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Sex, Lügen und Video | Untergrund-Blättle

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Sex, Lügen und Video Wohin – und wie?

Kultur

John (Peter Gallagher) scheint polygam. Er hat keinen Sex mit seiner Frau Ann (Andie MacDowell), dafür aber mit ihrer Schwester Cynthia (Laura San Giacomo).

Der US-amerikanische Filmregisseur Steven Soderbergh, September 2008.
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Bild: Der US-amerikanische Filmregisseur Steven Soderbergh, September 2008. / christopherharte (CC BY-SA 2.0 cropped)

21. Februar 2022
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Korrektur
Ann hat Probleme und geht zu einem Therapeuten (Ron Vawter). Sie findet nichts an Sex. Cynthia scheint Nymphomanin zu sein. Sie treibt es mit John. Aber das würde sie vom Sex mit anderen Männern nicht abhalten. Graham (James Spader) hat keinen Sex; er ist impotent, wenn er mit einer Frau zusammen ist, und sammelt statt dessen Videos, auf denen Frauen zu sehen sind, die ihm über Sex alles sagen, was sie fühlen.

John sagt einem Freund, erst seit er verheiratet sei, sei er beflügelt fremd zu gehen. Ann hat Zwangsvorstellungen über Müllberge und gehäufte Flugzeugabstürze. Cynthia ist vulgär und ihr ist alles egal – Hauptsache Sex. Sie will es mit John in seinem und Anns Ehebett tun. Das reizt sie – wegen ihrer Schwester. Graham schaut sich seine Videobänder an. Ob er dabei onaniert?

Doch eigentlich beginnt diese Geschichte ganz anders, die Steven Soderbergh 1989 zu einem bekannten Regisseur werden liess. Denn anfangs scheint alles: geregelt. Der Herr Anwalt, John, geht mit der Schwester seiner Frau ab und an ins Bett, weil Ann seit etlicher Zeit die Lust auf Berührung oder mehr verloren hat. Warum, wissen weder sie, noch ihr Therapeut. So könnte es ewig weitergehen, denn John weiss sein Verhältnis sehr gut zu verbergen. Und Cynthia findet Gefallen daran, ihrer angeblich prüden Schwester ordentlich eins auszuwischen. Eines Tages allerdings kündigt sich Besuch an. Ein Ex-Freund von John, der besagte Graham, kommt nach etlichen Jahren zurück in die Stadt, in der er einst eine Frau liebte, die ihn verlassen hatte. Graham bringt nicht nur den geregelten Betrug ans Tageslicht – ohne Absicht allerdings –, er bringt auch alle drei anderen Beteiligten kräftig aus dem Gleichgewicht – ebenfalls ohne erkennbare Absicht.

Es ist eher Grahams Mentalität, die Ann, Cynthia und auch John gewissermassen aus der Fassung bringt. Graham ist ein eher ruhiger Mensch, zurückhaltend in seinen Verhalten, aber offen in seinen Fragen. Auf den Videobändern sehen wir Frauen, die über Sex reden. Graham stellt nur Fragen, hat aber selbst keinen Sex mit den interviewten Frauen. Die allerdings haben teilweise Sex mit sich selbst. Ann findet Graham nicht nur nett. Sie spricht gerne mit ihm – bis sie von den Bändern erfährt und Grahams Wohnung empört verlässt. Trotzdem will sie verhindern, dass ihre Schwester Cynthia erfährt, wo Graham wohnt, während John mit seinem Ex-Freund nicht viel anfangen kann. Er denkt nur an den nächsten Sex mit Cynthia. Die erfährt natürlich trotzdem, wo Graham wohnt, besucht ihn, hofft wohl auf ein Abenteuer und gibt ihm ebenfalls ein Interview – in dessen Verlauf sie masturbiert. Ann ist ein zweites Mal entsetzt.

Doch plötzlich – sozusagen wie aus heiterem Himmel – gibt auch sie Graham ein Interview – ein besonderes, eines, in dem nicht nur er sie fragt, sondern auch sie ihn.

Man könnte sagen: Das Mysteriöse dringt in das Banale, das Geheimnisumwobene in das Alltägliche, das Ungewohnte treibt das Triviale zum Wundern, das Interesselose bekommt Konturen, ein Katalysator wirbelt Staub auf, ein ungewöhnliches „Hobby”, ein Fetisch für Graham, wirbelt alles durcheinander. Was für Graham Ausdruck eines sexuellen Defizits ist, ist für die anderen, vor allem Ann, eine Art Chance auf Offenheit, Ent-Spannung – so, als ob ein Schleier vor ihren Augen fallen würde. Diese Offenheit, über Sex und Gefühle vor der Videokamera zu sprechen, ist etwas anderes als die Sitzungen bei ihrem Therapeuten, die sich hinziehen und nur um das Thema Zwangsneurose kreisen. Kreisen und kreisen. Es hat eine befreiende, lösende, erlösende Wirkung. Es befreit von Schuldgefühlen, zwanghaftem Verhalten – und Lügen.

