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Spuren - Die Opfer des NSU Die Zeit heilt keine Wunden

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Nach der kämpferischen Doku „Der zweite Anschlag“ (2018) von Mala Reinhardt, ist dies ein eher sanfter Film, der viele Details aus dem Leben der Ermordeten erzählt.

Denkmal für die Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in Dortmund.
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Bild: Denkmal für die Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in Dortmund. / Reclus (CC0 - PD)

19. März 2020

19. 03. 2020

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Als der Prozess um die Morde an neun Männern türkischer und griechischer Herkunft und einer deutschen Polizistin begann, schmückten monatelang Porträtfotos von Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe in stylischem Schwarz-Weiss wie ein Wandfries oder Altar die Homepage der Berliner Zeitung und wurden auch von anderen Medien gern genommen. Die Gesichter und Namen der drei waren dann hinlänglich bekannt und lange Zeit überpräsent. Kaum bekannt hingegen waren die Namen und Gesichter der Opfer, von denen die meisten nicht so deutsch wie die der Täter waren. Der Film spürt drei von ihnen nach, erzählt aus ihrem Leben und von den Stunden nach den Morden, von den einseitigen, demütigenden Ermittlungsmustern der Polizei gegen die Angehörigen selbst, dem Trauma in den Familien.

Vogelzwitschern, ein Waldstück, ein Blumenstand an einer Landstrasse in Nürnberg, ein Mann hantiert dort, betet unter Bäumen auf einem improvisierten Teppichboden. Lange kein Wort. Der Frieden an diesem Ort, stellt sich heraus, trügt, es ist ein Nazi-Tatort. Hier hatten die Täter des so genannten „NSU“ Enver Simsek am 9. September 2000 in seinem Lieferwagen mit acht Kugeln angeschossen, er war ihr erstes Opfer. Der Mann, der jetzt dort wieder Blumen verkauft, war ein Freund von Enver Simsek. Er erzählt, dass er damals nach dem Mord hier Bäume für Enver pflanzte, sie sind jetzt gross und tragen Kirschen, Äpfel, Walnüsse. Schattenspender für Envers Seele, sagt er.

Diesem leisen Anfang folgt der Zorn in den Gesprächen mit der Tochter von Mehmet Kubasik, der unheilbare Schmerz in den Gesprächen mit der Witwe. Die Nazis erschossen Mehmet Kubasik am 4. April 2006 in seinem Kiosk in Dortmund. Seine Tochter Gamze Kubasik sagt, die Ermittlungen der Polizei, die reflexhaft und hartnäckig ihre Familie als Täter verdächtigten, hätten ihren Vater „zum zweiten Mal umgebracht“. Dieser Satz entspricht dem, was schon Ibrahim Arslan, der 1992 als 7jähriger den Nazi-Brandanschlag in Mölln überlebte, in dem Dokfilm „Der zweite Anschlag“ formulierte: Der erste Anschlag kommt von den Nazis, der zweite immer von der Gesellschaft. „Wir wurden“, erzählt die Tochter Gamze Kubasik „die ersten 5 Jahre nach dem Mord richtig gequält und verdächtigt von der Polizei und unserer Umgebung“.

Dann Gamzes Erleichterung, als die Nazigruppe sich selbst enttarnte, weil sie dachte, „jetzt sind die Morde aufgeklärt“. Dann die grosse Enttäuschung, neuer Zorn über den Prozess, von dem sie sich vollständige Aufklärung erhofft hatten und angemessene Strafen. Was es bedeutet, fünfeinhalb Jahre zu Verhandlungen um den Mord an einem geliebten Menschen zu gehen, davon bekommt man eine Ahnung, wenn man die Witwe Elif Kubasik sieht, während sie davon erzählt: „Am Ende blieben nur Fragezeichen. Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Aber das stimmt nicht. Ich bleibe für immer verwundet.“

Aber auch Beistand gab es: mit dem Transparent, das die Fans von Borussia Dortmund im Stadion entrollten „In Erinnerung an Mehmet Kubasik“ – die Tochter zeigt das Foto und erzählt, wie sehr sie das gefreut hat. Dortmund sei ihre Heimat, sagt sie, es gebe dort zwar viele Nazis, aber auch andere Menschen.

