UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Smile | Untergrund-Blättle

5557

Kultur

Smile Ein Techno-Festival ohne Musik

Kultur

In „Smile“ will eine 19-Jährige auf ein Techno-Festival, um dort einen DJ zu treffen. Mit Musik hat der Film erstaunlich wenig zu tun, auch Festivalatmosphäre tritt kaum auf.

TechnoFestival in Köln.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Techno-Festival in Köln. / GAP Cologne, Köln (CC BY-SA 3.0 cropped)

3. August 2019
0
0
4 min.
Korrektur
Drucken
Stattdessen wird ihr Besuch zu einem Trip in eine fremde Welt, in der es zwar Lächeln gibt, aber keine Gefühle, in der alles irgendwie seltsam ist, auch wenn der grosse Rausch am Ende ausbleibt.

Sie hat keinen Job, kein Geld, dafür aber einen grossen Wunsch: Die 19-jährige Mercedes (Mercedes Müller) will unbedingt auf das Techno-Festival HEIMAT. Das will sie auch der Musik wegen, klar, ein bisschen Party machen. Vor allem aber würde sie gern den DJ Boy (Mehmet Sözer) treffen, mit dem sie schon seit Längerem chattet und der dort auflegt. Doch das ist alles gar nicht so leicht, wenn einem die finanziellen Mittel fehlen. Stattdessen begegnet sie erst einmal der ausgeflippten Bella (Hanna Hilsdorf), die ihr versprochen hat, sie auf jeden Fall zum exklusiven Auftritt mitzunehmen. Bis es so weit ist, driften die beiden jedoch über das Festivalgelände, treffen die eigenartigsten Menschen und lassen sich von der ausgelassenen Stimmung mitreissen.

Musikfestivals haben bekanntlich eine ganz eigene Atmosphäre, sind eine in sich geschlossene Welt, in der Gleichgesinnte aufeinandertreffen, sich austauschen, Altes und Neues gleichermassen kennenlernen können. Um Musik geht es natürlich auch, vor allem wenn eine der Lieblingsbands auftritt. Wichtiger noch ist das Festival aber als gemeinsam erlebtes Ereignis, als Event. Das ist bei Smile ganz ähnlich, gleichzeitig jedoch irgendwie völlig anders. Ein Film, der versucht, in eben diesen Mikrokosmos einzutauchen und dabei doch auch aussen vor bleibt.

Ein Musik-Festival ohne Musik

So spielt die Musik beispielsweise keine Rolle. Zwar sind sie alle deswegen hergekommen, zahlen Unmengen an Geld, um bei Auftritten dabei zu sein. Die Auftritte selbst sind in Smile jedoch so gut wie gar nicht zu sehen. Und auch das Bonding, das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, tritt hier nicht auf. Das soll es aber auch gar nicht: Regisseur und Co-Autor Steffen Köhn hat bei seinem Abschlussfilm eine Figur entworfen, die ziellos umherdriftet und keinen Anschluss findet – sieht man einmal von Bella ab. Zwei gegen den Rest der Welt sozusagen. Nur dass auch die Welt nie wirklich deutlich wird.

Ein bisschen futuristisch wirkt sie, so als wäre Smile ein paar Jahre in der Zukunft angesiedelt. Die mit Technik vollgestopften Armbänder, die gleichzeitig Zahlungsmittel sind – von Statussymbol ganz zu schweigen. Die Displays, auf denen alles schick modern angezeigt wird. Das hat dann nicht mehr sehr viel mit Festivalatmosphäre zu tun, passt dafür aber ganz gut zu den elektronischen Klängen, die irgendwo im Hintergrund vor sich hin brummen und poltern. Eine kleine Science-Fiction-Enklave mitten im Alltag. Wobei wir diesen Alltag nur wenig kennenlernen. Dass Mercedes nichts auf die Reihe bekommt, das dürfen wir zum Einstieg erfahren, wird auch von der Mutter noch einmal wiederholt.

Allein auf weiter Flur

Das war es mehr oder weniger aber schon in Hinblick auf Charakterisierung: Beim Eintritt des Festivals werden Vorgeschichten oder Persönlichkeiten weitestgehend an der Garderobe abgegeben oder auf ein Minimum reduziert. Die Aussagekraft von Smile ist dadurch auch eher überschaubar, es wird nie so ganz klar, was Köhn mit dem Film überhaupt ausdrücken wollte. Für einen Film, der sich mit möglichen Themen wie Gruppenzwang, Konsum oder Hierarchien auseinandersetzt, ist das hier zu dünn. Es fehlt aber auch das Rauschhafte, sollte die Atmosphäre im Mittelpunkt gestanden haben – da war der Schlafentzugsfilm Wach letztes Jahr doch mitreissender.