Denn lügen tun sie alle miteinander. Graham lügt sich in die eigene Tasche, wenn er seiner Ex-Geliebten hinterher trauert. Seine Impotenz in Anwesenheit einer Frau ist ein Schutzmechanismus gegen seine eigenen unterdrückten Gefühle. Ann belügt sich ebenfalls selbst, denn ihre Wahnvorstellungen von überquellendem Müll und gehäuften Flugzeugabstürzen verlagert und verdrängt ihre eigenen Probleme auf Dinge, die für ihr Leben unwichtig sind. Der simpelste Lügner aber ist John, der nicht nur Ann betrügt, sondern auch Cynthia etwas vormacht. Und Cynthia belügt sich, indem sie behauptet, sie brauche keine Liebe. Sex ist für sie geradezu ein Kampfmittel, um sich von Liebe „frei zu halten”. Und sie belügt ihre Schwester, weil sie deren „Prüderie”, die in Wirklichkeit nur eine chronische Unsicherheit ist, hasst. Und dabei hasst sie nur das Bedürfnis, geliebt zu werden und lieben zu können.

Soderbergh lässt dieses Lügengebäude durch den „Katalysator” Graham zusammenkrachen wie ein Kartenhaus. Die Verhältnisse ordnen sich neu. Cynthia lässt John fallen wie eine heisse Kartoffel. John, der sich das Videoband von Ann anschaut, ist gezwungen, neue Wege des Polygamie zu suchen. Ann findet in Graham jemanden, der ihr etwas offenbart – vielleicht Zärtlichkeit, Behutsamkeit? Sie verlässt John. Und Graham wird durch die Gespräche mit Ann von seiner Impotenz geheilt.

Es ist schon erstaunlich, mit welcher Leichtigkeit, ja geradezu Gelassenheit, geradezu einer inneren Ruhe Soderbergh diese Geschichte erzählt – unaufgeregt, fast minimalistisch in Inszenierung und Darstellung – und „un-moralisch”, soll heissen, es geht nicht um die ethische Bewertung des Verhaltens der beteiligten Akteure. Es geht nicht um Bewertungen von Fremdgehen, Ehe usw. Es geht viel eher um die unaufdringlich daher kommende Frage nach der Wahrhaftigkeit des eigenen Verhaltens.

Und last but not least steht gar nicht Sex im Vordergrund der Geschichte, sondern Kommunikation. Sie ist es, das Unbändige und schier Grenzenlose in ihr, die nicht nur das Lügengebäude zerstört, sondern zu neuen Ufern treibt. Dabei handelt es sich nicht um jene gefühllose Alltagskommunikation, nicht um jene „technische“ Kommunikation am Arbeitsplatz oder an der Supermarktkasse. „Sex, Lügen und Video“ rekonstruiert jene Kommunikation, in der Emotion und Verstand wieder eine Einheit bilden, in der die analytische (in der Praxis oft künstliche wirkende) Trennung von Verstand, Vernunft und Gefühl aufgehoben scheint – zumindest für (wichtige) Momente im Austausch der Beteiligten. Das besondere hiebei ist, dass die Inszenierung in keiner Weise psychologisierend wirkt, sondern auf eine atemberaubende Weise frisch und ungezwungen.

So schliesst sich der Kreis zu dem, was Graham anfangs zu Ann sagte: Begehren und Liebe geraten unverhüllt zueinander. Das „eigentlich” Voyeuristische der Videobänder „programmiert” die Handelnden „neu”. Das Enthüllende der Frauen auf diesen Bändern zwingt zur Korrektur. Wenn Graham und Ann am Schluss zusammen auf der Treppe zu seiner Wohnung sitzen, ist diese mögliche Nähe für einen Moment ganz stark spürbar.

Ulrich Behrens

Sex, Lügen und Video

USA

1989

-

101 min.

Regie: Steven Soderbergh

Drehbuch: Steven Soderbergh

Darsteller: James Spader, Andie MacDowell, Peter Gallagher

Produktion: Morgan Mason, Robert F. Newmyer, Nancy Tenenbaum, Nick Wechsler

Musik: Cliff Martinez

Kamera: Walt Lloyd

Schnitt: Steven Soderbergh

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