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Sie küssten und sie schlugen ihn Raus und weg ...

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Es geht um Missbrauch, ja, auch um Verrohung, sicherlich. Aber man würde den ersten Teil der aus fünf Filmen bestehenden Antoine-Doinel-Reihe von François Truffaut missverstehen, wenn man „Sie küssten und sie schlugen ihn” allein als einen Streifen über eine verhängnisvolle Jugend begreifen würde.

Der französische Filmschauspieler JeanPierre Léaud im Jahr 2000.
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Bild: Der französische Filmschauspieler Jean-Pierre Léaud im Jahr 2000. Berühmt wurde er durch die Verkörperung der Hauptfigur im Antoine-Doinel-Zyklus von Regisseur François Truffaut. / Georges Biard (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

6. Juli 2020

06. 07. 2020

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Zum einen enthält diese Reihe sicherlich autobiografische Züge des französischen Meisterregisseurs und Vertreters der nouvelle vague. Zum anderen wird – spätestens – in der Schlusseinstellung des Films mehr als deutlich, dass Truffaut mit „Sie küssten und sie schlugen ihn” – einem deutschen Verleihtitel, der die Thematik des Films nur unzureichend beschreibt – eben nicht nur formal, filmtechnisch, inszenatorisch usw. das Kino erneuern wollte, sondern auch inhaltlich über eingefahrene Sichtweisen des (französischen) Films hinaus wollte.

Antoine Doinel, hier und in den folgenden vier Filmen gespielt von Jean-Pierre Léaud (damals 14 Jahre alt), ist in gewisser Weise eben auch eine Symbolfigur dieses neuen französischen Kinos und der neuen Nachkriegskultur, innerhalb derer sich eine ganze Generation von den Fesseln der Tradition, des Konservativen befreien wollte.

Antoine, im Film zwölfeinhalb Jahre alt, lebt bei seiner Mutter Gilberte (Claire Maurier), die ihn nie wollte, und seinem Stiefvater Julien (Albert Rémy), der mal freundlich zu Antoine ist, mal deutlich zeigt, wie wenig Interesse er eigentlich an dem Jungen hat. Ähnlich ergeht es Antoine in der Schule. Der Französisch-Lehrer (Guy Decomble) führt ein hartes, patriotisches Regiment, durchsetzt mit oberflächlicher Zuneigung in wenigen Situationen. Antoine ergeht es in der Schule nicht viel anderes als seinen Mitschülern, aber dennoch hat er das Pech, für viele „Vergehen” verantwortlich gemacht zu werden, ob er es nun war oder nicht. Denn Antoine ist nicht besonders gut, und er hat – aus welchen Gründen auch immer – einen Ruf weg als unzuverlässig, faul und desinteressiert.

Anstatt in die Schule zu gehen, schlendert er lieber mit seinem Freund René (Patrick Auffay) durch die Stadt, fälscht Entschuldigungsschreiben, die er dann doch nicht benutzt, oder verbringt aus Angst vor Strafe durch die Eltern und Lehrer auch mal eine Nacht in einer alten Fabrik. Seine „Vergehen” sind aus der Nähe betrachtet geringfügig und unbedeutend. Doch das Erziehungssystem und seine Protagonisten sehen das anders. Antoine lügt, behauptet gar einmal, er sei nicht in die Schule gekommen, weil seine Mutter gestorben sei, stiehlt eine Schreibmaschine aus dem Büro, in dem sein Stiefvater arbeitet, bringt sie – als René und er sie nicht verkaufen können – wieder zurück und wird dabei dann erwischt.

Das Erziehungssystem reagiert hart, so hart, dass Antoine irgendwann bei der Polizei landet – vom Stiefvater selbst dort hingebracht und behandelt wie ein Verbrecher –, später in einer der üblichen Erziehungsanstalten, abgeschoben von den desinteressierten Eltern, die sich nur um sich selbst kümmern, und selbst das mehr schlecht als recht. Seine Mutter behandelt ihn wie einen Fremdkörper, einen lästigen Mitesser, und nur weil Antoine sie bei einem seiner „freien” Tage zufällig mit einem anderen Mann Arm in Arm erwischt, wird Gilberte plötzlich die Freundlichkeit in Person, „vereinbart” mit ihm, wenn er in der Schule besondere Leistungen vollbringe, bekäme er 1.000 (alte) Franc von ihr.

