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Sie leben Der Untergang des „hard-working man“

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«Sie leben» ist einer der dunkelsten Filme John Carpenters und hat bis heute nichts von seiner bitteren Ironie eingebüsst. Neben der tollen Besetzung und des Skripts kommt man nicht umhin die Vision Carpenters zu bestaunen, die nicht nur unterhält, sondern oftmals zum Nachdenken anregen wird.

Der USamerikanische Regisseur und Filmmusikkomponist John Carpenter an einem LiveKonzert, Oktober 2016.
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Bild: Der US-amerikanische Regisseur und Filmmusikkomponist John Carpenter an einem Live-Konzert, Oktober 2016. / David (CC BY 2.0 cropped)

23. Juli 2019

23. Jul. 2019

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Nachdem er viele Jahre für eine Ölfirma gearbeitet hatte, steht John Nada (Roddy Piper) nun ohne Job da und pilgert durch die USA, immer auf der Suche nach dem nächsten Gehaltscheck, der ihn für einige Zeit über Wasser hält. Sein Weg führt ihn auch nach Los Angeles, wo er eine befristete Stelle als Bauarbeiter findet und durch seinen Kollegen Frank (Keith David) auch eine Bleibe sowie Essen in einer Barackensiedlung.

Bereits nach kurzer Zeit wird Nada aufmerksam auf die seltsamen Machenschaften in der Nähe der Siedlung und findet in einer nahen Kirche, die den Betreibern der Siedlung als eine Art Basis dient, mehrere Kartons mit Sonnenbrillen vor. Als die Polizei das Camp gewaltsam stürmt, sucht Nada nach Antworten darauf, was die Polizei denn nun suchte, kann aber nichts finden. Ratlos nimmt er einen der Kartons mit sich und zieht in einer belebten Einkaufsstrasse eine der Brillen auf. Was er sieht, raubt ihm den Atem und zerstört sein bisheriges Bild der Welt und der Menschheit.

Politik und B-movies

Nach dem kommerziellen Flop von Big Trouble in Little China (1986) setzt eine neue Periode des Schaffens für US-Regisseur John Carpenter (Halloween) ein, die mit Die Fürsten der Dunkelheit (1987) und Sie leben ihren Beginn fand. Die Arbeit mit grosszügigen Budgets macht zwar vieles einfacher, jedoch sind die Konsequenzen eines Scheiterns viel weitreichender, wie Carpenter feststellen musste. Darüber hinaus hatte er genug von Eingriffen Projekten, die auf den Arbeiten anderer basierten, wie beispielsweise dem bis heute gefeierten Das Ding aus einer anderen Welt (1982), dessen Skript nicht von Carpenter selbst stammt.

Oberflächlich betrachtet bleibt Carpenter seinem Stil treu. Ausgehend von der Erzählung Eight O’Clock in the Morning aus der Feder Ray Nelsons, die erstmals 1963 in einem amerikanischen Science-Fiction Magazin veröffentlicht wurde, hat Carpenter im Wesentlichen einen B-Movie kreiert. Die zahlreichen Schusswechsel sowie die mittlerweile berühmte Kampfszene zwischen Piper und David, die in ihrer Inszenierung an eine Kneipenschlägerei erinnert, deuten auf jene billig produzierten, schnell gedrehten Produktionen hin, mit denen Carpenter wie so viele andere einst den Anfang seiner Karriere bestritt. Jedoch ist dies keinesfalls ein Nachteil, fühlt sich der Regisseur in diesem Metier sichtlich wohl.

Vor allem in dessen dunklem Ton merkt man die Konsequenz der Vision an, die Carpenter verfolgte. Wie schon in Die Fürsten der Dunkelheit beleuchtet der Regisseur das Leben der „Underdogs“, die nicht wie im Vorgängerfilm eine undefinierte Masse sind, sondern ein Gesicht erhalten. Unmissverständlich betont Carpenter von der ersten Einstellung an, dass es ihm um ein soziales und politisches Statement geht, welches sich hinter der Maske eines B-Movies verbirgt. Die wiederholten Bilder von Obdachlosen, die Lebensgeschichten Nadas und Franks oder eben das omnipräsente Klassenbewusstsein tragen ihren Teil dazu bei, dass Sie leben nicht mehr länger ein blosser Science-Fiction-Film ist, sondern zu einem wütenden Bild der USA wird.

Der Untergang des „hard-working man“

Man mag über die Besetzung eines Wrestlers in der Hauptrolle schmunzeln, aber schon nach wenigen Minuten kann man sich kaum einen anderen als Roddy Piper in der Rolle des John Nada vorstellen. Als er sich scheinbar aus dem Nichts seinen Weg über Eisenbahngleise bahnt, unsichtbar für andere Passanten die Strassen und Parks Los Angeles‘ beschreitet, ist es schwer, diesen mit Holzfällerhemd bekleideten Mann nicht als den Inbegriff des amerikanischen Mythos vom „hard-working man“ zu betrachten. Ähnlich wie Willy Loman aus Arthur Millers Drama Tod eines Handlungsreisenden ist Nada, trotz der vielen persönlichen Rückschläge und Demütigungen, erfüllt von dem Glauben an das Gute, an die Erfüllbarkeit des Amerikanischen Traumes und dass jeder einmal seine Chance bekommt, was Frank nur mit einem müden Lächeln kommentiert.

Insbesondere in der zweiten Hälfte seines Films setzt Carpenter alles daran, die Ideale Nadas und damit den Amerikanischen Traum zu zerschlagen. Das von ihm geschriebene Skript geht sogar noch einen Schritt weiter und definiert eine an Don Siegels Die Dämonischen erinnernde Albtraumvision eines Amerikas oder vielmehr der Welt, in der Aspekte wie das Klassensystem, Klimawandel und sogar die künstliche Welt der Werbung zentrale Säulen einer allumfassenden Diktatur geworden sind. Vor dem Hintergrund von „fake news“ und des immer weiter eskalierenden Gefälles von Arm und Reich kommt man nicht umhin, die tragische Aktualität dieses Bildes anzumerken.

Rouven Linnarz
film-rezensionen.de

Sie leben

USA 2016 - 109 min.

Regie: John Carpenter
Drehbuch: John Carpenter (als Frank Armitage)
Darsteller: Roddy Piper, Keith David, Meg Foster
Produktion: Andre Blay, Larry J. Franco, Shep Gordon, Sandy King
Musik: John Carpenter, Alan Howarth
Kamera: Gary B. Kibbe
Schnitt: Gib Jaffe, Frank E. Jimenez

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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