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Patton – Rebell in Uniform | Untergrund-Blättle

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Patton – Rebell in Uniform Primadonna? Held? Jedenfalls kein Feigling!

Kultur

Franklin J. Schaffners „Patton“ ist ein äusserst gelungenes Beispiel für eine filmische Biografie. Trotz seiner Länge wird dieser Film nie langweilig.

George S. Patton, Juli 1944.
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George S. Patton, Juli 1944. Foto: Unknown author (PD)

19. Oktober 2022
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„Yeah, come on all of you, big strong men,
Uncle Sam needs your help again.
He's got himself in a terrible jam
Way down yonder in Vietnam
So put down your books and pick up a gun,
We're gonna have a whole lotta fun.
And it's one, two, three,
What are we fighting for ?
Don't ask me, I don't give a damn,
Next stop is Vietnam;
And it's five, six, seven,
Open up the pearly gates,
Well there ain't no time to wonder why,
Whoopee! we're all gonna die.“ (1)

Was hätte der amerikanische General George S. Patton Jr. (George C. Scott in einer seiner besten Rollen) wohl zu diesem Anti-Vietnamkriegs-Song von Country Joe and the Fish, gesungen u.a. in Woodstock 1969, gesagt? Schwer zu sagen. Patton war all das, was man sich unter einem amerikanischen General während des zweiten Weltkriegs vorstellen konnte: Militär bis auf die Knochen, vaterländisch gesinnt, streng, was die Disziplin seiner Soldaten anging, gehasst von einem Teil der amerikanischen Öffentlichkeit, geliebt vom anderen Teil. Aber George Patton war mehr. Nach den beiden Büchern von Ladislas Farago („Ordeal and Triumph“) und Pattons Freund und Mit-General Omar N. Bradley („A Soldier’s Story“) drehte Franklin J. Schaffner („Planet of the Apes“, 1968; „Papillon“, 1973) 1970 – in der Blütezeit des Protestes gegen den Vietnamkrieg – seinen fast dreistündigen Film über den umstrittenen, aber von nur wenigen verstandenen General, der in Nordafrika, Italien und nach der Landung der Alliierten am D-Day in der Normandie Armeen gegen die Hitler-Truppen befehligte.

„Well, come on generals, let's move fast;
Your big chance has come at last.
Gotta go out and get those reds —
The only good commie is the one who's dead
And you know that peace can only be won
When we've blown 'em all to kingdom come.
And it's one, two, three,
What are we fighting for?
Don't ask me, I don't give a damn,
Next stop is Vietnam;
And it's five, six, seven,
Open up the pearly gates,
Well there ain't no time to wonder why
Whoopee! we're all gonna die.“ (1)

Antikommunist war Patton natürlich auch – durch und durch. Und dabei unterschied er sich vom überwältigenden Rest der Amerikaner wohl kaum. Wer also meint, in der sich zuspitzenden Situation des Jahres 1970 – was Vietnam betrifft – hätte Schaffner einen Antikriegsfilm gedreht (wie manche damalige Kommentatoren meinten), irrt gewaltig. „Patton“ ist – zumindest formal betrachtet – ein Kriegsfilm – durch und durch, daran gibt es nichts zu rütteln. Und doch hat Schaffner einen Film geschaffen, der sich bei näherer Betrachtung als eine der besten filmischen Biografien herausstellt, die jemals auf die Leinwand kamen.

Vor einer riesigen amerikanische Flagge steht General Patton, geschmückt mit den Orden militärischer Herrlichkeit. Im Glanze seines Angesichts und den Ruhm Amerikas verkörpernd verkündet er den Soldaten der 3. Armee von Disziplin und der nationalen Aufgabe, die vor ihnen steht: die Schlachten gegen Hitler zu gewinnen. Patton will seine Truppe kampffähig machen: „Wir schneiden ihnen (den Feinden) lebend ihre Eingeweide heraus und benutzen sie, um unsere Panzer einzufetten.“ Nur Patton ist zu sehen, vor dem Star Spangled Banner, kein Soldat, niemand sonst. Schon hier wird flüchtig angedeutet, dass Patton eben nicht einer von vielen Generälen des zweiten Weltkrieges war. Patton, das war auch ein einsamer Mann.

