UB-LogoOnline MagazinUntergrund-Blättle

Marriage Story | Untergrund-Blättle

5836

kultur

ub_article

Kultur

Marriage Story Die hässlichen Folgen einer Trennung

Kultur

Die Hoffnungen waren gross, das Ergebnis ist noch grösser: „Marriage Story“ ist ein fantastisches Scheidungsdrama über ein Paar, dessen Trennung zunehmend eskaliert und hässliche Seiten offenbart.

Scarlett Johansson spielt in dem Scheidungsdrama die Rolle der Nicole.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Scarlett Johansson spielt in dem Scheidungsdrama die Rolle der Nicole. / Gage Skidmore (CC BY-SA 2.0 cropped)

28. Dezember 2019

28. 12. 2019

0
0
5 min.
Korrektur
Drucken
Die Geschichte ist dabei sehr persönlich, getragen von einem grossartigen Ensemble, das aber so viel Universelles über Beziehungen und ein familienfeindliches Familienrecht zu erzählen hat, dass man sich ohne Probleme darin wiederfindet und im Anschluss viele eigene Wunden zu versorgen hat.

Sie passten perfekt zusammen, waren das Traumpaar der New Yorker Theaterszene. Doch schon seit Längerem läuft es nicht mehr gut zwischen dem Regisseur Charlie (Adam Driver) und Schauspielerin Nicole (Scarlett Johansson). Vor allem Nicole ist das alles leid, will lieber zurück nach Los Angeles, wo auch ihre Familie lebt und wo eine Karriere im Fernsehen auf sie wartet. Sie ist es dann auch, die letztendlich die Scheidung beschliesst, weil sie keine Perspektive mehr sieht – zum Schock von Charlie. Schlimmer noch als das Ende der Ehe ist aber der Streit, wer sich um den gemeinsamen Sohn Henry (Azhy Robertson) kümmern darf. Der anfängliche Willen, möglichst friedlich die Trennung hinter sich zu bringen, macht bald einem erbitterten Streit Platz – besonders als die Anwälte ins Spiel kommen …

Mit dem Start der Festivalsaison haut Netflix immer die Titel heraus, bei denen der Streamingdienst Hoffnungen auf die einige Wochen später folgenden Filmpreise hegt. Bei den 2019er Titeln haben sich dabei inzwischen einige Favoriten herauskristallisiert. Während Die Geldwäscherei und The King trotz Staraufgebots keine Rolle spielen dürften, stehen die Chancen bei The Irishman und Die zwei Päpste schon besser. Ersterer dürfte vor allem als Film ein paar Nominierungen abräumen, bei Letzterem sind es die beiden grandiosen Schauspieler, die berücksichtigt werden könnten. Doch der wohl wichtigste Titel ist einer, der – im Gegensatz zu den vier obigen Kollegen – keine bekannte Vorlage hat, sondern sich einem ganz und gar alltäglichen Thema zuwendet.

Die hässlichen Folgen einer Trennung

Schön ist das Thema jedoch kaum. Auch wenn Marriage Story das aufgrund seines Titels erwarten lässt und mit einer Reihe wunderschöner Liebeserklärungen beginnt: Der Film handelt nicht von dem romantischen Höhepunkt einer Beziehung, sondern den Kämpfen danach. Wenn wir erfahren, weshalb Charlie und Nicole so grosse Gefühle füreinander haben, sind diese längst vorbei, der Versuch die Ehe noch zu kitten gescheitert. Regisseur und Drehbuchautor Noah Baumbach (Mistress America) nutzt seinen neuen Film, um eigene Erfahrungen aus einem Scheidungsprozess zu verarbeiten, ergänzt um Erlebnisse seiner Eltern und seines sonstigen Umfelds. Das Ziel: aufzeigen, was es mit den Menschen macht, wenn sie sich trennen.

Dabei sind es zwei Punkte, welche Marriage Story so tragisch machen. Zum einen sind Charlie und Nicole anfangs fest entschlossen, die Trennung so einvernehmlich wie möglich zu machen. Warum sollten sie sich auch streiten? Dafür ist ihr Verhältnis zu gut. Doch ab dem Zeitpunkt, als Anwälte und gesetzliche Bestimmungen mitspielen, ist hierfür kein Platz mehr. Nicht das Wohl des sich trennenden Paares steht im Mittelpunkt der Diskussionen, auch nicht das des Sohnes, selbst wenn beide Seiten das für sich in Anspruch nehmen. Das System des Familienrechts teilt sich in Gewinner und Verlierer. Und um die festzustellen, wird mit harten Bandagen gekämpft. Die Anwälte stacheln dazu ohne grosse Scheu an. Erschreckender noch ist, wie sehr Charlie und Nicole sich davon anstecken lassen. Höhepunkt ist eine eskalierende Auseinandersetzung, die so schmerzhaft ist, dass man selbst als unbeteiligter Zuschauer im Anschluss viel Zeit braucht, um die Wunden zu versorgen.

