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Rezension zum Film von Roman Polański Der Gott des Gemetzels

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Roman Polańskis «Der Gott des Gemetzels» ist ein bitterböses Charakterporträt von vier Menschen, mit denen wir nichts zu tun haben möchten.

Der USamerikanische Schauspieler John C.
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Bild: Der US-amerikanische Schauspieler John C. Reilly spielt in dem Film von Roman Polański den Ehemann von Jodie Foster. / Gage Skidmore (CC BY-SA 2.0 cropped)

10. Januar 2016

10. 01. 2016

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Als sie schon längst wieder aus der Wohnung raus sind, genügt die kleinste Andeutung, die unschuldigste Bemerkung, ein falscher Wimpernschlag, die stolzen Eltern wieder aufzustacheln. Längst geht es nicht mehr um die Sache selbst, sondern um die verzweifelte Verteidigung der eigenen Ehre und des Stolzes. Eigentlich ging es nur um ein paar ausgeschlagene Zähne an diesem bewölkten Nachmittag in New York. Zachery, der Sohn von Rechtsanwalt Alan Cowan (Christoph Waltz) und dessen Ehefrau Nancy (Kate Winslet), hat seinem Klassenkameraden Ethan, dessen Eltern Penelope (Jodie Foster) und Michael (John C. Reilly) nun die Erziehungsberechtigten des Täters zu sich gebeten haben, zwei Zähne ausgeschlagen; oder, wie es Penny und Michael formulieren „das Gesicht deformiert“.

Eine Formulierung, welche die Cowans selbstverständlich nicht auf sich sitzen lassen wollen, schliesslich sei ihr Sohn zwar ein Ungeheuer, aber immerhin ihr Sohn und der Spross einer Familie, die sich nicht von einem Metallwarenhändler und einer Schriftstellerin beleidigen lassen will. An diesem Nachmittag, der zur regelrechten Schlacht ausartet, geht es fortwährend um Stolz und Ehre, darum, besser sein zu wollen, als die anderen.

Kaum hat sich Alan als vielgefragter, dauertelefonierender Staranwalt zu erkennen gegeben, wird die Buchhändlerin Penelope zur Schriftstellerin ernannt, bevor Nancy ihr Interesse an Kunst heuchelt und Michael den 18 Jahre alten Scotch aus dem Schrank holt, mit dessen Hilfe sich die vier zankenden Personen letzten Endes hemmungslos betrinken. Die Auseinandersetzungen und giftigen Blicke gehen dabei über Kreuz, scheinbar keinem Muster folgend. Nancy schreit auf ihren Mann ein, der pausenlos telefoniert und sich mehr für die Arbeit interessiert als für seine Familie, Penelope schlägt ihren Mann, als dieser sagt, die Ehe sei die härteste Bürde, die Gott der Menschheit auferlegt hat, weil es jedem nur darum geht, sein eigenes Gesicht zu wahren, koste es, was es wolle.

Dass man sich dabei immer mit dem Menschen zusammenschliesst, mit dem man in einem Punkt übereinstimmt und gegen die anderen verbündet, ist das Phänomen der Gruppenzusammengehörigkeit. Und da alle Menschen aufgrund der Pluralität der Meinungen und Standpunkte in mindestens einer Ansicht übereinstimmen, wechseln kurzzeitige Zweckfreundschaften von Minute zu Minute, bis jeder die Gefühle des anderen verletzt hat und verbal sowohl die anderen, als auch das eigene Leben ruiniert werden.

Einhergehend damit sind die Selbstdemaskierungen, die einen grösseren Eindruck zu machen scheinen als all der Prunk und Protz, den man als Fassade aufrechterhalten will. Michael beispielsweise findet nichts dabei, den Hamster seiner Kinder auszusetzen und ihn in New York zu Tode kommen zu lassen. Als Nancy sich übergeben muss ist Alan mehr um seine Hose besorgt als um seine Frau und sogar die besorgte Weltverbesserin Penelope wird zur arroganten Kämpferin, die ihr Wissen verteidigt und damit die eingangs vorgestellte These Alans bestätigt: jeder Mensch interessiert sich nur für sich selbst.

Roman Polańskis «Der Gott des Gemetzels» ist ein bitterböses Charakterporträt von vier Menschen, mit denen wir nichts zu tun haben möchten. Sie wollen immer Recht behalten, sie wollen besser sein als die anderen, sie interessieren sich nur für sich selbst. Vielleicht – und es ist bereits viel über den Film, der auf einem Theaterstück beruht, gesagt worden – hat Alan Cowan mit seiner These Recht und wir tragen alle diese Charakterzüge in uns und vielleicht macht es uns deshalb so viel Spass, den sich gegenseitig anschreienden, konkurrierenden Ehepaaren zuzusehen: wir denken, wir seien in der Lage, uns zu kontrollieren. Wir machen uns über die sich demaskierenden Paare lustig und stellen uns somit über sie, sind folglich aber keinesfalls besser als diejenigen, die auf der Leinwand ihr Gesicht verlieren. Das ist das wohl interessanteste psychologische Phänomen, das mit diesem Werk einhergeht.

Das Kammerspiel kann – wie ein jedes Kammerspiel – nur mit den richtigen Schauspielern funktionieren und die Besetzung funktioniert in ihren Rollen erstklassig. Christoph Waltz als sarkastischer Zyniker, John C. Reilly als einfacher, gar vulgärer Fachhändler, Jodie Foster als emanzipiert-motivierte Kämpferin und Kate Winslet als vornehme Spiesserin spielen vergnügt mit ihren Rollenklischees und beantworten die Frage Penelopes, weshalb das Leben so anstrengend sei, ohne direkt etwas darauf erwidern zu müssen. Das Leben ist anstrengend aufgrund von Leuten wie ihnen.

Stephan Eicke
film-rezensionen.de

Der Gott des Gemetzels

Frankreich, Deutschland, Polen

2011

-

80 min.



Regie: Roman Polański

Drehbuch: Roman Polański, Yasmina Reza

Darsteller: Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz, John C. Reilly

Produktion: Saïd Ben Saïd, Oliver Berben, Martin Moszkowicz

Musik: Alexandre Desplat

Kamera: Paweł Edelman

Schnitt: Hervé de Luze

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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