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Kultur

Rebecca Die Namenlose in der Falle

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Mit seinem ersten in den USA gedrehten Film „Rebecca“, produziert von David O. Selznick, der im selben Jahr „Vom Winde verweht“ fertiggestellt hatte, war Hitchcock nicht gerade zufrieden.

Die australische Schauspielerin Judith Anderson spielt im Film «Rebecca» die Rolle der Mrs.
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Bild: Die australische Schauspielerin Judith Anderson spielt im Film «Rebecca» die Rolle der Mrs. Danvers. / Carl Van Vechten (PD)

8. November 2019
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In seinen Gesprächen mit Truffaut äusserte er sich beispielsweise über den Film so: „Das ist kein Hitchcockfilm. Es ist eine Art Märchen, und die Geschichte gehört ins ausgehende neunzehnte Jahrhundert. Es ist eine ziemlich vorgestrige, altmodische Geschichte. Es gab damals viele schriftstellernde Frauen. Dagegen habe ich nichts. Aber 'Rebecca' ist eine Geschichte ohne jeden Humor“ [1].

Selznick verlangte von Hitchcock, der Linie des Romans von Daphne du Maurier haargenau treu zu bleiben. Betrachtet man die Geschichte, die aus der Perspektive einer Frau erzählt wird, jedoch genau, lässt sich die Handschrift Hitchcocks dennoch deutlich erkennen.

Inhalt

Wir begegnen einer Frau (Joan Fontaine), die als Gesellschafterin für eine resolute und wenig sympathische ältere Dame (Florence Bates) arbeitet. Diese Frau, die im gesamten Film keinen Namen trägt, ist scheu, ängstlich, unbeholfen, kindlich – also etwas ganz anderes als die meisten von Hitchcocks Film-Blondinen wie etwa Grace Kelly, Tippi Hedren, Kim Novak, Ingrid Bergman oder Doris Day. Diese Kind-Frau trifft auf einen reichen englischen Adligen, Maxim de Winter (Laurence Olivier). Ihr erstes Zusammentreffen ist zufällig. Bei einem Spaziergang sieht sie, wie de Winter vor einem Abgrund an der Küste steht. Es sieht so aus, als ob er springen wollte. Als er sie bemerkt, reagiert de Winter aggressiv, als ob die junge Frau ein Geheimnis gelüftet hätte.

Später verliebt sie sich in Maxim, der sie zu Ausflügen mitnimmt und ihr eines Tages einen Heiratsantrag macht. Liebt er sie? Irgend etwas scheint zwischen Maxim und der neuen Mrs. de Winter zu stehen. Es ist de Winters erste Frau Rebecca, die ein Jahr zuvor mit dem Segelboot aufs Meer gefahren und dort ums Leben gekommen war. Maxim hatte die Leiche, die weit entfernt von der Unfallstelle angeschwemmt worden war, damals identifizieren müssen. Mrs. de Winter II bemerkt sehr rasch, dass ihr Mann seine erste Frau offenbar nicht vergessen kann. Trotzdem heiraten die beiden.

Auch auf de Winters prachtvollem Herrensitz, irgendwo an der Küste, weitab von jeglichem Ort, begegnet man der neuen Mrs. de Winter mit Misstrauen. Vor allem die Haushälterin, Mrs. Danvers (Judith Anderson), verhält sich kühl und abweisend gegenüber der scheuen jungen Frau, die kaum in der Lage zu sein scheint, die neue Herrin auf Manderley abzugeben. Mrs. de Winter hat Angst, Angst, eine neue Rolle zu übernehmen, Angst, weil sie eine wertvolle Porzellanfigur zerbrochen und die Scherben heimlich im Schreibtisch versteckt hat, Angst, dass sie gegen den offenbar immer noch grossen Einfluss von Rebecca keine Chance hat. Und schnell muss sie auch begreifen, dass Mrs. Danvers alles tun wird, um sie aus dem Haus zu scheuchen. Als ein Maskenball in Manderley stattfinden soll, rät ihr Mrs. Danvers, ein Kleid zu entwerfen, das dem auf einem Gemälde im Haus gleicht. Als de Winter seine Frau in diesem Kleid sieht, reagiert er wiederum aggressiv, denn es war eines der Kleider, das Rebecca getragen hatte.

