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Papillon Freiheit, Anpassung, Rebellion

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Ein Mörder und ein Betrüger werden zu langen Haftstrafen in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts in Frankreich verurteilt und nach Französisch-Guyana deportiert.

Das Straflager St.
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Bild: Das Straflager St. Laurent auf Französisch-Guyana, 1954. / John Hill (CC BY-SA 3.0 cropped)

24. Juli 2021
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Der Mörder, Henri Charrière, den alle Papillon nennen, also Schmetterling – und ein solcher ist ihm auch auf die Brust tätowiert worden –, ist kein Mörder. Er war Safeknacker und wurde zu Unrecht des Mordes an einem Zuhälter beschuldigt. Der Betrüger, ein Fälscher, wurde zu Recht verurteilt, hofft aber, dass seine Frau und sein Anwalt ihn mit seinem Geld nach wenigen Monaten wieder freikaufen werden.

So beginnt die Geschichte zweier Männer, von denen der eine, Papillon (Steve McQueen), wirklich in den 30er und 40er Jahren in Französisch-Guyana eingesperrt war, während der andere, Louis Dega (Dustin Hoffman), wahrscheinlich eine fiktive Person ist, die Charrière (1906-1973) nur in seinen autobiografischen Roman eingeführt hatte. Wahr aber ist, dass Charrière die Flucht von der Teufelsinsel vor Guyana gelungen war und er den Rest seines Lebens in Freiheit verbringen konnte.

Franklin J. Schaffner, der u.a. „Patton – Rebell in Uniform“ (1970) und „Planet der Affen“ (1968) drehte, inszenierte mit „Papillon“ keinen gängigen Gefängnis-Film, obwohl der Streifen alle Elemente dieses Sub-Genres enthält: Ankunft und Eingewöhnung in der Strafkolonie, brutale Haftbedingungen, Einzelhaft und ihre Folgen, Fluchtpläne, Flucht und so weiter. „Papillon“ weitet den Blick für das, was man mit der abgedroschenen Phrase „unbändiger Drang nach Freiheit“ nur allzu unzureichend ausdrücken kann und doch genau diesen Drang meint, der in Papillon nicht unterzukriegen ist.

Einerseits in der Gegenüberstellung so unterschiedlicher Charaktere wie Papillon und Dega, andererseits in der Widersprüchlichkeit von sonnenüberfluteter lateinamerikanischer Atmosphäre, Landschaft und vor allem der scheinbaren räumlichen und zeitlichen Endlosigkeit des Meeres hier, der erzwungenen Begrenztheit und der Dunkelheit und enervierenden Abgeschiedenheit der Einzelhaft dort entfaltet sich ein Raum, der für den Betrachter fast ebenso Unerträgliches enthält wie die Jahre in Haft für Papillon, der die ganzen Jahre nur einen Gedanken hat: Flucht. Flucht aber nicht nur als Entkommen von etwas, sondern vor allem als Weg zu etwas.

Das Straflagersystem in Französisch-Guayana besteht vor allem aus drei Elementen. Einem riesigen Gefängnissystem, einem Arbeitslager und einer kleinen Insel, der Teufelsinsel, die nur Steilküsten kennt und von der ein Entkommen so gut wie unmöglich erscheint. Dort leben die „privilegierten“ Gefangenen unter freiem Himmel in kleinen Häuschen, bauen Gemüse an, halten sich Schweine und Ziegen, leben also „begrenzt frei“ – ohne Möglichkeit dieser Begrenztheit je zu entkommen.

Papillon und Dega schliessen einen Kompromiss: Dega finanziert die notwendigen Mittel für Papillons Fluchtvorbereitungen, Papillon bietet dem eher schmächtigen und kurzsichtigen Dega Schutz vor Übergriffen anderer Gefangener – eine „Vernunftehe“. Am Ziel ihrer Reise angekommen, wird ihnen und den anderen neuen Häftlingen von seiten des Gefängnisdirektors ohne Umschweife verdeutlicht, was sie bei Disziplinverstössen erwartet: von zwei Jahren Einzelhaft bis zur Guillotine, die drohend in der Mitte des fussballfeldgrossen Gefängnishofes über alles hinauszuragen scheint, ist alles möglich. Und Zwangsarbeit im Dschungel, in dem die Malaria haust. 40% der Gefangenen sterben hier pro Jahr, vor allem an Malaria. Hier scheitert der erste Fluchtversuch Papillons, der einen ins Lager gekommenen Schmetterlingshändler bestechen wollte, ihm ein Boot zu besorgen, dann aber Dega vor dem brutalen Übergriff eines Wärters schützen muss. Zwei Jahre Einzelhaft – in Zellen die ringsherum abgeschlossen, aber nach oben offen und nur durch ein Gitter abgeschirmt sind. Von dort oben beobachten Wärter die Gefangenen, deren Zellen gerade mal fünf Schritt breit sind.

