durchbricht die vierte Wand und informiert den Zuschauer darüber, dass er (Glocken also, doch zweifellos gleichsam der Zuschauer) sich auf einem Schiff voller Narren befände und selbst nur ein Narr unter vielen sei. Nach und nach werden, in abwechselnden Segmenten, die einzelnen Passagiergruppen und ihre Geschichten gezeigt. Abgesehen davon, dass alle auf demselben Schiff sind, interagieren die Personen selten mit anderen Passagieren. Die grosse Ausnahme sind die Zusammenkünfte im Speisesaal, in dem es eine besondere Ehre ist, am Kapitänstisch zu sitzen. Der Kapitän (Charles Thiele) allerdings hält wenig von den Reisenden und schickt gerne den Schiffsarzt (Oskar Werner) als Vertreter.

Diese Ehre bleibt dem Juwelier Julius Lowenthal (Heinz Rühmann) allerdings verwehrt, denn er ist Jude. Dafür geniesst er das zweifelhafte Privileg eines eigenen Tisches – oder zumindest der erste zu sein, der an diesem Tisch sitzt. Denn zu seiner Überraschung gesellt sich alsbald Glocken zu ihm. Als Kleinwüchsiger gilt er schliesslich ebenfalls als andersartig. Später wird auch noch Herr Freytag (Alf Kjellin) an diesen Tisch verwiesen, als die Nachricht die Runde macht, seine Frau sei Jüdin. Generell sind die Parts mit Lowenthal und Glocken amüsant, vor allem Lowenthals verbale Schlagabtäusche mit seinem antisemitischen Kabinengenossen Rieber (José Ferrer) sind oft pointiert. Doch wenn Rühmann guter Dinge proklamiert, dass es Millionen Juden in Deutschland gibt, und verschmitzt fragt, was man denn tun wolle – alle umbringen? –, dann löst der vermeintlich leichte Ton des Films durchaus Beklommenheit aus. Das Narrenschiff fährt wirklich blindäugig und gutgläubig ins Verderben.

Heikle Besetzung des Schiffs

Dass ausgerechnet Rühmann einen Juden verkörpert, hat darüber hinaus einen Beigeschmack, der auch dem Schauspieler selbst nicht behagt hat. Denn auch wenn Rühmann kein Nazi war und nur von diesen instrumentalisiert wurde, stand er nicht nur in hoher Gunst bei Goebbels und Göring, sondern auch auf Hitlers Gottbegnadeten-Liste. Somit war er einer der Künstler, die für die Propagandamaschinerie des Dritten Reiches zu wichtig waren, als dass man sie an die Front hätte schicken können. Für Rühmann blieb es die erste und letzte Erfahrung in Hollywood. Warum genau das so war, lässt sich nicht sagen. Vielleicht lag es an der englischen Sprache, denn während Rühmanns schauspielerische Leistung in Das Narrenschiff durchaus zu seinen besten zählt, sind die Worte durch die gar zu deutsch akzentuierte Aussprache manchmal beinahe peinlich verfremdet. In einem seiner letzten Fernsehauftritte meinte er allerdings, dass ihm in beziehungsweise an Hollywood einige Dinge schlicht nicht gefallen hätten.

Unterwegs mit grossen Stars

Das Schauspiel ist generell auf einem sehr hohen Niveau. Nicht umsonst sind drei der acht Oscarnominierungen in dieser Kategorie angesiedelt. Neben dem bereits angesprochenen Rühmann läuft Vivien Leigh in ihrem letzten Film zu Höchstform auf, während Oskar Werner, Simone Signoret und Michael Dunn – die drei Nominierten – schlichtweg brillieren. Besonders Werner als Schiffsarzt Dr. Wilhelm Schumann dominiert jede einzelne seiner Szenen. Genau genommen ist das Schauspiel auch das Beste am Film. Denn während die Kameraführung und das Szenenbild beide mit einem Oscar in der damals noch existierenden Schwarz-Weiss-Kategorie belohnt wurden und das Szenenbild allein deshalb schon beeindruckend ist, weil es keine Aussendrehs gab und alles trotzdem so wirkt, als würde es auf dem Ozean stattfinden, lässt sich nicht leugnen, dass Das Narrenschiff zweieinhalb Stunden lang ist und abgesehen von Dialogen wenig Inhalt hat.

Es ist ein bisschen so, als wäre der Zuschauer selbst Passagier und würde sich frei auf dem Schiff bewegen, allerdings ohne irgendeinem erkennbaren Narrativ zu folgen. Der Film ist nie langweilig oder verwirrend, wirkt aber einfach, als wären verschiedene Kurzgeschichten miteinander vermengt worden. Verschiedene Handlungsstränge nonlinear miteinander zu verbinden, ist schon lange keine Seltenheit mehr, aber war in den 1960ern keineswegs üblich. So mag dieser Aspekt das damalige Publikum vielleicht überzeugt haben, ein Nachkriegspublikum zumal, für das die Thematik noch präsenter war, aber gut gealtert ist der Film in dieser Hinsicht leider nicht.

JLM
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Das Narrenschiff

USA 1965 - 146 min.

Regie: Stanley Kramer
Drehbuch: Abby Mann
Darsteller: Vivien Leigh, Simone Signoret, José Ferrer
Produktion: Stanley Kramer
Musik: Ernest Gold
Kamera: Ernest Laszlo
Schnitt: Robert C. Jones

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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