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Promising Young Woman | Untergrund-Blättle

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Promising Young Woman Das Böse hinter der adretten Fassade

Kultur

„Promising Young Woman“ ist eine originelle Abwandlung des Rape-and-Revenge-Thrillers, wenn eine Frau Jagd auf vermeintlich nette, anständige Männer macht.

Carey Mulligan, Mai 2013.
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Bild: Carey Mulligan, Mai 2013. / Eva Rinaldi (CC BY-SA 2.0 cropped)

3. Juni 2022
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Das ist vor allem für Carey Mulligans Darstellung des abgefuckten, tragischen Racheengels sehenswert. Man sollte aber die Vorliebe für den schwarzen Humor und diverse Übertreibungen teilen.

Früher einmal, da sah bei Cassie (Carey Mulligan) alles nach einer glänzenden Karriere aus: Sie studierte Medizin an einem renommierten Institut, war eine der begabtesten in ihrem Jahrgang, alle Türen schienen ihr offen zu stehen. Bis zu dem Tag, als sie ihr Studium schmiss. Jahre sind seither vergangen, die inzwischen 30-Jährige lebt noch immer bei ihren Eltern Stanley (Clancy Brown) und Susan (Jennifer Coolidge) und arbeitet in einem kleinen Coffee Shop. Dort trifft sie eines Tages Ryan Cooper (Bo Burnham), einen ehemaligen Kommilitonen, der inzwischen als Arzt arbeitet. Nach einem etwas holprigen Start kommen sich die beiden näher, treffen sich immer wieder. Was Ryan dabei nicht ahnt: Nachts streift Cassie durch Bars und erteilt Männern eine Lektion, als Rache für einen Vorfall, der viele Jahre zurückliegt …

Aus Liebe zur Rache

Rachethriller haben seit einigen Jahren Hochkonjunktur, vor allem der B-Movie-Bereich ist vollgestopft mit Geschichten, in denen besonders Männer sich für ein erlittenes Unrecht rächen wollen und zu dem Zweck Dutzende von anderen aus dem Weg räumen. Ein etwas spezieller Subbereich stellt in diesem Zusammenhang der Rape-and-Revenge-Thriller dar. Darin sind es ausschliesslich Frauen, die – wie die Bezeichnung schon verrät – eine Vergewaltigung sühnen wollen. Diese Filme geben sich manchmal eine leicht feministische Powerfrau-Anmutung. Tatsächlich läuft es aber meistens darauf hinaus, dass die besagten Frauen sehr knapp bekleidet durch die Gegend laufen, was den meist von Männern gedrehten Filmen zusammen mit den oft überzogenen Gewaltdarstellungen etwas sehr Voyeuristisches gibt.

Aber es geht auch ganz anders, wie das Beispiel Promising Young Woman zeigt. Hier ist es ausnahmsweise mal eine Frau, welche die Geschichte eines Racheengels erzählt. Genauer gibt die jahrelang als Schauspielerin tätige Emerald Fennell ihr Debüt als Regisseurin und Drehbuchautorin. Und diese hat eine ganz eigene Vorstellung davon, wie das vermeintlich schwache Geschlecht auf das Unrecht reagieren kann. Tatsächliche Gewaltszenen sind in dem Film rar gesät. Hier geht es mehr darum, wie eine vermeintliche Schutzbedürftige Männer mit ihren Übergriffen konfrontiert. Dafür tut sie so, als wäre sie aufgrund eines gesteigerten Alkoholkonsums anderen hilflos ausgeliefert, nur um dann doch ihr wahres Gesicht und Härte zu zeigen. Mehr muss sie nicht tun, damit ihrem Gegenüber das Herz in die Hose rutscht.

Das Böse hinter der adretten Fassade

Damit einher geht eine ganz andere Sorte von Mann, als man es von diesen Rape-and-Revenge-Thrillers gewohnt ist. Hier sind es eben keine brutalen, schmutzigen Proletarier, die mit Gewalt über Frauen herfallen. Stattdessen handelt es sich um höfliche, adrette Typen in respektablen Jobs, die sich selbst auch als gute Menschen ansehen würden. Typen, denen aufgrund ihres Umfelds niemand etwas anhaben kann und die es selbst auf oberste Richterstühle schaffen. Schliesslich handelt es sich bei ihren Verbrechern nur um kleine dumme Fehler. Jungs sind eben nur Jungs. Promising Young Woman nennt an der Stelle keine Namen und vermeidet direkte Anklagen von Einzelnen. Vielmehr zeigt der Film ein von Grund auf verkorkstes System auf, in dem die Täter geschützt werden und die Opfer damit allein gelassen sind.

Eine solche Grundsatzkritik droht immer mit einem streng erhobenen moralischen Zeigefinger verbunden zu sein. Stattdessen setzt Fennell auf einen gesteigerten Unterhaltungsfaktor. Dafür sollte man aber schon die Vorliebe für einen sehr schwarzen Humor teilen, welche die Britin hier demonstriert. Nur weil hier nicht alle paar Minuten jemand abgestochen wird, heisst das nicht, dass die Thrillerkomödie, die beim Sundance Film Festival 2020 Premiere feierte, weniger böse ist. Nicht nur bei der grundsätzlichen Masche, welche Cassie verwendet, zeigt sich Promising Young Woman von einer lustvoll-gemeinen Seite. Später, wenn die nicht wirklich heldenhafte Heldin einen grösser angelegten Racheplan verfolgt, der im Zusammenhang mit der Vorgeschichte steht, geniesst sie es, andere Menschen höllische Seelenqualen zu bereiten oder auch mal nur zu beleidigen.

Lustvoll gespielte Übertreibung

Das ist auch deshalb ein grosser Spass, weil Carey Mulligan völlig in der Rolle einer Frau aufgeht, die nach aussen hin harmlos wirken mag, dabei aber völlig abgefuckt ist. Ihr gelingt die Balance zu halten bei einer ebenso eiskalten wie tragischen Figur, die selbst jedes Gleichgewicht verloren hat. Aber auch sonst ist Promising Young Woman perfekt besetzt. Gerade die Reaktionen der Männer, wenn sie feststellen müssen, dass sie nicht mehr die Kontrolle haben, bereiten einem beim Zusehen eine beträchtliche (Schaden-)Freude. Über das Ende kann man sich streiten. Andererseits passt es zu einem Film, der von Anfang an trotz eines sehr realen Themas die Übertreibung zelebriert. Ein Film, der seinen Finger tief in die Wunde steckt und dabei genüsslich grinst.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Promising Young Woman

USA

2011

-

100 min.

Regie: Emerald Fennell

Drehbuch: Emerald Fennell

Darsteller: Carey Mulligan, Bo Burnham, Alison Brie

Produktion: Margot Robbie, Tom Ackerly, Josey McNamara, Ben Browning

Musik: Anthony B. Willis

Kamera: Benjamin Kracun

Schnitt: Frédéric Thoraval

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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