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Scarface (1932) Die Herrschaft des Maschinengewehrs

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„Scarface“ ist ein brutaler Blick auf die Figur des Gangsters und wie diese nicht nur medial propagiert wird. Das Skript Ben Hechts verbunden mit der Darstellung Paul Munis sowie der Regie Howard Hawks‘ schafft ein düsteres Bild der USA, welches noch lange nachhallt und das Genre nachhaltig beeinflusste.

Der USamerikanische Schauspieler Paul Muni spielt im Film die Rolle von Tony „Scarface“ Camonte.
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Bild: Der US-amerikanische Schauspieler Paul Muni spielt im Film die Rolle von Tony „Scarface“ Camonte. / Carl van Vechten (PD)

28. Juli 2020

28. 07. 2020

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Das Chicago der 20er Jahre ist die Zeit der grossen Gangster, der Auftragsmörder und der Handlanger, welche speziell nachts die Strassen unsicher machen und jeden Morgen die Schlagzeilen der Zeitungen dominieren mit den Neuigkeiten über ihre Bluttaten. In dieser Zeit der Prohibition steigt Tony Carmonte (Paul Muni), wegen seiner Narbe im Gesicht auch „Narbengesicht“ (scarface) genannt, immer weiter auf vom gewöhnlichen Handlanger bis hin zur rechten Hand des Gangsterbosses Johnny Lovo (Osgood Perkins), in dessen Namen er mehrere Konkurrenten erpresst oder, mit Unterstützung seines Gehilfen Guino Renaldo (George Raft), gleich umbringt.

Die Polizei nimmt ihn, wie auch die anderen Mitglieder von Lovos Gang, immer wieder fest, doch dank der findigen Rechtsanwälte, die auf Lovos Gehaltsliste stehen, kommen sie stets wieder auf freien Fuss. Je weiter er innerhalb der Organisation Lovos aufsteigt, desto weniger reicht es Tony, nur die Drecksarbeit für seinen Boss zu erledigen, sodass er dessen Einflussbereich versucht auszuweiten und immer weiter in das Gebiet der Konkurrenz eindringt. Da Tony zudem ein Auge auf Poppy (Karen Morley), Lovos Geliebte, geworfen hat, gerät er immer mehr mit seinem Boss in Konflikt. Zudem wird das Verhältnis zu seiner Schwester Cesca (Ann Dvorak) problematisch, da sich Tony als ihr Schutzengel versteht und jeden Liebhaber von ihr fernhält, ohne zu bemerken, das Cesca ein Auge auf Guino geworfen hat.

Die Herrschaft des Maschinengewehrs

Berücksichtigt man die Filmografie eines Regisseurs wie Howard Hawks (Leoparden küsst man nicht) fällt auf, wie nah er sich bei der Wahl vieler seiner Geschichten am Zeitgeschehen orientierte. Dies gilt insbesondere für seine frühen Werke, zu denen auch Scarface zählt, dessen Skript aus der Feder Ben Hechts auf einem Roman Armitage Trails basiert. Ausgangspunkt sowohl für den auf Chicago stammenden Hecht wie auch für Trail war die Figur des Gangsters, welche durch Figuren wie Al Capone, Meyer Lansky oder Charles „Lucky“ Luciano besonders in den Medien der 20er Jahre omnipräsent war.

Indem sich die Geschichte, wie es direkt zu Anfang des Films heisst, realen Ereignissen orientiert, soll diese fast schon ikonenhafte Präsentation des Gangsters hinterfragt werden und der Zuschauer zum Handeln aufgefordert werden, zu einem Protest gegen die Gewalt, das Verbrechen und die Unmoral, die von Gangstern ausgeht.

Ironischerweise wurde gerade das, was Hawks’ Film anprangerte, diesem seitens der Zensur angekreidet. Insbesondere die Darstellung des Gangsters durch Paul Muni zeige diesen in einem glorifizierenden Licht, stelle seine Taten als Aktionen eines Helden dar oder gebe diesem „heldenhafte“ Attribute, gerade wenn sich dieser gegen das ebenfalls korrupte oder hilflose System stelle und indirekt dessen Handlungsunfähigkeit offenbare. Jedoch liegt gerade in diesen Szenen die Schlagkraft eines Films wie Scarface, der mit bisweilen plakativen Bildern Figuren wie Tony als Teile eines Systems zeigt, dessen Verkommenheit und Tatenlosigkeit ein gewisses Mass an Verbrechen toleriert und erst dann einschreitet, wenn die Gewalt zum Exzess wird.

Als zentrales Bild des Films dient das Thompson Maschinengewehr, auch „Tommy Gun“ genannt. Jene scheinbar endlose Feuerkraft, dieser Exzess an Kugeln entzückt gerade Tony, der die Waffe fortan zu seinem Markenzeichen macht und ganze Heerscharen von Widersachern mit ihr niedermäht, immer begleitet von einem sadistischen Grinsen. Das Bild, welches Brian de Palma in seiner Neuinterpretation des Films von 1983 in dessen Finale aufgreift, ist bei Hawks die Metapher für die Unkontrollierbarkeit der Gewaltspirale.

Netz des Schweigens und der Dunkelheit

Wie für einen Film der Zeit üblich dominieren die Hell/Dunkel-Kontraste die Ästhetik des Streifens, ein Ausdruck der düsteren Vision Amerikas, das Hawks und Hecht beschreiben. Die quasi ständige Nacht im Film, durchbrochen vom Hämmern der „Tommy Gun“, ist definiert von einem Netz des Schweigens zu der Gewalt, einem Netz, auf dem sich Männer wie Tony ausruhen können, können sie sich doch dem Arm des Gesetzes dadurch entziehen.

In dieser Schattenwelt gelingt es dem Gangster ein Imperium aufzubauen, immer weiter nach oben zu streben und so eine pervertierte Version des amerikanischen Traums zu leben. Exzess findet sich nicht nur im Ausmass der Gewalt wieder, sondern auch in der Fülle des Luxus, der Accessoires und der Ausschweifungen, auch im sexuellen Bereich, wobei Hawks’ Film dies, ganz im Sinne der Entstehungszeit, nur andeutet.

Rouven Linnarz
film-rezensionen.de

Scarface (1932)

USA

1932

-

93 min.



Regie: Howard Hawks

Drehbuch: Ben Hecht

Darsteller: Paul Muni, Ann Dvorak, Karen Morley

Produktion: Howard Hawks, Howard Hughes

Musik: Adolph Tandler

Kamera: Lee Garmes, L. William O’Connell

Schnitt: Edward Curtiss, Lewis Milestone

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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