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Mein Name ist Nobody Sergio Leones Abgesang auf den Western

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„Mein Name ist Nobody“ ist der vorletzte Versuch Leones, seine Position als Regisseur eines speziellen italienischen Westerns zu behaupten. Der Nachfolgefilm „Nobody ist der Grösste“, zwei Jahre später gedreht, war ein finanzielles Desaster, an dem die Kritik nicht viel Gutes liess.

Sergio Leone, 1975.
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Bild: Sergio Leone, 1975. / Unknown author (PD)

30. April 2020

30. 04. 2020

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„Du machst mir Angst, wenn
Du so bedeutsam läufst, Locke.“
(Nobody zu einem glatzköpfigen
Cowboy, der vor Kraft kaum
gehen kann)

„Wenn ich zurückblicke, glaube ich,
dass wir ein Haufen hoffnungsloser
Romantiker waren. Wir glaubten, mit
einer Kanone und einem Showdown
alles lösen zu können. Aber damals
war der Westen noch weites Land.
Niemals begegnete man zweimal
derselben Person. Aber als du kamst,
hatte es sich verändert. Es ist eng
und voll. Ständig läuft man
denselben über den Weg.“
(Beauregard in seinem Brief an Nobody)

Diese beiden Zitate aus dem Film des italienischen Regisseurs Sergio Leone zeigen vielleicht am deutlichsten das Ambiente von „Il mio nome è Nessuno“ – nämlich die Krise eines Mannes, der sein Leben lang in Konkurrenz zum amerikanischen Western-Genre einen eigenen, italienischen, vielleicht auch europäischen, Western begründen und dafür Anerkennung erhalten wollte. Leone selbst, der seinem ehemaligen Regieassistenten Tonino Valerii die Regie des Films übergab, trat in der Öffentlichkeit quasi nur im Hintergrund auf, als die Dreharbeiten begannen, und auch, als der Film in die Kinos kam. Doch seine Handschrift ist deutlich zu erkennen, fast in jeder Szene. Dem genervten Valerii selbst soll er permanent Vorgaben gemacht haben, wie diese oder jene Szene zu drehen sei. Gerade in diesem Punkt ranken sich viele Geheimnisse und Gerüchte um die Rolle Leones bei der Herstellung des Films.

Schon aber die Eingangsszene lässt – in starker Anlehnung an die Anfangssequenz von Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) – seine führende Rolle bezüglich des Stil des Streifens erkennen: Wie in seinem exzellenten Western von 1968 zaubert Leone – ohne Dialoge – eine epische Sequenz, in der drei Ganoven in aller Ruhe einen Barbierladen überfallen und den Barbier und seinen Sohn in eine Kammer sperren. Als Jack Beauregard (Henry Fonda) den Salon betritt und sich rasieren lässt, ahnt man noch nicht, dass der weiss, dass er von einem Gangster rasiert wird und nicht vom Barbier. Er hält dem Unhold den Colt an die Genitalien und lässt sich in aller Ruhe rasieren. Kurz darauf sind die drei Gangster tot. Wie in „Spiel mir das Lied vom Tod“ lässt Leone diese Sequenz in atemberaubender, nervenzerfetzender Länge auf den Zuschauer einwirken. Dazu bei trägt die Akustik: Man hört entweder einen Wecker ticken oder das Geräusch beim Rasieren.

„Mein Name ist Nobody“ ist der vorletzte Versuch Leones, seine Position als Regisseur eines speziellen italienischen Westerns zu behaupten. Der Nachfolgefilm „Nobody ist der Grösste“, zwei Jahre später gedreht, war ein finanzielles Desaster, an dem die Kritik nicht viel Gutes liess. Danach drehte Leone nie wieder einen Western. Und erst neun Jahre später sollte er seinen grossen Traum verwirklichen, den Film „Es war einmal in Amerika“ (1984).

