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Spurlos ... ohne Spuren zu hinterlassen

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Manchmal stimmt es: Nomen est Omen. Der Name ist Schall und Rauch. Was George Sluizer dazu veranlasst hat, seinem eigenen französisch-niederländischen Film „Spoorlos” aus dem Jahr 1988 fünf Jahre später in einem US-amerikanischen Remake den Garaus zu machen, kann ich nicht beurteilen.

Der niederländische Regisseur George Sluizer in Amsterdam, Juli 2012.
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Bild: Der niederländische Regisseur George Sluizer in Amsterdam, Juli 2012. / Martijn Savenije (CC BY 3.0 unported - cropped)

9. Januar 2020

9. Jan. 2020

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4 min.

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„Spoorlos” war ein exzellenter, düsterer Thriller, der durch ausgezeichnete Charakterdarstellung und ein beklemmendes Ende Frösteln verursachte. „Spurlos” ist nichts anderes als ein geschmäcklerisches Hollywood-Remake, das so offensichtlich auf Mainstream getrimmt ist, dass man sich fragen muss, ob die Produzenten das hauseigene Publikum für dämlich halten.

Diane Shaver (Sandra Bullock) und ihr Freund Jeff Harriman (Kiefer Sutherland) sind unterwegs on vacation. Sie hatten eine Auseinandersetzung, sich aber gerade wieder versöhnt, als Diane an einer Raststätte aussteigt, um auf die Toilette zu gehen und Bier zu holen. Sie kehrt nicht zum Auto zurück. Jeff sucht sie vergeblich. Drei Jahre später hat er die Suche noch immer nicht aufgegeben. Inzwischen hat er Rita Baker (Nancy Travis) kennen gelernt und lebt mit ihr zusammen. Noch immer sucht Jeff nach Spuren, die zu Diane führen könnten. Rita gegenüber verheimlicht er dies, doch sie kommt dahinter und versucht, Jeff davon abzuhalten, sein Leben und ihrer beider Beziehung durch seine Besessenheit zu zerstören.

Da taucht ein Brief auf, in dem ein gewisser Barney (Jeff Bridges) Jeff ein Treffen vorschlägt; er wisse, was mit Diane passiert sei. Als Barney bei Jeff auftaucht, entlädt sich Jeffs ganze Wut gegen den Kidnapper, der Jeff ein einmaliges Angebot macht: Wenn er mit ihm komme, würde Jeff erfahren, was mit Diane geschehen sei – unter einer Bedingung: Jeff müsse das gleiche durchmachen wie Diane. Nur dann werde er ihn zu ihr führen.

Rita, die Jeff kurz zuvor verlassen hat, weil Jeff seine Suche fortsetzt, erfährt von einer Nachbarin Jeffs das Autokennzeichen Barneys und versucht, die beiden zu finden. Sie ahnt Schreckliches ...

Sluizers Remake folgt im wesentlichen der Originalstory aus dem Jahr 1988. Zwei Dinge wurden allerdings grundlegend geändert. Der Schluss wurde zum üblichen kommerziellen Trash ausgestaltet und die Figur der neuen Freundin Jeffs, Rita, zur Drehbuch-Marionette zwecks Funktionsfähigkeit dieses Schlusses ausgestaltet.

Die Geschichte selbst ist einfach und klar gehalten. Im Mittelpunkt steht ein Universitätsprofessor der Chemie, Barney Cousins, der nach aussen ein stinknormales Leben mit Frau Helen (Lisa Eichhorn) und Tochter Denise (Maggie Linderman) führt, aber insgeheim von schwerwiegenden psychischen Problemen mit gefährlichen Folgen für andere geplagt wird. Als Junge war er – ohne für andere ersichtlichen Grund – vom Balkon des Elternhauses gesprungen. Cousin will „testen”, was freier Wille bedeutet. Für ihn ist „freier Wille” eine Herausforderung. Seiner Tochter gegenüber beweist er den „guten Vater”, der einmal ein kleines Mädchen vor dem Ertrinken rettete. Aber kann er auch das Gegenteil – ein böser Mensch sein? Diese pathologische Disposition bringt ihn auf die Idee des Kidnapping.

Während auf Grundlage dieser Ausgangssituation Sluizers Film aus dem Jahr 1988 eine kompakte und in sich logische Geschichte, in die sich das Ende nahtlos einfügt, erzählt, musste das Remake diese Homogenität anscheinend unbedingt destruieren. Während in der Originalversion die dortige neue Freundin Rex (Jeff) verlässt, weil sie dessen Besessenheit nicht ertragen kann, muss Nancy Travis einen Showdown sichern, der so abgeschmackt und sattsam bekannt ist, dass er nicht nur die Grundidee des ersten Films gnadenlos zerstört, sondern auch die Sluizers erstem Film inhärente Zivilisationskritik mit Füssen tritt. Da ich hier über den Showdown nichts verraten will, sei nur so viel gesagt: Nancy Travis Rita muss das avisierte Ende des Bösen und Sieg des Guten sichern helfen.

In „Spoorlos” hingegen visualisierte Sluizer die Nähe von Normalität und Schrecken, von Pathologischem unter der hauchdünnen Fassade des bürgerlichen Anstands, Anonymität und Gleichgültigkeit anderer bezüglich des Schicksals von Saskia (Diane). Noch etwas: „Spoorlos” zeigte auch die Ähnlichkeit im Verhalten des dortigen Entführers Raymond Lemorne und des Saskia (Diane) suchenden Rex. Beide werden getrieben von einer masslosen, grenzenlosen Suche nach Gewissheit. Dieser schier unstillbare Wissensdurst beider als Prototypen der „modernen” Gesellschaft ist Ausdruck einer Form von „Wissen”, die ausschliesslich dazu dient, sich des anderen zu bemächtigen.

Von alldem findet sich in dem Remake: absolutely nothing. Sutherland, Travis und Bridges sind lediglich Marionetten eines auf Mainstream massgeschneiderten Drehbuchs. Die teilweise wörtlich übernommenen Dialoge bekommen damit eine fast völlig andere Bedeutung in einem Thriller, der üblichen Klischees des Genre entsprungen ist. Bridges spielt für meinen Geschmack Barney Cousins „over the top”, das heisst, er drängt den Psychopathen so richtig auf psychopathisch. Die von Jerry Goldsmith komponierte Musik passt über weite Strecken überhaupt nicht zur Handlung, sondern suggeriert etwas, was der Film nicht hergibt: Spannung. Schon die Eingangssequenz bis zum Verschwinden von Diane und selbst die Handlung danach bis zum Eintreffen des Briefes von Cousins bei Jeff lässt Langeweile aufkommen. Eine Dreiviertelstunde muss dafür herhalten, was in knapp zwanzig Minuten aufgehoben gewesen wäre. Der Showdown ist absoluter Trash, hundertfach schon gesehen und nicht einmal besonders spannend inszeniert.

„Spoorlos” hinterliess ein Frösteln, „Spurlos” hinterlässt keine Spuren. So könnte man den fundamentalen Unterschied beider Filme zusammenfassen.

Ulrich Behrens

Spurlos

USA 1993 - 105 min.

Regie: George Sluizer
Drehbuch: Todd Graff
Darsteller: Jeff Bridges, Kiefer Sutherland, Nancy Travis
Produktion: Larry Brezner, Pieter Jan Brugge, Paul Schiff, Lauren Weissman
Musik: Jerry Goldsmith
Kamera: Peter Suschitzky
Schnitt: Bruce Green

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