Der Film zeigt – was hier im einzelnen nicht wiedergegeben werden soll – seinen Einsatz bei der Zurückschlagung der in Nordafrika von Feldmarschall Erwin Rommel befehligten deutschen Truppen, bis zur entscheidenden Wende in El Gitar, dann, wie Patton und sein englischer Kollege Montgomery (Michael Bates) nach Sizilien übersetzen. Während Montgomery mit seiner Armee in Syracuse landet, stösst Patton nach Palermo vor, um von dort aus – wie Montgomery von Syracus aus – sich in Messina zu treffen und damit die deutschen und italienischen Truppen auf dem Festland zurückschlagen zu können. Doch in Messina wird Patton vorerst kaltgestellt (warum s.u.).

Später wird Patton nach der Invasion der Alliierten in der Normandie wieder ein Kommando über die 3. Armee erteilt, die gegen Deutschland vorrückt.

„Well, come on mothers throughout the land,
Pack your boys off to Vietnam.
Come on fathers, don't hesitate,
Send 'em off before it's too late.
Be the first one on your block
To have your boy come home in a box.
And it's one, two, three
What are we fighting for?
Don't ask me, I don't give a damn,
Next stop is Vietnam.
And it's five, six, seven,
Open up the pearly gates,
Well there ain't no time to wonder why,
Whoopee! we're all gonna die.“ (1)

Patton jedenfalls wusste, wofür er kämpfte. Ob er im Vietnamkrieg gekämpft hätte? Eine interessante Frage, die ich jedenfalls nicht beantworten kann.

Schaffner fokussierte seinen Film voll und ganz auf die Person des umstrittenen Generals. Andere – im Krieg sehr wichtige – Personen wie Montgomery oder Pattons Freund General Bradley (Karl Malden) bleiben in der Charakterisierung fast völlig im Hintergrund der Inszenierung. Auch die deutschen Militärs wie Rommel (Karl Michael Vogler) oder Generaloberst Jodl (Richard Münch) dienen als Personen lediglich der Kontinuität der Darstellung der Kriegsereignisse. Ähnliches gilt für die Schlachtszenen, die allerdings perfekt in Szene gesetzt sind.

George C. Scott – bekannt durch seine Rolle als Dr. Buck in Kubricks „Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ (1963) – spielt einen Mann voller Widersprüche. Einerseits ein strammer, vaterländischer Geselle, Antikommunist, andererseits ein Mann, der nicht mehr in die damalige Zeit passte. Patton glaubte nicht nur an Reinkarnation; er hielt sich selbst für einen wiederauferstandenen Heerführer der Antike oder / und der napoleonischen Zeit. In Tunesien erzählt er seinem Freund General Bradley in Ehrfurcht von den Schlachten der Vergangenheit – vom Krieg der Karthager gegen die Römer. Patton ist ein Feldherr, der in der Vergangenheit, das heisst in der Rolle der Heerführer vergangener Schlachten lebt. Doch gleichzeitig ist er ein Stratege, der seine Kenntnisse der klassischen Philosophie und aus dem Studium der Kriege für die Gegenwart fast perfekt anwenden kann. Er weiss dies umzusetzen in die Kriegsverhältnisse der Moderne.

Von seinen Soldaten verlangt er die Tapferkeit, die er selbst an den Tag legt. Und das ist ernst gemeint. Patton mag hier und da Angst gehabt haben. Aber er wich aus keiner der Schlachten in Nordafrika, Sizilien oder Frankreich zurück, wenn es brenzlig wurde, versteckte sich nicht, weil er General war, sondern begab sich mitten hinein ins Kriegsgeschehen. Die Kehrseite der Medaille: Soldaten, die nicht schwer verwundert aus einem Kampf zurückkehren und denen er allein das Recht zugestand, im Lazarett zu gesunden, waren für ihn Feiglinge, jämmerliche Waschlappen. Als er in Sizilien einen Soldaten, der mit den Nerven völlig am Ende war, verbal und physisch vor den Augen von Kameraden, Ärzten und Schwestern fertig machte, sahen seine Gegner darin genug Anlass, um den General kalt zu stellen. Nach dem Einzug in Messina wurde Patton das Kommando entzogen, und sein bester Freund beim Militär, Bradley, erhielt den Oberbefehl über die amerikanische Armee in Italien.

