Ein menschenfeindliches System
Dass die Baubranche wie viele andere in der Krise steckt, ist bekannt. Die Kosten explodierten, es fehlt an Leuten, es fehlt an Aufträgen, dafür gibt es viel Konkurrenz und damit richtig viel Druck. Das ist eigentlich ein sehr dankbares Thema für Filme, da sich an diesem Beispiel einiges aufzeigen lässt, was in der Gesellschaft insgesamt nicht so funktioniert. Aber nur selten wird dieses aufgegriffen. Neben einer Reihe von Krimis, die dann notgedrungen die kriminellen Machenschaften in dem Bereich betonen, gab es vor ein paar Jahren das Drama Die Saat, in dessen Mittelpunkt ein Mann stand, der zwischen den unmenschlichen Arbeitsbedingungen und seinem kriselnden Familienleben vermitteln musste. Mit Rohbau kommt nun ein weiterer deutscher Film heraus, der in diesem Umfeld spielt.Wobei nur der erste Teil wirklich auf der Baustelle spielt. Wir sehen die Leute auf der Arbeit, erfahren von dem hohen Druck, der auf dem Projekt liegt – und damit dem Protagonisten. Wo andere Filme vielleicht einseitig mit dem Finger auf die da oben zeigen würden, lernen wir hier jemanden kennen, der selbst zwischen die Fronten geraten ist. Bei dem Versuch, Unmögliches zu leisten, hat er an und für sich Unverzeihliches getan. Und doch verurteilt Rohbau ihn nicht einseitig, sondern zeigt, dass er in dieser Situation nur verlieren konnte. Zeigt ein System, das gar nicht funktionieren kann und das darauf ausgerichtet ist, Menschen auszunutzen. Das deutsche Drama hat dadurch durchaus eine gesellschaftskritische Note, ohne sich aber an einer Diskussion zu beteiligen, wie denn die Alternative aussehen könnte.
Einsamkeit und Leere
Stattdessen konzentriert sich der Film ganz auf die Figuren. Die vielen Menschen, die am Anfang noch in der Geschichte herumwuseln, verschwinden mit der Zeit. An ihrer Stelle steht das Verhältnis der beiden Hauptfiguren. Sie kommen sich nach und nach näher, verraten Teile aus ihrem Leben. Wir erfahren mehr über Lutz, der trotz seiner Position eine gescheiterte Existenz ist, die in dieser Welt verloren scheint. Irsa tritt in Rohbau sehr energisch auf. Aber auch sie hat zu kämpfen. Ihre grosse Hoffnung ist ein Haus, an dem sie mit ihrem Vater baut und von dem sie begeistert erzählt, ohne zu ahnen, dass sie es nicht beenden werden. Die Tragik des Films besteht eben auch darin, wie die Jugendliche einem Traum hinterher reist, von dem das Publikum weiss, dass er sich nicht erfüllen wird.Das kommt ohne die grossen Momente aus. Das Drama, das 2023 bei den Hofer Filmtagen Premiere hatte, ist eins der leisen Töne, bei dem so manches auch unausgesprochen bleibt. Regisseur Tuna Kaptan kann sich dabei auf sein Ensemble verlassen. Hauptdarsteller Peter Schneider, den man beispielsweise aus der Fernsehkrimireihe Theresa Wolff kennt, überzeugt als Bauleiter, der durchaus Ambitionen hat, dessen Leben sonst aber von einer grossen Leere geprägt ist. Das Zusammenspiel funktioniert mit Newcomerin Angjela Prenci in der Rolle einer Jugendlichen, die schon früh lernen musste zu kämpfen und die vor keiner Konfrontation zurückschreckt, dabei aber im Inneren verletzlich ist und sich danach sehnt, ein richtiges Zuhause zu haben – im wörtlichen wie übertragenen Sinn.



