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Schwesterlein | Untergrund-Blättle

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Kultur

Schwesterlein Ein Raum für mich

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«Schwesterlein» ist eine glänzend gespieltes Familiendrama. Die emotionalen, sensiblen geschriebenen Dialoge sowie die zahlreichen Verweise auf die literarische Tradition der Geschichte machen Stéphanie Chuats und Véronique Reymonds zu einem oft sehr klugen und berührenden Film.

Nina Hoss am Berliner Film Festival, Februar 2017.
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Bild: Nina Hoss am Berliner Film Festival, Februar 2017. / Elena Ringo - http://www.elena-ringo.com (CC BY 4.0 cropped)

5. Januar 2021
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Lisa und Sven (Nina Hoss und Lars Eidinger) sind Zwillinge. Während Lisa eine Karriere als Autorin anfing und später zu ihrem Mann Martin (Jens Albinus), dem Leiter einer internationalen Schule, in die Schweiz zog, machte Sven eine Karriere als Schauspieler in ihrer Heimat Berlin. Jedoch ist er gezwungen seine Karriere zu unterbrechen, nachdem bei ihm Leukämie attestiert wird, und er sich einer langen Therapie unterzieht. Als er danach wieder an die Bühne zurück will, fürchtet der Regisseur um die Gesundheit seines einstigen Hauptdarstellers und ist nicht bereit, ein solches Risiko einzugehen.

Darüber hinaus ist Kathy (Marthe Keller), Svens und Lisas Mutter, mit der Pflege und Betreuung ihres Sohnes überfordert, sodass Lisa letztlich beschliesst, ihn mit zu sich in die Schweiz zu nehmen. Jedoch leidet Sven nicht mehr länger an seiner Krankheit, sondern auch an der Absage seines Regisseurs und er flüchtet sich in Alkohol und Selbstmitleid. Lisa bemerkt, wie sich ihr Bruder fühlt und setzt alles daran, immer für ihn da zu sein, was immer mehr einen Keil zwischen sie und ihren Mann treibt.

Ein Raum für mich

Schon seit der Grundschule verbindet Stéphanie Chuat und Véronique Reymond eine enge Freundschaft, die so eng ist, dass der Verlust dieser Verbindung dem „Tod unserer kreativen Welt“ gleichkäme, wie es Chuat in einem Interview mit dem Schweizer Magazin Annabelle beschreibt. Ihr gemeinsamer Film Schwesterlein, der dieses Jahr unter anderem auf dem Fünf Seen Filmfestival lief und der Schweizer Beitrag zur 93. Oscar-Verleihung ist, erzählt die Geschichte einer solchen Verbindung, die für beide nicht nur ein emotionaler Halt ist, sondern zudem kreative Inspiration.

An verschiedene Stellen innerhalb der Geschichte fällt der Satz, dass eine Person einen gewissen Raum hat oder einnehmen will, was vereinfacht den Kern eines Films wie Schwesterlein ausdrückt. Gerade im Bereich des Familiendramas geht es um den Platz einer Figur und was sie im Kontext einer Gemeinschaft wie Familie repräsentiert, was sich metaphorisch beispielsweise in jenen berühmt-berüchtigten Szenen am Esstisch niederschlägt, welche ein Spiegel der Hierarchie und der Beziehungen der Familie sind. Dass es eine solche Szene nicht gibt in Schwesterlein, verweist auf das von diesen traditionellen Konstrukten losgelöste Konzept der Familie im Film hin, die sich bereits ihr eigenes Lebens, also ihren eigenen Raum gewissermassen aufgebaut hat, aber naturgemäss ihre emotionalen Bindungen nicht aufgegeben hat.

Insbesondere die innige Beziehung der Zwillinge führt zu diesen Raumkonflikten. Der Raum, den beispielsweise Sven einnimmt, durch seine andere Art der Verbindung zu seiner Schwester und seine Krankheit, ist der Kern eines Konfliktes, in dem immer wieder andere Figuren diesen Raum versuchen zu besetzen oder sich diesem gleichsetzen wollen. Jedoch ist es gerade für eine Figur wie die von Nina Hoss gespielte Lisa, die um diesen Raum immer wieder kämpfen muss, im Angesicht ihrer Mutter, welche die Errungenschaften des Sohnes über die der Tochter stellt oder die ihres Mannes, der sie zwar liebt, aber von dem sie sich in gewissen Entscheidungen übergangen fühlt. Selbst Lukas kämpft um diesen Raum, den auf der Bühne und den in seiner Beziehung, die er zu retten versucht, während andere diese schon aufgegeben haben.

Schwester/Bruder

In den Szenen, wenn die Zwillinge untereinander sind, bemerkt man, wie diese Art der Konkurrenz um den Raum fast nicht vorhanden ist. Mit einem Verweis auf Hänsel und Gretel, die noch später im Film eine wichtige Rolle spielen, betonen Chuat und Reymond die Besonderheit einer Beziehung, die sowohl emotional innig sowie kreativ furchtbar für beide ist, eine Verbindung, auf die keiner von beiden verzichten möchte und die einen ganz besonderen Platz im Leben innehat. Schmerzlich ist dabei, wie Schwesterlein immer mehr zu einer Geschichte über das Loslassen wird, über das Finden eines eigenen Raumes, wenn man so will.

Rouven Linnarz
film-rezensionen.de

Schwesterlein

Schweiz

2020

-

99 min.

Regie: Stéphanie Chuat, Véronique Reymond

Drehbuch: Stéphanie Chuat, Véronique Reymond

Darsteller: Nina Hoss, Lars Eidinger, Marthe Keller

Produktion: Ruth Waldburger

Musik: Christian Garcia-Gaucher

Kamera: Filip Zumbrunn

Schnitt: Myriam Rachmuth

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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