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Rio Bravo Kontra „High Noon“ ?!

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Kein geringerer als John Wayne soll über Fred Zinnemanns klassischen Western „High Noon“ (1952) geäussert haben, das Ende dieses Films sei „unamerikanisch“.

John Wayne, November 1960.
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Bild: John Wayne, November 1960. / Hugo van Gelderen - Anefo (CC BY-SA 3.0 cropped)

26. August 2020

26. 08. 2020

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Tatsächlich setzte Zinnemann – zudem in einer Zeit, in der ein gewisser McCarthy einen Ausschuss zur Bekämpfung „unamerikanischer Umtriebe“ führte, mit dem auch Drehbuchautor Carl Foreman, Kameramann Floyd Crosby und Lloyd Bridges konfrontiert wurden – mit „High Noon“ neue Massstäbe dieses uramerikanischen Genres Western. Die insgesamt düstere Stimmung des Films, die Bitterkeit eines Marshalls (Gary Cooper), der gerade geheiratet hatte (Grace Kelly), über die Feigheit der Menschen in seiner Stadt, die ihm viel zu verdanken haben und in dem Moment zurückweichen, als er Hilfe braucht, um Gangster zu bekämpfen, die sich an ihm rächen wollen – all das konterkarierte das Genre mit den eigenen Mitteln. Da gab es nicht den stilisierten Helden, der glorreich seine amerikanische Stadt zu Ruhm und Ehre führt.

So nimmt es nicht Wunder, dass „High Noon“ in manchen amerikanischen Reviews als Prototyp des „linken“, des liberalen Amerika charakterisiert wurde, während Howard Hawks „Rio Bravo“ sozusagen als Gegenschlag der „Rechten“, der Konservativen eingeschätzt wird. Hawks selbst wollte einen starken, männlich-heldenhaft geprägten, vor Selbstvertrauen strotzenden Film drehen, in dem die nach seiner Sicht uramerikanischen Werte wieder zum Ausdruck kommen. John Wayne, mit dem Hawks bereits in „Red River“ elf Jahre zuvor zusammengearbeitet hatte, war nicht nur in dieser Hinsicht der geeignete Schauspieler, um Hawks Anliegen zu realisieren. Mit Dean Martin, dem Sänger Ricky Nelson, Angie Dickinson und Walter Brennan ergänzte er die Crew um Schauspieler, die hervorragend miteinander harmonieren.

Sheriff John Chance (John Wayne) verhaftet Joe Burdette (Claude Akins) wegen Mordes an einem Mann im Saloon der kleinen Stadt Rio Bravo. Chance ist sich darüber im klaren, welche Folgen diese Verhaftung hat. Denn Joes Bruder Nathan (John Russell) wird nicht eher ruhen, bis er seinen Bruder aus dem Gefängnis befreit hat. Sechs Tage muss Chance warten, bis der zuständige Marshall Burdette unter seine Fittiche nimmt und dem Richter vorführt. Chance lehnt die Hilfe der Einwohner von Rio Bravo ab; er will nicht, dass irgendein friedliebender Bürger Opfer Nathan Burdettes und seiner Bande wird. Ihm zur Seite stehen lediglich der alte Stumpy (Walter Brennan), der auf einem Bein humpelt, und der Ex-Hilfssheriff Dude (Dean Martin), der dem Whisky verfallen ist, weil er vor Jahren einer Frau gefolgt war, die er liebte, die ihn aber nicht liebte.

Dude hat kein Geld, wartet darauf, dass irgend jemand ihm einen Dollar spendiert, um an ein Glas Whisky zu kommen. Andererseits kämpft er innerlich gegen das Teufelszeug. Dude und Stumpy sind die einzigen, die Chance als Helfer gegen die Burdettes akzeptiert – bis der junge Colorado Ryan (Ricky Nelson) erscheint, der nicht nur mit dem Revolver gut umzugehen weiss, sondern hell im Kopf ist. Doch Colorado, der für den Händler Pat Wheeler (Ward Bond) arbeitet und den Chance als Hilfssheriff akzeptieren würde, will sich jedenfalls zunächst aus der Sache heraushalten.

Zu allem Überfluss erscheint in Rio Bravo dann auch noch die schöne Feathers (Angie Dickinson), von der Chance zunächst annimmt, sie seine eine Falschspielerin, die steckbrieflich gesucht wird. Tatsächlich pokert Feathers besser als so mancher Mann. Eigentlich ist Rio Bravo für sie nur eine von vielen Durchgangsstationen. Doch der selbstbewusste Sheriff lässt Feathers länger bleiben als geplant. Sie verliebt sich in Chance.