Als Dega Papillon heimlich eine halbe Kokosnuss zukommen lässt, dies aber entdeckt wird, schickt man Papillon bei halber Essensration in eine abgedunkelte Zelle, weil er Dega nicht verrät, was man von ihm verlangt. Schaben werden seine zusätzliche Mahlzeit. Kein normaler Mensch könnte diese Bedingungen überleben. Der Gefängnisdirektor (William Smithers) sagt ihm dies auf den Kopf zu. Papillon magert ab, wird fast verrückt, aber er überlebt. Warum hat er Dega nicht verraten, schliesslich hatte er ihn nicht um die Kokosnuss gebeten? Er braucht Dega. Dega ist seine einzige Chance für eine spätere Flucht.

In der Krankenabteilung, in die man Papillon nach der Entlassung aus der Einzelhaft schickt, lernt er den jungen Maturette (Robert Deman) kennen. Mit ihm, Dega und Clusiot (Woodrow Parfrey) gelingt eines Tages der Ausbruch aus dem Gefängnis und die Flucht mit einem Boot Richtung Honduras.

Doch dies ist nicht das Ende der Geschichte. Es folgen weitere Jahre in Französisch-Guayana und neue Fluchtpläne.

Im Zentrum des Films steht die jahrelange Beziehung zwischen Papillon und Dega und ihre langsame Annäherung bis hin zu einer unausgesprochenen, aber tiefen Freundschaft unter aussergewöhnlichen Bedingungen. Dega ist ein Mann von hoher Intelligenz, doch die Nachricht, dass seine Frau seinen Anwalt geheiratet hat, bricht Dega letztendlich den Willen, an Flucht überhaupt noch zu denken. Dega richtet sich ein. Papillon hat nichts zu verlieren. Konvention und Rebellion stehen sich gegenüber, aber bis zum Schluss halten die beiden – trotz jahrelangen Getrenntseins – wie Pech und Schwefel zusammen. Sie verstehen sich gegenseitig auf eine unübliche Art und Weise, ohne viel Worte, und in dem Bewusstsein, dass sich ihre Wege irgendwann endgültig trennen (müssen).

Steve McQueen und Dustin Hoffman sind in Glanzrollen zu sehen. Hoffman spielt einen äusserlich zurückhaltenden, fast scheu wirkenden Dega, dessen Einfälle allerdings von anderem als Zurückhaltung zeugen, der gleichzeitig jedoch aus körperlicher Unterlegenheit auf den Schutz durch Papillon angewiesen scheint. Erst später merkt er, dass er diesen Schutz nicht braucht. Auch McQueen spielt Charrière eher zurückhaltend, fast minimalistisch, aber so ist eigentlich der ganze Film angelegt und unterscheidet ihn aus diesem Grund von gängigen Gefängnisrevolte-Filmen.

Obwohl wir wenig, eigentlich nichts über Dega und Papillon erfahren, über ihr früheres Leben, ihre sozialen Beziehungen usw., werden beide in gewisser Hinsicht zu Helden. Denn obwohl Charrière die Flucht letztendlich gelingt, während Dega auf der Teufelsinsel bleibt, repräsentieren doch beide jeweils ihre Art von Freiheitsdrang und Leben in Freiheit. Dies mag paradox klingen. Aber Papillons Flucht und sein Leben in Freiheit bis zu seinem Tod 1973 – just in dem Jahr, in dem dieser Film entstand –, ist nur eine mögliche Art, frei zu sein. Dega hat einen inneren Weg gefunden, auf der Insel in seinem Häuschen frei zu leben, trotz der äusserlich widrigen und erzwungenen Umstände. Diese sich aus der Geschichte ergebenden konkreten Perspektiven haben wohl auch – so vermute ich einmal – Charrière dazu veranlasst, die Person Degas in seinen autobiographischen Roman aufzunehmen. Und diese Gegenüberstellung, nicht Konfrontation zweier Perspektiven macht auch den Film zu einem wahren Erlebnis.

Ulrich Behrens

Papillon

USA

1973

-

144 min.

Regie: Franklin J. Schaffner

Drehbuch: Dalton Trumbo, Lorenzo Semple Jr. nach dem autobiografischen Roman von Henri Charrière

Darsteller: Steve McQueen, Dustin Hoffman, Victor Jory

Produktion: Robert Dorfmann, Franklin J. Schaffner für Allied Artists

Musik: Jerry Goldsmith

Kamera: Fred J. Koenekamp

Schnitt: Robert Swink

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