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Sonatine Brutalität als Lebensweise

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Yakuza-Filme sind – in etwa – die japanische Ausgabe von Mafia-Filmen. Yakuza haben ihre eigenen, strengen Regeln.

Takeshi Kitano «Sonatine» Graffiti.
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Bild: Takeshi Kitano «Sonatine» Graffiti. / Eduard Maluquer (CC BY-SA 2.0 cropped)

22. August 2019

22. Aug. 2019

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Der japanische Aussenseiter-Regisseur „Beat” Takeshi Kitano ist inzwischen bekannt für seine (nur) nach allem äusseren Anschein brutalen Filme, die sich – sei es von seiten der Staatsmacht, sei es von seiten der Yakuza – mit diesem Genre beschäftigt – aber eben auf eine sehr spezielle Weise. Seine Filme sind nicht im eigentlichen Sinne brutal, sondern sie haben Brutalität – mit allem was „dazu gehört” – als Lebensweise zum Thema. So auch in dem 1993 gedrehten 94minütigen Streifen „Sonatine”, der bei uns erst 1998 kurzzeitig in die Kinos kam.

Der Yakuza Murakawa (Takeshi Kitano) wird von seinem Boss Kitajima nach Okinawa geschickt, um dort mit einigen Neulingen des Klans einen Streit zwischen zwei anderen Yakuza-Klans zu schlichten. Schnell stellt sich heraus, dass es diesen Streit nicht gibt und Murakawa selbst Zielscheibe seines Bosses und vor allem von dessen rechter Hand Takahashi ist. Nachdem Murakawa einen ersten Anschlag in einer Kneipe überstanden hat, ziehen sich er und seine Gefolgsleute ans Meer in ein einsames Strandhaus zurück, um das weitere abzuwarten. Aus Langeweile (man hat niemanden umzubringen!) beginnen sie, am Strand Kinderspiele zu inszenieren. Da wird das Ritual von Sumo-Ringern nachgeäfft, man beschiesst sich mit Feuerwerk, spielt Russisches Roulette (ohne Kugeln) und anderes mehr. Zu der illustren Gesellschaft stösst noch eine junge Frau. Deren Peiniger erschiesst Murakawa kurzerhand, nachdem ersterer die Frau vergewaltigt hatte.

Doch das gewohnte Leben holt die Strandgesellschaft bald wieder ein: Takahashi schickt ihnen einen Killer, der einen der jungen Verbrecher durch einen Kopfschuss tötet. Murakawa erfährt, dass es vor allem Takahashi ist, der ihm sein Revier streitig macht. Der wird kurzerhand – nachdem ihm Murakawa mehrmals in die Beine geschossen hat – mit einer Handgranate in seinem Auto in die Luft gejagt. Murakawa schlägt zurück. Mit einem Maschinengewehr bewaffnet macht er sich zur Versammlung des Klans auf und „mäht” die ganze Gesellschaft nieder ...

Doch nicht diese (Haupt-)Handlung des Films steht – wie in anderen Filmen Kitanos auch – im Vordergrund des filmischen Geschehens. Kitano inszeniert den gewaltsam herbeigeführten Tod, den Mord, als eine Nebensache. Die Brutalität und die auf diese Gewalt eingeschränkte Lebensweise der Handelnden wird als die normalste Sache der Welt dargestellt. Selbst dem „abtrünnigen” Verbrecher, den Murakawa anfangs des Films gefesselt von einem Kran ins Wasser abtauchen lässt, ist bewusst, dass sein Todesurteil gesprochen ist. Er nimmt dies angesichts der tödlichen Situation relativ gelassen hin. Die zuschauenden Yakuza sind eher gelangweilt, und Murakawas ausschliessliches Interesse besteht darin zu erfahren, ob es zwei oder drei Minuten dauert, bis der Gefesselte ertränkt ist.

Das für uns Nebensächliche stellt Kitano in den Vordergrund: Als er und einer der jungen Yakuzas Takahashi töten wollen, wählt der junge Yakuza eine Handgranate, weil ihm diese Waffe besonders lieb ist, und jagt Takahashi samt seiner Limousine in die Luft. Endlich hat einmal eine Handgranate funktioniert. Der junge Yakuza ist zufrieden. Murakawa nicht. Denn nun müssen beide vom Strand Richtung Stadt laufen, weil sie kein Auto mehr haben. In einer anderen Szene fährt Murakawa Auto, obwohl er dies nicht gelernt hat, keinen Führerschein besitzt. Er landet – auf kerzengerade Strecke – im Strassengraben. Für die anderen Grund zum Spotten.

Diese Nebensächlichkeiten machen Kitanos Film zur Groteske.

Der Zuschauer wird in die völlig undramatisch inszenierte Normalität der Brutalität auf ebenso gewaltsame Art, aber unscheinbar hineingezogen. Für Murakawa – wie für alle anderen – ist der Tod, der gewaltsame Tod so gewiss, dass Zerstörung und Selbstzerstörung von Beginn an unausweichlich sind: Es ist völlig eindeutig, dass auch er früher oder später eines unnatürlichen Todes sterben wird. Auch die anderen Beteiligten, die nicht zum Klan gehören, die Zuschauer und Mitwisser, die im Fahrstuhl oder in der Kneipe ansehen müssen, wie sich die Yakuza gegenseitig erschiessen, wirken völlig unbeteiligt und gefühllos, so, als wenn sie Beobachter eines völlig normalen Geschehens wären.

Die kindlich-spielerischen Strandszenen, in den sich die Yakuza angesichts ihrer Langeweile die Zeit vertreiben, reissen den Zuschauer für einen Moment aus der Normalität der Yakuza heraus; Verbindungslinien werden gezogen. Hat man nicht schon selbst einmal so am Strand gespielt? Doch diese Verbindungslinien sind Schein, nur Zwischenspiel, und liegen doch gleichzeitig in der Logik der Yakuza-Lebensweise.

Kitano komponiert seinen Streifen wie eine kleine, leichte Sonate, setzt auf die Erwartungshaltungen der Zuschauer und durchbricht doch oder gerade deswegen gleichzeitig sämtliche Regeln des japanischen Mafia-Films. Brutalität erscheint nicht als brutal, Angst einflössend, abschreckend, gefühllos, sondern als Gesetz, dem man sich nicht entziehen kann. Murakawa kehrt an den Strand zurück, wo die junge Frau wartet, die sich ihm nahe fühlt. Doch der Yakuza weiss, dass es für ihn kein anderes Leben geben kann – selbst nachdem er seine sämtlichen Widersacher aus der Welt geschafft hat. Er tötet sich. Nur einer kann entkommen. Einer der jungen Yakuza flüchtet in der Dunkelheit, als Murakawa seine Widersacher umbringt. Ein leichter, kurzer, flüchtiger Augenblick von – ja, von Hoffnung oder Ausweg?

Ulrich Behrens

Sonatine

Japan 1993 - 94 min.

Regie: Takeshi Kitano
Drehbuch: Takeshi Kitano
Darsteller: Takeshi Kitano, Aya Kikumai, Tetsu Watanabe
Produktion: Masayuki Mori
Musik: Masayuki Mori
Kamera: Katsumi Yanagishima
Schnitt: Takeshi Kitano

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