Der Bruder von Süleyman Taşköprü, den die Nazis am 27. Juni 2001 ermordeten, Osman Tasköprü, hat eine ganz andere Art zu erzählen. Äusserlich beherrscht, in möglichst neutraler Tonlage, ein Schutzpanzer umgibt ihn. Auch Osmans Leben ist von dem Mord geprägt, er erinnert sich am Tatort, wie er den Tag erlebt hat, an dem sein Bruder im Lebensmittelladen seines Vaters in Hamburg – Bahrenfeld erschossen wurde und wie er seither damit lebt: dass er immer, wenn er nach Altona kommt, besonders viel an Süleyman denkt, weil der oft hier war, und dass er ihm fehlt, die ganze Zeit. „Er fehlt, er ist nicht da.“ Keine Privatumgebung wie bei den Kubasiks oder Simseks, sondern lieber in einem Café mit Spielautomaten in Hamburg-Altona, wo er am kahlen Tisch sitzt und sich an seinen Bruder erinnert, dem er gern vieles nachmachte und der ihm so wichtig war, wie man es weniger durch die Worte spürt als durch das Schweigen zwischendurch.

Semiya Simsek, die Tochter von Enver Simsek, zog vor ein paar Jahren in die Türkei. Der Schmerz käme immer mit, sagt sie, egal, wohin sie geht. Die Trauer würde sogar grösser werden mit der Zeit. Ihr Vater wollte immer, dass sie türkische Zeitungen und türkische Bücher liest, jetzt sei das gut für sie.

Adile, der Witwe von Enver Simsek, wirkt sehr lebendig, ihr Gesicht leuchtet beim Interview. Sie sagt, dass sie seit dem Prozess wieder aufrecht laufe, weil er geklärt hat, dass sie es nicht war. Sie wurde damals, noch im Schock der Nachricht vom Anschlag auf ihren Mann, als Täterin bizarrerweise verdächtigt und tagelang verhört, durfte nicht zu ihm ins Krankenhaus, wo ihre 14jährige Tochter allein sein musste und am Bett des tödlich verwundeten Vaters zusammenbrach.

Manchmal höre sie Envers Seele herumlaufen, sagt Frau Simsek. Sie geht zu einem Baum, den Enver in dem türkischen Dorf gepflanzt hat und sagt. „Das ist Enver. Das da drüben, der dünnere Baum, das bin ich.“ Der Film schliesst mit einer schmerzlich friedlichen Schlussszene.

Nach der kämpferischen Doku „Der zweite Anschlag“ (2018) von Mala Reinhardt, in dem Opfer, Angehörige und Zeugen der Anschläge in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und des „NSU“ über den Zustand unserer Gesellschaft reflektieren und sich zu Bündnissen und Initiativen zusammenschliessen, ist dies ein eher sanfter Film, der sehr viele Details aus dem Leben der Ermordeten und ihrer Familien und aus der Zeit danach erzählt. In den Begegnungen werden die Toten wieder lebendig, man lernt sie kennen und ihre Töchter, ihre Witwen, den Bruder, den Freund. Regisseurin Aysun Bademsoy bezieht sich und ihre eigene türkische Zugehörigkeit mit ein, bietet im Gespräch an, das Interview entweder auf Türkisch oder Deutsch zu führen, man hört ihre Fragen und Einwürfe, vor allem die Frauen öffnen sich ihr.

Auch die Namen der Ermordeten und ihrer Angehörigen lernt man gut kennen, erinnert sich des Klangs, kann weiter recherchieren und sie immer selbstverständlicher aussprechen. Das ist eine wichtige Leistung des Films. Nicht die Namen und Gesichter der Mörder sollen bleiben, sondern die der Opfer. Ein wenig irritierend ist vielleicht der Untertitel, weil er „Über die Opfer des NSU“ heisst und man daraufhin eine Vollständigkeit aller zehn Fälle erwartet. Die drei mögen stellvertretend sein.

Jetzt, nach den rassistischen Morden in Hanau, wo ein Nazi ganz gezielt neun Menschen migrantischer Herkunft in Shisha-Bars erschossen hat und da in den ersten Stunden in Medien wieder reflexartig und ausschliesslich über „Schutzgelderpressung“ und „Drogenmafia“ spekuliert wurde und wieder die Betroffenheits-Phrasen von Amtsinhabern zu hören waren, ist dieser Film schrecklich aktuell.

Angelika Nguyen
telegraph.cc

Spuren - Die Opfer des NSU

Deutschland

2019

-

81 min.



Regie: Aysun Bademsoy

Drehbuch: Aysun Bademsoy

Kamera: Ute Freund, Isabelle Casez

Schnitt: Maja Tennstedt

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-ND 3.0) Lizenz.

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