„Mein Name ist Nobody“ ist eine Mischung aus dem, was anfangs von der amerikanischen veröffentlichten Meinung abwertend „Spaghetti-Western“ tituliert wurde, und einer speziellen Komik, die vor allem durch Terence Hill in den Film hineingetragen wurde. Hill spielt einen Namenlosen, von dem keiner weiss, woher er kommt und wohin er gehen wird, einen, der aber sehr genau über bestimmte Dinge Bescheid weiss. Und der weiss, was er will. Er folgt dem intelligenten Helden Jack Beauregard, der plant, den Westen mit einem Schiff Richtung Europa zu verlassen. Wir schreiben das Jahr 1899. Beauregard gehört zur alten Garde der Westernhelden, der mit der neu angebrochenen schnelllebigen Zeit nicht zurecht kommt, der müde und krank geworden ist (seine Augen lassen nach, ein Rückenleiden quält ihn). Seine Kumpane, auch sein skrupelloser Bruder, sind tot. Der letzten grossen Schlacht mit dem korrupten, Gold stehlenden Sullivan (Jean Martin) und der „wilden Horde“, einer Gangstertruppe von 150 Männern, die so viel wert seien wie 1.000 (so Nobody), will er sich nicht mehr stellen.

Nobody hingegen will, dass Beauregard zur Legende wird. Und um zur Legende zu werden, müsse er der „wilden Horde“ entgegentreten. Nachdem Nobody Beauregard vor einer im Körbchen versteckten Bombe gerettet hat, weicht er ihm nicht von der Seite. In einem Show-Duell mit Beauregard rettet er ihn abermals vor einem Mordanschlag. Beauregard wird den zudringlichen Nobody nicht mehr los.

Nobody gelingt es schliesslich, Beauregard an einer Bahnlinie in der Prärie zum last fight mit der wilden Horde zu stellen, während Nobody selbst inzwischen einen Zug mit Gold gestohlen hat. Nach getaner Arbeit muss die Legende nun endlich lebendig werden. Wie? Nun, eine Legende lebt nur, wenn ihr Träger tot ist – oder zumindest alle an seinen Tod glauben. In einem von beiden inszenierten Duell „erschiesst“ Nobody Beauregard zum Schein, der kurz darauf endlich auf das Schiff nach Europa gehen kann, während Nobody gleichzeitig zum neuen Helden einer neuen Zeit aufgestiegen ist.

Diese Geschichte um zwei Helden, den der alten und den der neuen Zeit, spicken Valerii und Leone mit allerlei Situationskomik, vor allem aber komischen Szenen, die mit dem Verlauf der Geschichte eigentlich nichts zu tun haben und deutlich dem Stil jener „Spaghetti-Western“ huldigen, in denen Terence Hill (vor allem mit Bud Spencer) kurz zuvor Erfolge feierte, etwa Enzo Barbonis „Vier Fäuste und ein Halleluja“ (1972) und „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ (1971). Eine dieser Szenen zeigt dies besonders deutlich: Nobody nimmt in einem Saloon an einem Spiel teil, bei dem er vier verschieden grosse Gläser mit Whiskey nacheinander leer trinken und die leeren Gläser dann hinter sich werfen und in der Luft mit dem Colt treffen muss. Danach legt sich ein glatzköpfiger Cowboy mit ihm an – und es kommt zu der berühmten „Abklatsch-Nummer“: Nobody zieht abwechselnd die Colts seines Gegenüber und verpasst ihm etliche Ohrfeigen – alles rasend schnell.

In einer anderen Szene steht Nobody in einem öffentlichen Pissoir einem Mann gegenüber, der „nicht kann“; er bringt ihn dazu „zu können.“ Auch eine Szene mit Beauregard am Billardtisch, in der Nobody seinem Helden die Geschichte vom Vögelchen erzählt, das aus dem Nest gefallen ist, von einer Kuh aus Mitleid durch deren Fladen warm gehalten und danach von einem Kojoten gefressen wird, gehört zu den Zwischenspielen, die ihre Herkunft kaum verheimlichen können.

Auffällig ist, dass die Mischung aus Leones eigenem Stil, den er in „Spiel mir das Lied vom Tod“ so exzellent ausbreiten konnte, und den typischen Komik-Elementen anderer „Spaghetti-Western“ (z.B. Barbonis) über weite Strecken des Films durchaus gelungen ist. Leone hatte Terence Hill in „Vier Fäuste und ein Halleluja“ gesehen und setzte alles daran, Hill für die Rolle des Nobody zu bekommen – angeblich auch, um sich an Barboni, der zumindest beim Publikum Erfolg mit seinen Hill-Spencer-Filmen hatte, zu rächen. Für die Eifersucht und gekränkte Eitelkeit Leones spricht auch eine andere Szene auf einem Friedhof, in der Leone auf einen Grabstein den Namen Sam Peckinpah schreiben liess. Peckinpah hatte es zuvor abgelehnt, mit Leone zusammenzuarbeiten. Und der Name „wilde Horde“ ist direkt dem Titel eines Films Peckinpahs „The Wild Bunch“ (1969) entlehnt. Dass die „wilde Horde“ später dran glauben muss, war sicher direkt auf Peckinpah gemünzt.

Andererseits nahm er auf andere Regisseure im Film positiv Bezug, etwa in einer Szene in einem Spiegelzelt auf einem Jahrmarkt, die Bezug nimmt auf den Orson-Welles-Film „The Lady from Shanghai“ (1947).

Der Film lebt aber auch von den unterschiedlichen Charakteren Henry Fonda und Terence Hill. Während Fonda den letztlich ehrbaren Helden alter Schule verkörpert, spielt Hill den überlegenen, jeder Situation gewachsenen, komischen neuen Helden, der Beauregard immer einen Schritt voraus ist.

So wurde „Mein Name ist Nobody“ Leones vorletzter Erfolg, vielleicht auch deshalb, weil der Regisseur die Geschichte als eine Krise des Westerns bzw. seines eigenen Engagements für einen italienischen Western auslegte. Der am Schluss des Films von Henry Fonda vorgetragene Brief Beauregards an Nobody verdeutlicht dies. Henry Fonda hatte sich übrigens – nach seiner Rolle in „Spiel mir das Lied vom Tod“ – noch einmal von Leone engagieren lassen – das letzte Mal.

Erwähnt werden muss schliesslich die Musik Ennio Morricones. Schon die Titelmelodie, getragen von der Querflöte, in einem jungenhaften Stil komponiert, passt zu dem Ambiente des Films hervorragend. Andere Teile der Musik wurden mit Passagen aus der berühmten Musik zu „Spiel mir das Lied vom Tod“ gespickt. In einer Szene mit Fonda (am Bahngleis in Erwartung der „wilden Horde“) trägt in der Musik deutliche Züge von Sinatras „My Way“. Und die „Wild Bunch“-Szenen untermalte Morricone u.a. mit Themen aus der Musik Richard Wagners.

Auf der am 15.8.2005 erschienenen „Nobody Box“, die beide Filme sowie zwei Bonus-DVDs enthält, befinden sich übrigens zwei interessante Extras: eine 73 Minuten lange Dokumentation von Torsten Kaiser unter dem Titel „Mein Name ist Nobody – Leones Grabgesang auf den Western der alten Generation“, die interessantes Hintergrundmaterial zu dem Film und zu Leone liefert, sowie eine 63 Minuten lange Dokumentation „Nobody ‚Dusted’. Der Film vor und nach der Restauration“, in der am Beispiel des Films die technische Entwicklung vom 8-mm-Film über VHS und Laser-Disc bis zur DVD geschildert wird. Der Film wurde für die DVD aufwendig restauriert (erstmals durch Transfer in High Definition 24psf 1080 von einem hervorragenden 35-mm-Technicolor-Negativ inklusive vollständigen Abspanns und fehlender Sequenzen).

Ulrich Behrens

Mein Name ist Nobody

Italien

1973

-

116 min.



Regie: Tonino Valerii

Drehbuch: Sergio Leone, Fulvio Morsella, Ernesto Gastaldi

Darsteller: Terence Hill, Henry Fonda, Jean Martin

Produktion: Claudio Mancini, Fulvio Morsella

Musik: Ennio Morricone, Alessandro Alessandroni

Kamera: Armando Nannuzzi, Giuseppe Ruzzolini

Schnitt: Nino Baragli

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