Und doch: Smile, das auf dem achtung berlin Festival 2019 Weltpremiere hatte, ist nicht ohne Reiz. Von Anfang an herrscht hier eine ganz seltsame Stimmung, so als hätte der Drogenrausch schon begonnen, noch bevor die erste Pille geschluckt wurde. Und je länger der Film andauert, umso unwirklicher wird das Ganze auch. Die Leute laufen in extravaganten Klamotten herum, sind Teil eines bizarren Wettbewerbs. Wenn zum Schluss der Film dann auch verrät, was es mit dem Titel auf sich hat – ein bisschen zumindest – meint man endgültig, in einem Paralleluniversum gelandet zu sein. Davon hätte es gern noch mehr geben dürfen, die Erfahrung hätte mehr Intensität gebraucht. Aber auch wenn der Trip sich zwischenzeitlich etwas zieht, für diese paar Momente hat er sich dann doch irgendwie gelohnt.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Smile

Deutschland

2019

-

74 min.

Regie: Steffen Köhn

Drehbuch: Silke Eggert, Steffen Köhn, Prodromos Antoniadis

Darsteller: Mercedes Müller, Hanna Hilsdorf, Mehmet Sözer

Musik: Johannes Klingebiel

Kamera: Mario Krause

Schnitt: Leonardo Franke, Andrea Pek

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Blick auf Tiflis.
Proteste und AktionenGeorgien: Tiflis schreibt Techno- und Protestgeschichte

28.06.2018

- Zum Höhepunkt tanzen etwa 10.000 Menschen zu fetten Bässen vor dem Parlamentsgebäude in Tiflis. Unter dem Motto “We dance together, we fight together” wurden schon am Nachmittag Redebeiträge gehalten.

mehr...
Algorythm Sound.
Der psychedelische UndergroundLSD und Party-Kultur

16.07.2005

- LSD kann innere Räume eröffnen, es kann aber genauso die Wahrnehmung der äusseren Bedingungen völlig verschliessen.

mehr...
MOs810
Polnische Musik und SpirituosenIza und Zuzanna

06.05.2017

- Zuzanna kam gewöhnlich am frühen Nachmittag zu uns. Kaum angekommen, setzte sie sich in unsere geräumige Küche und zündete sich eine Zigarette an, während sie erste Anekdoten herausposaunte und Geschehnisse und Begebenheiten zu erörtern begann. »Machst du uns Tee, Schatzi?!«, forderte Iza mich immer hektisch auf, um nicht eine Minute mit ablenkenden Nichtigkeiten zu vergeuden und um sich voll und ganz auf unseren so geschätzten Gast konzentrieren zu können.

mehr...
Sexismus in Clubs mit Awareness begegnen

12.10.2016 - Den Rausch geniessen, in der Musik schwelgen und sich frei zur Musik bewegen können. Sein wie man ist und sich auf gleicher Ebene begegnen - all das ...

Freiheit statt Angst _Demonstration mit Doktor Motto

13.10.2008 - 100.000 Menschen protestieren in Berlin und Doktor Motto sprach zu ihnen. ...dieses mal übertönte ihn keine techno-musik. Der Grund für seinen Auftritt ...

Dossier: Klimawandel
Klimawandel
Propaganda
Helene Fischer: Von Kinderhand für mich gemacht

Aktueller Termin in Dortmund

Spendenannahme

Wir vom Rekorder und Grenzenlosen Wärme möchten eine dauerhafte Spendenannahme ermöglichen!Es ist uns wichtig, einerseits Menschen zu unterstützen, die sich aktuell auf der Flucht befinden, sowie lokale Initiativen zu supporten und ...

Sonntag, 5. Dezember 2021 - 15:00

Rekorder, Gneisenaustraße 55, 44147 Dortmund

Event in Berlin

Karaoke Night with KJ Der Käpt’n

Sonntag, 5. Dezember 2021
- 20:00 -

Schokoladen

Ackerstraße 169

10115 Berlin

Mehr auf UB online...

Untergrund-Blättle