Alles scheint sich zu ändern, als das Boot, mit dem Rebecca ums Leben kam, eines Tages gefunden wird. In der verschlossenen Kajüte findet man eine Leiche: Rebecca. Erst jetzt beichtet Maxim seiner Frau, was damals wirklich geschehen war ...

Inszenierung

Man muss sich Hitchcocks eigenes leicht zynisches Urteil über den Film, das vor allem wohl Selznick und Daphne de Maurier gelten sollte, nicht zu eigen machen, um zu erkennen, dass „Rebecca“ eben doch ein „richtiger“ Hitchcock-Film ist. Sicher, von Humor ist in diesem klassischen psychologischen Drama keine Spur – die einzige Einschränkung, die ich machen würde.

Alles ist Betrug und Täuschung – bis auf die namenlose junge, scheue Frau, die sich offensichtlich gegen Angriffe auf ihre Person nicht wehren kann. Sie geht mit offenen Augen eine Beziehung ein, unter der sie leiden muss. Denn die Szenerie auf Manderley ist gekennzeichnet von der Macht einer Toten. Die Atmosphäre ist geradezu morbid, es herrscht Nekrophilie, und all das sind die besten Voraussetzungen dafür, dass Masochismus hier zum Tode führt. Mrs. Danvers glaubt an die Rückkehr von Rebecca. Deren Zimmer in einem Flügel des Hauses hütet die Haushälterin wie ihren Augapfel; sie war und ist in Rebecca verliebt, betet sie an wie eine Göttin, wird sie über den Tod hinaus gegen alles und jeden verteidigen. Für Rebecca, deren Initialen das ganze Anwesen überdecken, würde sie morden, wenn es sein muss.

Der Hausherr selbst scheint sich in einer ähnlichen Situation zu befinden. Er wehrt alles ab, was ihn an Rebecca erinnern könnte. Doch – und darin irrt die zweite Frau de Winter – sein aggressives Verhalten hat seinen Grund nicht in der Liebe, sondern im abgrundtiefen Hass. Maxim instrumentalisiert seine zweite Frau; sie soll ihn vergessen machen, was in seiner Vergangenheit an Tragischem geschah. Und immer wenn sie ihn – zufällig oder bewusst – an Rebecca erinnert, reagiert er sadistisch und erniedrigt die namenlose Frau an seiner Seite.

Erst die Aufdeckung dessen, was wirklich geschah, und die Enthüllung des wahren Charakters Rebeccas lassen wieder eine Chance für Maxim und Mrs. de Winter II sichtbar werden.

In den letzten zwanzig Minuten – nach der Entdeckung des gesunkenen Bootes – verwandelt Hitchcock „Rebecca“ urplötzlich in eine Kriminalgeschichte. Es geht ausschliesslich noch um die Aufklärung des Todes von Rebecca, die dreisten Erpressungsversuche von Rebeccas Vetter. Erst jetzt kann de Winter seiner jungen Frau seine Liebe gestehen, und erst durch den Tod von Mrs. Danvers findet der Spuk ein Ende.

Fazit

„Rebecca“ ist eine gelungene psychologische Studie, andererseits für Hitchcock aber in gewisser Weise auch eine Art aufgezwungene Stilübung für spätere Filme. Die Spannung des Films ergibt sich vor allem aus der mysteriösen Nekrophilie der Mrs. Danvers, die von Judith Anderson als stets in Schwarz gekleidete, starre Frau gespielt wird, die so plötzlich verschwindet, wie sie aufgetaucht war, aus dem Geheimnis, was Rebecca umgibt, und dem Verhalten Maxims, der seiner neuen Frau gegenüber nicht ehrlich ist.

Ulrich Behrens

[1] Truffaut / Hitchcock. Hrsg. von Robert Fischer. François Truffaut in Zusammenarbeit mit Helen G. Scott, München, Zürich 1999, S. 103.


Rebecca

USA

1948

-

126 min.

Regie: Alfred Hitchcock

Drehbuch: Philip MacDonald, Michael Hogan, Robert E. Sherwood, Joan Harrison

Darsteller: Joan Fontaine, Laurence Olivier, Judith Anderson

Produktion: David O. Selznick

Musik: Franz Waxman

Kamera: George Barnes

Schnitt: Hal C. Kern

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