Antoine bemüht sich, liest Balzac, ja, verehrt Balzac, schreibt einen Aufsatz über den Tod seines Grossvaters. All das nützt ihm wenig. Der Lehrer bezichtigt ihn des Plagiats, schickt ihn zum Rektor usw.

Das alles jedoch ist nur die eine Seite von „Les quatre cents coups”. Als Antoine am Schluss aus der Erziehungsanstalt flüchtet, läuft er wie um sein Leben. Und er läuft so lange, bis er das Meer erreicht. An dieser Stelle „friert” Truffaut das Bild Antoines ein (eine später gern kopierte Einstellung in anderen Filmen). Wir blicken in der letzten Einstellung des Films auf einen Jungen, in dessen Gesicht ein Begehren geschrieben steht, ein Verlangen, ein tief sitzender Wunsch, das Begehren nach Freiheit, Unabhängigkeit, Zuneigung. Truffaut, der Jean-Pierre Léaud für die Hauptrolle auswählte wie die anderen Kinder-Darsteller für seine Mitschüler, zeigt uns Antoine in einer Szene, wie er – ausgefragt von einer Psychologin, als es um seine Einweisung in eine Erziehungsanstalt geht – direkt in die Kamera schaut und sich im wahrsten Sinn des Wortes: erklärt.

Ob er lüge, wird er gefragt. Ja, wenn es nötig sei. Ob er seiner Grossmutter 10.000 Franc gestohlen hätte. Ja, sie habe es ja nicht mehr gebraucht, weil sie schon kurz danach gestorben sei. Ob er schon einmal mit Mädchen ... er wisse schon. Nein, er habe es versucht, aber es sei nicht dazu gekommen. Antoine erklärt sich. Und in seiner Erklärung scheint all das durch, nicht nur eine verkorkste Jugend, die fehlende Zuneigung seiner Mutter, das Unverständnis der Lehrer usw. – nein, auch das Unverständnis einer festgefahrenen Gesellschaft, die an sozialen Subsystemen krampfhaft und mit aller Gewalt festhält, die sich aber nicht mehr retten lassen. Und er erklärt sich auch, nicht direkt, aber aus all seiner Mimik und Gestik sichtbar, bezüglich seiner Sehnsucht nach etwas anderem in seinem Leben – eben nach Erfüllung dieses für ihn (noch) nicht bewusst fassbaren Verlangens nach Freiheit.

Die Flucht aus der Erziehungsanstalt wird zum Synonym dieses (noch) Unfassbaren, das die Arroganz, Ignoranz und das Desinteresse der älteren Generationen hinter sich lassen will. Und (noch) weiss Antoine nicht, wie sehr ihn möglicherweise diese Vergangenheit der Elterngeneration später immer wieder einholen wird.

Das Ende des Films ist in zweierlei Hinsicht offen. Zum einen ist nicht entschieden, was aus Antoine wird. Zum anderen aber führt Truffaut uns hin zu einem unverkrampften, ehrlichen, sozusagen aus der Seele springenden, den Verhältnissen geschuldeten Individualismus, sicherlich auch existentialistisch beeinflusst, einem Individualismus als Ausdruck der Sehnsucht danach, aus depressiv machenden, destruktiven Strukturen auszubrechen. So, wie der Film für das Kino in inszenatorischer Hinsicht eine kleine Revolution war, so war er es inhaltlich.

Dieser unverkrampfte Individualismus hat wenig, ja eigentlich nichts zu tun mit dem Ellenbogen-Individualismus heutiger Art. Und gerade das macht „Les quatre cents coups” auch aus heutiger Sicht zu einem geradezu erfrischenden Erlebnis. Dass Truffaut einen 12jährigen Jungen zum Mittelpunkt seines Films machte, zu einem ganz unverkrampften Helden, der allerdings in fast dokumentarischer Inszenierung vorgestellt wird, war ebenfalls eine kleine Revolution – vor allem gegen die Ignoranz und die Verkrustungen der Erwachsenengeneration.

Ulrich Behrens

Sie küssten und sie schlugen ihn

Frankreich

1959

-

99 min.



Regie: François Truffaut

Drehbuch: François Truffaut, Marcel Moussy

Darsteller: Jean-Pierre Léaud, Claire Maurier, Albert Rémy

Produktion: François Truffaut

Musik: Jean Constantin

Kamera: Henri Decaë

Schnitt: Marie-Josèphe Yoyotte

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