Der Schmerz der Liebe

Der zweite tragische Punkt: Die beiden sind eigentlich keine Feinde, hassen nicht einander. In vielen Szenen wird deutlich, wie gross die Gefühle noch füreinander sind. Kleine Momente der Zärtlichkeit, die einen hoffen lassen, dass vielleicht doch wieder alles gut wird. Doch Marriage Story ist eben keine der üblichen Hollywood-Romanzen, wo am Ende alle in den Sternen tanzen. Stattdessen zieht einen der Film immer wieder in den Abgrund, lässt enttäuschte Hoffnungen und nie offen angesprochene Konflikte zu einer hässlichen Bestie heranwachsen, die keiner mehr einfangen kann. Dabei lässt einem Baumbach zwischendurch immer wieder etwas Raum zum Luftholen, baut überraschend heitere Momente ein. Die gehen meist aufs Konto der skurrileren Nebenfiguren. Aber auch Charlie wird ein einschneidendes Erlebnis haben, das für ein befreiendes Lachen gut ist.

Adam Driver (BlacKkKlansman) sind diverse Schauspiel-Nominierungen für diese und zahlreiche andere grossartige Momente nicht mehr zu nehmen. Aber auch Scarlett Johansson, zuletzt eher wegen des Whitewashing-Vorwurfs zu Ghost in the Shell oder als Black Widow in den Schlagzeilen, darf hier zum ersten Mal seit gefühlten Ewigkeiten beweisen, dass sie tatsächlich eine talentierte Schauspielerin ist. Ein ebenso hervorragendes Ensemble, darunter Laura Dern als manipulative Promi-Anwältin, runden den Film ab, der nicht nur zum besten gehört, was Netflix bislang produziert hat. Das fantastische Scheidungsdrama ist völlig losgelöst von der Plattform eines der stärksten Werke, die 2019 gesehen hat. Es muss sich dabei nicht einmal vor dem naheliegenden Vergleich mit dem Klassiker Kramer gegen Kramer fürchten: Marriage Story ist wunderschön und tieftraurig, menschlich und absurd, findet in kleinen Details eine grosse Geschichte, die nahegeht und dabei einiges über Geschlechterrollen zu erzählen hat.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Marriage Story

USA

2019

-

136 min.



Regie: Noah Baumbach

Drehbuch: Noah Baumbach

Darsteller: Adam Driver, Scarlett Johansson, Laura Dern

Produktion: David Heyman, Noah Baumbach

Kamera: Robbie Ryan

Schnitt: Jennifer Lame

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Der deiutsche Regisseur Florian Gaag im Lycée Sévigné von CharlevilleMézières.
Rezension zum Film von Florian GaagLenaLove

28.09.2016

- Mobbing unter Jugendlichen im Alter des Internets, das hätte leicht zu einer Moralstunde werden können, ist bei „LenaLove“ aber eine beunruhigende Mischung aus Jugenddrama und Psychothriller, das von einer engagierten Hauptdarstellerin und der audiovisuellen Umsetzung lebt.

mehr...
Durham, North Carolina.
Rezension zum Film von Ramin Bahrani99 Homes

03.04.2018

- „99 Homes“ zeigt nüchtern, gerade dadurch aber auch mit gehöriger Wucht, wie Menschen aufgrund der Krise und rücksichtloser Geldmacher ihr Zuhause verlieren.

mehr...
Der polnische Filmregisseur Andrzej Zulawski mit Sophie Marceau am Filmfestival von Cabourg im Jahr 1988.
Rezension zum Film von Andrzej ZulawskiPossession

12.10.2015

- Handlung, Dialoge, Darstellungen – nichts davon kann hier im herkömmlichen Sinn überzeugen. Doch „Possession“ von dem polnischen Filmregisseur Andrzej Zulawski ist eben auch kein normaler Film, sondern eine rätselhaft-surreale Mischung aus Psychodrama und Okkulthorror, die ebenso anstrengend wie faszinierend ist. Als Andrzej Zulawski 1981 sein Possession auf die Menschheit los liess, waren die Reaktionen verhalten, oft sogar ausgesprochen negativ.

mehr...
Interview mit Arty Chock zu ’Money Talks’ am HLT Marburg

27.03.2013 - Die Performancegruppe Arty Chock inszeniert in Marburg ein Stück im öffentlichen Raum: ’“Money Talks” ist eine Tour durch Marburg im Stil des ...

Interview zu antirassistischem Momentum von #BlackLivesMatter mit Adam Baher

12.06.2020 - Black Lives Matter: Wie halten wir den antirassistischen Diskurs aufrecht? Wir sprechen mit dem Antira- und Postkolonial-Trainer & Aktivisten Adam ...

Dossier: Klimawandel
Klimawandel
Propaganda

Aktueller Termin in Berlin

Küfa

Ab 19 Uhr abhängen vorm Laden und ab 20Uhr lecker Langos Küfa

Sonntag, 12. Juli 2020 - 19:00

Fischladen, Rigaerstr. 83, 10247 Berlin

Event in Berlin

VolxKüche To Go…

Sonntag, 12. Juli 2020
- 15:00 -

Zielona Góra

Grünberger Str. 73

10245 Berlin

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle