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Rafiki Liebe: verboten

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Zwei junge Frauen kämpfen um ihre Liebesbeziehung: Die kenianische Regisseurin Wanuri Kahiu erzählt in ihrem neuen Film eine politische Geschichte aus ihrer Heimat.

Die kenianische Regisseurin und Autorin Wanuri Kahiu, März 2018.
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Bild: Die kenianische Regisseurin und Autorin Wanuri Kahiu, März 2018. / World Economic Forum (CC BY 3.0 unported - cropped)

7. Februar 2019

07. 02. 2019

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„Welche von euch beiden ist denn nun der Mann?“ fragt der Polizist lachend und seine Kollegin ergänzt, dass sie das fürs Protokoll bräuchten. In Kenia sind homosexuelle Handlungen unter Männern strafbar. Die beiden jungen Frauen auf der Polizeiwache trifft diese Rechtslage nicht, denn gegen Homosexualität unter Frauen ist das kenianische Recht indifferent. Das Sittengesetz der Bevölkerung ist es jedoch nicht und das haben die zwei Protagonistinnen des Films „Rafiki“ von Wanuri Kahiu gerade am eigenen Leib zu spüren bekommen. Auch wenn das Land im Umbruch ist, herrscht ein Klima der Ablehnung und Ausgrenzung gegenüber Menschen abweichender Sexualität und Identität und das Leben der Menschen wird von überkommenen Lebensformen und Rollenbildern geprägt.

Die Liebesgeschichte um Kena und Ziki erzählt sich aber ganz anders, als es diese Szene nahelegt. Kena Mwaura ist die Tochter des Ladeninhabers John, der Wahlkampf um ein Abgeordnetenmandat des Bezirksparlaments führt. Sie ist mit dem etwa gleichaltrigen Blacksta befreundet und wird trotz ihres androgynen Aussehens und Auftretens in einem Freundeskreis von Männern akzeptiert und wertgeschätzt. Die selbstbewusste und besonnene junge Frau ist schlank, trägt weite Kleidung, eine enganliegende Frisur und einen Undercut. Der politische Konkurrent ihres Vaters ist Peter Okemi, der zugleich Vater der lebensfrohen Ziki ist, die schon als äussere Erscheinung in einen direkten Gegensatz zu Kena tritt. Sie trägt lange pink-lila Rastalocken, bunte Kleider, zieht mit zwei Freundinnen durch das Viertel und tanzt mit ihnen auf der Strasse kleine Choreographien.

Als sie und ihre Freundinnen Mwauras Wahlplakate von einer Wand reissen, werden sie von Kena erwischt und nach kurzer Verfolgung lernen die beiden sich kennen. Sie stehen kurz vor ihrem Schulabschluss und sprechen über ihre Zukunftspläne. Kena möchte Krankenschwester werden, aber Ziki ermutigt sie, an die Universität zu gehen, um Medizinerin zu werden. Ziki selbst möchte reisen, sich der Welt vorstellen und den traditionellen Lebenswegen entfliehen. Sie schliessen einen Pakt, nicht zu werden, wie die anderen, sondern etwas Echtes.

Bald gehen sie das erste Mal miteinander aus. In einer sehr feinfühligen, fröhlichen und bildbetonten Weise, die fast ohne Worte auskommt, wird die sich innerhalb einiger Stunden vollziehende Annäherung zwischen den zwei jungen Frauen über Kleidungsfarbe, Mimik und Abnahme der Verhaltensdistanz erzählt – sie fahren gemeinsam Bus, auf einem Fahrgeschäft, gehen miteinander tanzen, küssen sich.

Natürlich ist das alles nicht unbemerkt geblieben. Bereits bei ihrem ersten Treffen wurden sie aufmerksam beobachtet und bald machen Gerüchte die Runde und die beiden geraten in Auseinandersetzung mit ihrer homosexuellenfeindlichen Umgebung.

In Rafiki dominieren Frauen in der Bildschirmpräsenz, aber die sozialen Machtpositionen sind männlich besetzt, vom Familienoberhaupt, über den Politiker bis hin zum Priester, der in der Kirche gegen Homosexuelle hetzt. Verhaltensnormen und Rollenerwartungen sind konservativ-patriarchal geprägt, auch wenn das Land bereits einen weiten Weg aus Kolonialismus und Autoritarismus zurückgelegt hat. Es gibt für Männer wie Frauen eine gewisse Rollenflexibilität und sozialer Aufstieg ist möglich. Zugleich hemmen Traditionen, Sitten und Gesellschaftsstruktur den Ausbruch junger Menschen aus eingefahrenen Bahnen.

Der Film, dessen Name auf Suaheli „Freundinnen“ bedeutet, ist bereits der sechste Film der Regisseurin Kahiu. Schon in den Jahren 2009 und 2010 wurden ihre Filme „From a Whisper“ und „Pumzi“ mit afrikanischen und internationalen Filmpreisen ausgezeichnet. Die Thematiken ihrer Filme kreisen in verschiedenen Konstellationen um Feminismus, soziale Zwänge, Gewalt, politischen Aktivismus und das Auseinanderfallen „westlicher“ und afrikanischer Weltsichten, Realitäten, Zukunftsperspektiven und Lebenshoffnungen.

Rafiki erzählt auf eine eindringliche und authentische Weise den Kampf zweier junger Liebenden gegen eine ihrem Glück entgegenstehende Wirklichkeit. Gerade die politischen Hintergründe der Erzählung bleiben dabei aber etwas unterbelichtet und auch der Wahlkampf der Väter, vor dessen Hintergrund sich die Geschichte abspielt, ist eigentümlich inhaltslos und trägt zwar zur Atmosphäre des Films bei, nicht aber zu dessen Bedeutungsgehalt. Die Lage homosexueller Männer in Kenia, die weiterhin von einer Strafandrohung betroffen sind, wird in Rafiki nur randständig beleuchtet. (Homosexuelle Handlungen unter Männern können im kenianischen Recht mit 4 bis 15 Jahren Gefängnis bestraft werden, auch wenn in den letzten Jahren keine derartigen Urteile mehr ergangen sind.) Diese Versäumnisse tun der Güte des sehenswerten und anrührenden Films aber keinen Abbruch, sodass ich eine klare Empfehlung aussprechen kann.

Ralph Nierula / www.graswurzel.net

Rafiki

Südafrika, Kenia 2019 - 82 min.

Regie: Wanuri Kahiu
Drehbuch: Wanuri Kahiu
Darsteller: Samantha Mugatsia, Sheila Munyiva, Nini Wacera
Produktion: Steven Markovitz
Musik: Frédéric Salles
Kamera: Christopher Wessels
Schnitt: Isabelle Dedieu

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