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Sexy Beast | Untergrund-Blättle

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Sexy Beast Cool !!

Kultur

Spät kam er, doch er kam, der erste Kinofilm des Musikvideo- und Werbefilmers Jonathan Glazer.

Der britische Regisseur Jonathan Glazer, September 2013.
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Bild: Der britische Regisseur Jonathan Glazer, September 2013. / Ross (CC BY 2.0 cropped)

30. Januar 2022
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In einer Mischung aus Gangsterfilm, Komödie und Rückgriff auf Techniken aus der Werbebranche drehte Glazer einen gerade einmal 88 Minuten langen Streifen, der zwar deutliche Anklänge an Gangsterfilme der 60er und 70er Jahre verspüren lässt, aber keine Kopie darstellt, sondern eigenständiges Werk bleibt.

Der englische Ex-Safeknacker Gal Dove (Ray Winstone) hat es sich mehr als gemütlich gemacht. Zusammen mit seiner Frau Deedee (Amanda Redman), einem ehemaligen Pornostar, lebt er abgeschieden in einer Villa in Spanien, befreundet mit Aitch (Cavan Kendall) und dessen blonder, schöner Frau Jackie (Julianne White). Gal und Deedee sind nicht superreich, aber sie können ihr Leben abseits ihrer Vergangenheit geniessen, ohne arbeiten zu müssen. Im Haus hilft ihnen ein spanischer Junge, Enrique (Álvaro Monje).

Als sich die beiden Paare eines Tages zum Essen verabreden, herrscht miese Stimmung bei Aitch und Jackie. Denn Jackie hat einen Anruf erhalten – von Don Logan (Ben Kingsley), einem skrupellosen Killer aus London, den alle vier nur zu gut kennen. Der will, dass Gal wieder tätig wird. Und Dons „Wünsche“ abzuschlagen, das wissen alle vier, ist so gut wie unmöglich, sprich: kann tödlich enden. Don ist bereits auf dem Weg nach Spanien. Er reist im Auftrag seines Gangsterbosses Teddy Bass (Ian McShane), der eine Bank ausrauben will, die durch die neuesten Sicherheitsstandards geschützt ist.

Nicht nur Gal bekommt es mit der Angst zu tun. Trotzdem verspricht er Deedee, Dons „Angebot“ abzulehnen. Und er sagt Nein, ein zurückhaltendes, ausweichendes, fadenscheinig begründetes Nein. Don verbreitet eine Stimmung des Terrors und der Angst, doch Gal bleibt bei seinem stillen Nein.

Dann allerdings folgt eine blutige Nacht – und Gal packt die Koffer und fliegt doch nach London. Der Bankraub – mit Gal – wird erfolgreich durchgeführt ...

Die Anfangssequenz des Films zeigt Gal vor seinem Swimmingpool liegend. Er brät in der Sonne, während Enrique putzt. Gal phantasiert dummes Zeug über das Sonnenbaden. Seine braune Haut glänzt im hellen Licht, umgeben vom Blau des Wassers und dem Weiss des Hauses. Die Szene wirkt wie ein überkandidelter Werbespot. Das Produkt, das hier verkauft wird, ist das angenehme Leben, die wohlige Wärme des Ruhestandes, das Faulsein im friedlichen Süden. Man dreht sich herum, und dann wieder in die andere Richtung. Gal glaubt, seine Vergangenheit endgültig hinter sich gelassen zu haben, endlich zur Ruhe gekommen zu sein. Er ist der King in seinem Haus, zusammen mit Deedee, die gerade unterwegs ist, aber bald zurück sein wird – Deedee, die Gal liebt wie nichts anderes, und die ihn liebt, wie nichts anderes.

Doch wie ein Vorbote des Unheils rast urplötzlich, als Gal am Pool steht, ein Felsbrocken vom Berg hinunter, knapp an ihm vorbei in den Pool und zerstört etliche Fliesen. Gal steht wie angegossen da, kann es nicht fassen. Aber schnell ist er wieder bei Sinnen. Enrique soll einen seiner Bekannten holen und den Fels abräumen lassen. Kein Problem. Gal hat das im Griff.

So einfach ist das mit dem „Brocken“ Don Logan nicht. Logan ist ein Killer, kennt keine Gefühle, noch nicht einmal sich selbst gegenüber. Logans Lieblingsspruch: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Und ein Wille ist da. Nein, Don kommt nicht, um Gal entscheiden zu lassen. Don kommt, um ein klares Ja zu hören. Don kommt, um die Anweisungen Teddys zu auszuführen. Don ist Psychopath. Zu Gal sagt er: „Rede mit mir, ich bin ein guter Zuhörer.“ Hohn, Spott, Don will nicht zuhören, sondern ein unterwürfiges Ja vernehmen. Als Gal ablehnt: „Doch.“ „Nein.“ „Doch“. „Nein“. Dann Don: „Sieh dich doch an, du Memme. Deine sonnenverbrannte Haut. Wie Leder. Wie ein verfickter Koffer. Wie ein fettes verficktes Krokodil. Liegst an Deinem Pool wie ein fetter Sack und lachst über mich. Meinst du, das kann ich zulassen? Meinst du das wirklich. Sag nichts. Wichser. Du tust es.“ Diese Sätze sind typisch für Don, die personifizierte Gewalt und Skrupellosigkeit, doch zugleich so überdreht, dass man einfach lachen muss. Und Gal? In seinem Haus ist er der Boss. Als Don kommt, ist er der Terrorisierte, Aitch der Feigling, der glaubt, Don milde stimmen zu können, wenn er ihm hinten rein kriecht. Aitch hasst diesen Don und fürchtet ihn wie nichts anderes. Don verabscheut diesen miesen Feigling, mit dessen Frau er früher einmal geschlafen hat.

