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Die süsse Gier – Il Capitale Umano | Untergrund-Blättle

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Die spannende Auseinandersetzung mit der menschlichen Gier Die süsse Gier – Il Capitale Umano

Kultur

Sind wir nicht alle ein bisschen gierig? Der italienische Film zeigt, wie schnell Menschen den Verlockungen grossen Reichtums erliegen, ohne sie jedoch zu degradieren.

Der italienische Filmregisseur Paolo Virzì.
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Der italienische Filmregisseur Paolo Virzì. Foto: Lucarelli (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

19. März 2015
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Als reinrassige Gesellschaftskritik taugt „Die süsse Gier“ zwar nur zum Teil, dafür schwankt sie zu unentschlossen zwischen Drama, Komödie und Krimi hin und her. Unterhaltsam, spannend und famos gespielt ist die Genremischung aber ohne Zweifel.

Wären Massimiliano Bernaschi (Guglielmo Pinelli) und Serena Ossola (Matilde Gioli) nicht ein Paar, ihre jeweiligen Familien wären sich wohl nie begegnet. Warum auch? Während Giovanni (Fabrizio Gifuni) und Carla Bernaschi (Valeria Bruni Tedeschi) ein Luxusleben führen, müssen sich der Immobilienmakler Dino Ossola (Fabrizio Bentivoglio) und seine Frau Roberta (Valeria Golino) mit deutlich weniger zufrieden geben. Als Dino mitbekommt, wie wohlhabend die potenziellen Schwiegereltern seiner Tochter sind, möchte er auch ein Stück von dem Kuchen abbekommen und steigt deshalb in Giovannis Hedgefonds ein – mit fatalem Ergebnis. Und das ist nicht der einzige Schatten, der über den Familien liegt, denn bei einem Autounfall kam ein Radfahrer ums Leben. Und klar ist, die beiden Kinder haben irgendwas damit zu tun.

Auch wenn die literarische Vorlage von Die süsse Gier – „Human Capital“ von Stephen Amidon – schon 2004 erschien, grössere Bekanntheit erlangte sie erst einige Jahre später in Folge der Banken- und Finanzkrise, in der viele Menschen ihr Hab und Gut verloren. Der Verdacht lag daher nahe, dass der Film aus Italien, welches sich bis heute nicht so recht von der Krise berappelt hat, vor allem die gierigen Strippenzieher anprangern will. Das tut er auch, aber eben nicht nur. Sicher entspricht Fondsmanager Massimiliano unserem Bild des vielzitierten Finanzhais: aalglatt, rücksichtlos, gefährlich. Doch steht ihm hier Dino gegenüber, der ebenfalls nicht unbedingt einen Sympathiewettbewerb gewinnen würde. Wenn er sich in seiner Sehnsucht nach Reichtum selbst über andere erhebt, das Schicksal anderer ihm herzlich egal ist, fällt es schwer, mit ihm Mitleid zu empfinden.

Regisseur und Koautor Paolo Virzì gelingt dennoch das Kunststück, seine Figuren nicht zu verabscheuungswürdigen Schiessbudenfiguren zu degradieren, sondern bei aller Kritik auch menschlich erscheinen zu lassen. Verzaubert von der glitzernden Fassade der Bernaschis, wer kann es Dino da verdenken, dass er gerne selbst dazugehören würde? Dass er von einem schicken Haus träumt, mit Schwimmbad und Tennisclub? Davon, in der oberen Gesellschaft ein und auszugehen? Die Gier, so zeigt es der Film, ist eben kein Privileg der vielgescholtenen Manager und Bankiers, sondern fast schon erschreckend fest mit der menschlichen Natur verbunden. Ob es nun Geld ist, Antiquitäten oder auch Sex und Anerkennung, sogar Konzepte wie Gerechtigkeit, in Die süsse Gier setzt sich fast jeder über Grenzen hinweg, nimmt sich, was er kriegen kann, wenn es die Situation erlaubt. Oder manchmal auch erfordert.

Denn es auch zeichnet den Film aus, so manche Verhaltensweise erschliesst sich erst mit der Zeit. In drei Kapitel ist Die süsse Gier unterteilt, jede ist einer bestimmten Hauptfigur gewidmet, sie alle erzählen im Grunde die gleiche Geschichte – nur aus einem anderen Blickwinkel. Manche Szenen sehen wir daher doppelt oder dreifach, erfahren wir erst durch alle drei Kapitel, was diese zu bedeuten haben. In den Momenten, wenn wir wieder ein fehlendes Puzzleteil vor uns sehen, ist die italienische Produktion einem Krimi schon richtig nahe. Ganz dort ankommen will sie aber nicht, so wie sich insgesamt davor scheut, sich auf ein Genre festzulegen. Am ehesten würde noch die Dramaschublade passen, denn traurige Geschichten gibt es hier mehr als zuhauf: Virzì erzählt von Schicksalsschlägen, Misshandlung, Vernachlässigung, von Aussenseitern und gescheiterten Existenzen. Doch immer wieder wird die Trübsal von komischen, geradezu satirischen Momenten unterbrochen.

Wenn man nach Kritikpunkten suchen will, das wäre vielleicht dann auch einer: Die süsse Gier scheint sich nie so recht entscheiden zu können, was sie denn nun sein will. Die bewegenden Momente werden von absurden konterkariert, das glaubwürdige Porträt der alltäglichen Gier durch die betont kunstvolle Inszenierung wieder angezweifelt. Und wenn man denkt, dass der Film sich in seinem Nihilismus ertränkt, wird auf einmal wieder alles zum Guten gedreht.

Wirklich nachhaltig wirksam ist Die süsse Gier so weniger, was sich anfangs noch nach einem Schlag in die Magengrube anfühlt, ist am Ende dann doch „nur“ Unterhaltung. Aber eine sehr gute, nicht zuletzt aufgrund der famosen Schauspieler, die sich nicht davor fürchten, im moralischen Dreck zu suhlen. Für den Oscar als bester fremdsprachiger Film reichte es zwar nicht – der italienische Beitrag scheiterte schon in der Nominierungsphase – die spannende Auseinandersetzung mit der menschlichen Gier ist aber ein früher Geheimtipp im noch jungen Kinojahr.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Die süsse Gier

Italien, Frankreich

2013

-

111 min.

Regie: Paolo Virzì

Drehbuch: Paolo Virzì, Francesco Bruni, Francesco Piccolo

Darsteller: Valeria Bruni Tedeschi, Fabrizio Bentivoglio, Valeria Golino

Produktion: Marco Cohen, Benedetto Habib, Fabrizio Donvito

Musik: Carlo Virzì

Kamera: Jérôme Alméras, Simon Beaufils

Schnitt: Cecilia Zanuso

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