Als Nathan Burdettes Leute, die wissen, dass sie Joe nicht direkt aus dem Gefängnis befreien können, beginnen, aus dem Hinterhalt auf Chance und Dude zu schiessen und dabei Wheeler ermorden, ist es Dude, der den Mörder im Saloon dingfest machen kann. Das gibt ihm Auftrieb. Und obwohl Chance niemanden aus Rio Bravo in die Auseinandersetzung mit der Burdette-Bande hineinziehen will, helfen ihm fast alle: Colorado, Feathers – und sogar der Besitzer des Alamo-Hotels Pedro (Carlos Robante) und seine Frau Consuela (Estelita Rodriguez) ...

Obwohl John Wayne in seiner gewohnten Art und Weise als selbstbewusster Held mit Durchblick, der nie die Ruhe verliert, erneut eine Paraderolle spielt, eine Rolle, die auf ihn zugeschnitten ist, sind es vor allem Walter Brennan als ewig quengelnder alter Haudegen Stumpy und Dean Martin als Mann, der versucht, dem Geist der Flasche zu entkommen, die zum Humor und zur Dramatik des Films beitragen. Angie Dickinson als intelligente, liebende Frau und der junge Ricky Nelson als zurückhaltender, schlauer Fuchs tragen zu einer exzellenten Besetzung bei, die kaum etwas zu wünschen übrig lässt.

Im Gegensatz zu anderen Beispielen des Genres erstaunt, dass Hawks weitgehend auf eine allzu pathetische Inszenierung des Heldentums verzichtet. Die Handlung verläuft eher in ruhigen Bahnen und Hawks setzt vor allem auf eine detaillierte Beschreibung seiner Hauptfiguren. Tatsächlich kann man in „Rio Bravo“ eine Art Gegenstück zu Zinnemanns „High Noon“ sehen. Während dort Gary Coopers Marshall verzweifelt nach Hilfe in der Bevölkerung sucht, um die Verbrecher zu bekämpfen, lehnt Sheriff Chance es kategorisch ab, dass sich ausser Stumpy und Dude irgend jemand der Gefahr im Kampf gegen Burdette aussetzt. Während die Leute in „High Noon“ aus Feigheit Marshall Kane alleine lassen, reissen sich in „Rio Bravo“ die Leute geradezu darum, Chance zu unterstützen.

Während „High Noon“ dem amerikanischen Publikum den Spiegel vorhält und – man kann schon sagen: fast gnadenlos – die Feigheit vor Heldentum und Zusammenhalt „siegen“ lässt (auch wenn Coopers Marshall am Schluss die Verbrecher besiegt), feiert Hawks alles, was den american dream ausmacht: einen ausgeprägten Individualismus ebenso wie den Zusammenhalt der „Sippe“. In „Rio Bravo“ „entsteht“ Familie. Nicht nur, dass Chance und Feathers ein Paar werden. Die Gefahrensituation schweisst die örtliche Gemeinschaft zusammen. Dude führen Risiko und Bedrohung durch Burdette zur Abkehr vom Alkohol. In Colorado gewinnt der Ort einen neuen Freund. Chance beweist sich als geeigneter Sheriff. Und selbst die Mexikaner Carlos und Consuela tragen ihren Part dazu bei, um die Gemeinschaft auf höherer Stufe zusammenzuschweissen. Aus der heimatlosen Feathers, die einem Spieler zum Opfer gefallen war, wird eine liebende Ehefrau (in „High Noon“ wirft Marshall Kane am Schluss seinen Stern auf den Boden und verlässt mit seiner jungen Frau die Stadt).

Trotz dieser mehr als eindeutigen Feier des Heldentums wirkt „Rio Bravo“ jedoch nicht übertrieben oder unglaubwürdig. Hawks, ein Erfahrener auf dem Gebiet des Westerns (mit John Wayne in der Hauptrolle u.a. „Rio Lobo“, 1970; „El Dorado“, 1967; „Red River“, 1948 – um nur einige zu nennen), hütet sich davor, dem Pathos Tür und Tor zu öffnen. Seine Figuren „bleiben auf dem Teppich“, und gerade die Konzentration auf Charaktere und ihre Beziehungen zueinander machen „Rio Bravo“ zu einem der spannendsten Western aller Zeiten.

Ulrich Behrens

Rio Bravo

USA

1959

-

141 min.



Regie: Howard Hawks

Drehbuch: Leigh Brackett, Jules Furthman

Darsteller: John Wayne, Dean Martin, Ricky Nelson

Produktion: Howard Hawks

Musik: Dimitri Tiomkin

Kamera: Russell Harlan

Schnitt: Folmar Blangsted

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