Die Hierarchien sind so klar wie Klossbrühe. Teddy – Don – Gal – Aitch – Deedee und Jackie. Der Tod ist allgegenwärtig und Gal phantasiert ihn ständig, als die Vergangenheit ihn und die anderen wieder einholt: Don als Satan, Teddy als Obersatan, der mit dem Bankier schläft, dessen Bank er ausrauben will, und der ihn so selbstverständlich erschiesst, wie er ihn bittet, einen Whisky für Gal einzugiessen.

Das alles inszenierte Glazer so überdreht schön, dass man Drama und Komödie nicht mehr auseinander halten kann, oder, wie ein amerikanischer Kritiker schrieb, als ob Harold Pinter das Drehbuch geschrieben und Quentin Tarantino daraus einen Film gezaubert hätte. Als Don nach dem Nein Gals wieder nach London zurückfliegen will, raucht er im Flugzeug und lässt sich von der protestierenden Stewardess nicht davon abhalten. Man könne nicht starten, wenn er rauche. Das sei doch ihr Problem, nicht seines. Dann: Also gut, dann würde er eben draussen fertig rauchen. Don wird festgehalten; man hält ihn für verrückt, was er ja auch ist. Doch dann erzählt er dem Flughafenbeamten eine abstruse Geschichte: Er sei von einem Steward an die Hose gefasst worden, als er sein Gepäck aus der Ablage holen wollte. Ein weiterer hätte ihn lüstern angeschaut. Er sei entsetzt gewesen. Ob die einen flotten Dreier mit ihm machen wollten? Bei so was kenne er sich nicht aus. Jedenfalls sei er so entsetzt gewesen, dass er eine Zigarette habe rauchen müssen. Diese Absurditäten ziehen sich durch den ganzen Film und machen ihn zu einem Genuss.

Die Handlung verläuft kontinuierlich auf dem schmalen Grat zwischen Tragik und Humor und ist von einigen Überraschungen gespickt. Don will z.B. nicht deshalb wieder nach London zurückfliegen, weil Gal Nein gesagt hat, sondern weil der ihm vorhält, er sei ja letztlich nur wegen Jackie gekommen. Das hält Don nicht aus: Gal hat den Finger in eine offene Wunde gelegt. Don ist ständig, unaufhaltsam bemüht, die Aussenwelt zu überprüfen, ob sie auch mit ihm konform geht. Und jetzt haut dieser Scheiss-Gal genau in diese Kerbe. Wer Gefühle zeigt, zeigt Schwäche. Das kann Don nicht vertragen. Seine geplante Abreise ist mehr Flucht vor sich selbst als alles andere, bevor er sich besinnt und zurückkehrt. Denn Teddy sitzt ihm im Nacken. Wenn er ohne Gal zurückkommt, ist das sein Tod.

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Dieser Satz kehrt sich schliesslich gegen Don Logan. Zum Schluss steht Gal Dove als ein merkwürdiger Sieger da. Die Vergangenheit hat ihn eingeholt. Sie wird ihn nie ganz verlassen. Und trotzdem hat er sie besiegt – nicht durch Mut, Entschlossenheit, Zielstrebigkeit. Gal hat sich durchlaviert und eine Menge Glück gehabt. Er schwitzt und ängstigt sich durch das Geschehen, das er kaum beeinflussen kann. Gal hangelt sich an einem Seil über dem tiefen Abgrund, ein Seil, das jederzeit reissen könnte. Es gibt nur eine wirklich entschlossene Tat in diesem Film. Und die führt Deedee aus.

Ben Kingsley positioniert Don Logan genau da, wo er hingehört: ein Psychopath, der all seine Ängste hinter der Fassade der Skrupellosigkeit verbirgt. Alle fallen darauf rein. Ray Winstone spielt den zur Ruhe gekommenen, bequemen, sympathischen Ex-Gangster, der alle seine Träume vom zweiten Leben in Gefahr sieht, sehr überzeugend. Wenn Teddy ihn mit der Frage konfrontiert, wo Logan abgeblieben ist, und ihm dabei bohrend in die Augen sieht, bleibt Winstone gefasst. Doch zugleich bemerkt man die Fassade, hinter der sich Todesangst in seinem Gesichtsausdruck verbirgt. Ian McShane mimt den Teddy so kalt wie einen Eisberg, mit versteinertem, gefurchtem Gesicht, zu allem entschlossen, einen, der über Tod und Leben entscheidet.

Glazer spielt glänzend mit dem Genre, ironisch, oft selbstironisch, mit einer gut sortierten Packung Skurrilität. Er spielt mit Gefühlen, verdrängten Gefühlen und dem Zusammenhang zwischen Emotion und Gewalt in Extremsituationen, exzellent umgesetzt in Bildern, in Bildphantasien, teilweise durch rasante Schnitte in Szene gesetzt, ohne dabei hektisch zu werden oder in Manierismen des Genres zu verfallen. Ein insgesamt wirklich gelungenes Debüt! Bleibt nur die Frage: Wer ist hier the sexy beast?

Ulrich Behrens

Sexy Beast

England

2000

-

88 min.

Regie: Jonathan Glazer

Drehbuch: Louis Mellis, David Scinto

Darsteller: Ray Winstone, Ben Kingsley, Ian McShane

Produktion: Jeremy Thomas

Musik: Roque Baños

Kamera: Ivan Bird

Schnitt: John Scott, Sam Sneade

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