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Sócrates Viele Probleme, wenig Zeit

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„Sócrates“ ist ein Film, der lediglich von den Konfliktsituationen lebt, weniger von der Charakterdarstellung, und damit das Mitfühlen so sehr erschwert, dass man letztendlich vor einem Berg offener Handlungssträngen steht, die einen ziemlich unbefriedigt zurücklassen. Aber trotz allem sollte man dem Debütfilm, nicht nur wegen des tollen Hauptdarstellers, eine Chance geben.

Sao Paolo.
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Bild: Sao Paolo. / Aleksandrs Timofejev (CC BY 3.0 unported - cropped)

4. Februar 2020

04. 02. 2020

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In einer kleinen Wohnung am Rande von Sao Paolo lebt Sócrates (Christian Melheiros) mit seiner Mutter. Als diese jedoch plötzlich stirbt, steht der fünfzehn Jährige vor schier unlösbaren Herausforderungen. Um die Wohnung behalten zu können, will er arbeiten gehen, was aber aufgrund seines Alters fast aussichtslos ist. Zugleich entdeckt er seine Zuneigung zu einem anderen Jungen, der aber etwas zu verbergen scheint. Und als hätte Sócrates nicht schon genug damit zu tun, sein Leben in geordneten Bahnen zu halten, muss er sich auch noch der Konfrontation mit seinem Vater stellen, zu dem er kein gutes Verhältnis hat. Und so stolpert der Jugendliche von einem Dilemma ins nächste. Ein Leben voller Ungewissheit, Ängsten und Zweifeln steht fast übermächtig vor dem Jungen, der doch eigentlich nur eines sucht: seinen Platz im grossen Ganzen.

Mit einem minimalen Budget von gerade mal 20.000 Dollar realisierte der Regisseur und Drehbuchautor Alexandre Moratto sein Leinwanddebüt. Als Darsteller für seine Geschichte, die am Rande von Sao Paolo spielt, engagierte er zudem Jugendliche aus einem Sozialprojekt. Unter diesen Umständen muss man sagen, ist es schon beachtlich, was Moratto hier geschaffen hat. Ein Coming-of-Age Drama, bei dem vermutlich gerade der Hauptdarsteller Christian Malheiros am Ende im Gedächtnis bleiben wird.

Viele Probleme, wenig Zeit

Nachdem in der letzten Zeit mit Marriage Story oder auch The Irishman mehrfach Filme liefen, die die Laufzeit von zwei Stunden deutlich überschritten, scheint Sócrates mit seinen gerade mal 70 Minuten erfrischend kurz zu sein. Jedoch kristallisiert sich ziemlich schnell heraus, dass die Laufzeit hier für den Film mehr Fluch als Segen ist. Bereits nach etwa knapp der Hälfte sieht man sich mit so vielen Konfliktsituationen konfrontiert, dass der Film tatsächlich mehr als überfrachtet auf den Zuschauer einwirkt, aber paradoxerweise gleichzeitig wenig temporeich erscheint. Der Regisseur schickt seinen Protagonisten in fast jede erdenkliche Situation, lässt ihn von einem Dilemma ins nächste schlittern und löst dann aber erstaunlich wenig davon wirklich zufriedenstellend auf.

Nachdem Sócrates seine Mutter verliert, erfahren wir nie richtig, was genau in der Beziehung zu seinem Vater passiert ist und vor allem, warum der Junge keine Hilfe bekommt, weder im sozialen noch finanziellen Bereich. Immerhin darf der Minderjährige nicht offiziell arbeiten und muss oder will seine Wohnung noch bezahlen. Insofern ist nicht ganz klar, ob das System hier wirklich derart versagt, es gar keine Möglichkeiten anbieten kann oder will und ob der Junge nicht sogar gegen seinen Willen zu seinem Vater geschickt werden müsste. Stattdessen stürzt sich der Regisseur mit voller Wucht auf das nächste Dilemma, denn der Junge entdeckt auch noch ganz nebenbei die Zuneigung zu einem seiner Arbeitskollegen.

Gefühle auf Knopfdruck

Allerdings ist auch diese Ausgangssituation und die folgende Entwicklung dramaturgisch wenig ausgereift. Viel zu schnell hastet man von Abneigung zu den ersten Körperlichkeiten, sodass für den Zuschauer fast gar nicht nachvollziehbar ist, was genau hier eigentlich passiert ist und woher ganz plötzlich doch die Anziehungskraft der beiden zueinander herkommt. Auch scheint Sócrates mit seinen fünfzehn Jahren in der Hinsicht viel besser zu wissen, was er will. Da wir aber den Jungen im Endeffekt kaum kennen und die Geschichte uns in allem ziemlich unvorbereitet trifft, scheint dieser ungestüme Umgang mit der eigenen Sexualität fast etwas deplatziert und reisst den Zuschauer emotional dann auch nicht so mit, wie es vielleicht möglich gewesen wäre. Zumal Marotto kurze Zeit später auch noch die Konfrontation mit Homophobie aufgreift, aber auch da im Verlauf nicht emotional tief blicken lässt.

Als Sócrates auch noch kurz davor steht seine Wohnung zu verlieren und sogar auf der Strasse zu landen droht mit den wenigen Habseeligkeiten, die ihm noch geblieben sind, mündet der Film in derart vielen ungelösten Konfliktsituationen, dass man sich wünscht, der Filme würde weitere 70 Minuten laufen, um irgendeine empathische Reaktion beim Publikum hervorzurufen. Sicherlich bildet dieses Situation durchaus das Leben wieder, wenn es Zeiten gibt, in denen nichts mehr zu funktionieren scheint, wo vieles aussichtslos erscheint. Dennoch wäre es hier am Ende vielleicht besser gewesen, sich auf weniger zu beschränken, um den Zuschauer auf eine emotionale Reise mitnehmen zu können.

Madeleine Eger
film-rezensionen.de

Socrates

Brasilien

2018

-

71 min.



Regie: Alexandre Moratto

Drehbuch:Thayná Mantesso, Alexandre Moratto

Darsteller: Anne Kanis, Florian Teichtmeister, Lena Lauzemis

Produktion: Ramin Bahrani, Alexandre Moratto, Jefferson Paulino, Tammy Weiss

Kamera: João Gabriel de Queiroz

Schnitt: Alexandre Moratto

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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