In einem Streitgespräch mit Patton äussert Bradley: „Ich mache diesen Job, weil ich dafür ausgesucht wurde. Du machst ihn, weil du ihn liebst.“ Eine weitere Charaktereigenschaft des aussergewöhnlichen Mannes: Er ist sozusagen ein geborener General, dessen Lebensaufgabe sich in dieser Tätigkeit erschöpft. Nichts erfährt man über seine Herkunft, seine Familie, sein „ziviles“ Leben, das es nicht zu geben scheint. „Mein ganzes Leben wollte ich nichts anderes, als eine Menge Soldaten in eine aussichtslos scheinende Schlacht zu führen.“ Auch hierin liegt eine Besonderheit Pattons, die die amerikanische Führung durchaus zu schätzen wusste: Patton war gerissen und klug, um auf schier verlorenen Posten doch noch eine Wende herbeizuführen.

Aber Patton war auch eitel und egoistisch, exzentrisch. Und für seine Eitelkeit, sich selbst für den besten General der Gegenwart zu halten, war er auch bereit, Menschen zu opfern. Er schickte eine Truppe unter Führung von Major Truscott (John Doucette) auf dem Weg nach Messina in eine opferreiche Schlacht mit den feindlichen Truppen, ein Himmelfahrtskommando, das ihn dann – neben der Misshandlung des „feigen“ Soldaten – vorläufig Schachmatt setzte.

Zudem war Patton, eben weil er Soldat durch und durch war, unpolitisch. Er verachtete die Kommunisten, er liebte Amerika, aber dieser anerzogenen Mentalität stand seine umwerfend undiplomatische Haltung gegenüber. Patton konnte das Maul nicht halten. Ohne Rücksicht auf die Bedingungen und Einschränkungen, diplomatischen Erwägungen im Lager der Anti-Hitler-Koalition schimpfte er öffentlich über sowjetische Führer oder erwähnte die Russen nicht, wenn er öffentlich über die weiteren Aufgaben im Kampf von Briten und Amerikanern im Krieg gegen Hitler sprach. Es war ihm egal. Patton liess sich den Mund nur äusserst ungern und wenn, dann nur für kurze Zeit, verbieten.

Und so, wie er zu Anfang des Films als einsamer Heerführer da steht, geht er nach dem Sieg über Hitler-Deutschland am Schluss mit seinem Hund spazieren: einsam. Der Ruhm verblasst schnell, wenn die Schlachten geschlagen waren: dass wusste Patton.

Schaffners „Patton“ ist ein äusserst gelungenes Beispiel für eine filmische Biografie. Trotz seiner Länge wird dieser Film nie langweilig. „Patton“ ist ein Kriegsfilm, aber in ihm geht es nicht um Legitimation oder Glorifizierung, Ächtung oder Verurteilung des Krieges, sondern um eine möglichst intensive Annäherung an eine umstrittene Person, von der alle möglichen Facetten gezeigt werden. Der Krieg ist „nur“ die Umgebung, in der diese biografische Skizze angesiedelt ist. Was der Zuschauer damit diese visuellen Biografie anfängt, ist eine ganz andere Frage, seine Sache, eine Frage der Diskussion, auch der Empfindung. „Patton“ ist kein Lehrstück, im Gegenteil. Wenn überhaupt lehrt es davon, dass man bei der Beurteilung eines Menschen differenzieren sollte.

Ich muss gestehen, dass – neben aller Kritik an der Person des Generals und abseits allen Kriegsgeschehens – mir eine Eigenschaft Pattons besonders imponiert hat: Er war alles mögliche, nur kein durchtriebener Feigling, kein hämischer Intrigant, kein skrupelloser Taktiker.

Ulrich Behrens

(1) Country Joe and the Fish: “I-Feel-Like-I'm-Fixin'-To-Die”, u.a. 1969 in Woodstock

Patton – Rebell in Uniform

USA

1970

-

170 min.

Regie: Franklin J. Schaffner

Drehbuch: Francis Ford Coppola, Edmund H. North

Darsteller: George C. Scott, Karl Malden, Michael Bates

Produktion: Frank Caffey, Frank McCarthy

Musik: Jerry Goldsmith

Kamera: Fred J. Koenekamp

Schnitt: Hugh S. Fowler

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