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Made to Measure Die Doppelgängerin

Kultur

Das Doku-Projekt „Made to Measure“ will untersuchen, ob man das Leben eines Menschen anhand seiner Google-Daten nachspielen kann.

Big Data Blur.
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Bild: Big Data Blur. / Pixabay (PD)

1. September 2021
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Das Experiment zeigt, wie wenig wir inzwischen noch überblicken, was Konzerne aus unseren Datenspuren alles herauslesen können.

Am Anfang war ein Versprechen: „Du gibst uns deine Daten und wir sagen dir, wer du wirklich bist.“ Mit diesem Versprechen haben Hans Block, Cosima Terrasse und Moritz Riesewieck im Sommer 2020 auf Facebook nach Menschen gesucht, die ihnen ihre Daten überreichen würden. Daten, die in der EU nach geltender Rechtslage jede und jeder bei Unternehmen wie Facebook oder Google einfordern kann.

Mehr als Hundert Menschen sind ihrem Aufruf gefolgt und haben ihnen Datensätze geschickt. Darin: Suchanfragen aus den vergangenen Jahren, die tief blicken lassen, aber auch Metadaten: Von wo aus haben sie gesucht, um welche Uhrzeit, wie oft? Auch Spuren aus Apps und von Webseiten, auf denen Google sie getrackt hat.

Terrasse, Riesewieck und Block kommen eigentlich vom Theater. Unter dem Namen Gruppe Laokoon arbeiten sie aber im Grunde investigativ. Und diesmal wollten sie untersuchen, ob es stimmt, was Studien in den vergangenen Jahren immer wieder behaupteten: dass sich anhand dieser Datenspuren mehr und Genaueres über die Ängste, Schwächen und Sehnsüchte eines Menschen erfahren lässt, als Partnerinnen oder Freunde über ihn je sagen könnten. Würden Sie es schaffen, mit Hilfe der Datenmuster einen Doppelgänger zu bauen, „der mehr über sich weiss als das Original“?

Datendrehbuch als Thriller

Das Ergebnis dieses Experimentes ist seit diesem Sonntag auf einer Webseite zu sehen und parallel als 45-minütiger Dokumentarfilm „Made to Measure“ in der ARD-Mediathek. Es ist ein beeindruckendes Zeugnis, selbst für Menschen, die sich vermeintlich lang und abgeklärt mit Themen wie Datenhandel, Profilerstellung und Microtargetting beschäftigt haben. Wie ein Thriller wird man hineingezogen in das Leben der Protagonistin, die sich erst nach und nach aus dem Drehbuch der Daten abzeichnet, erst nur eine Silhouette, dann immer deutlicher. „Nach Bremsbelegen gesucht“, „nach Kondomen gesucht“, „nach Lidschattenpalette für blaue Augen gesucht“.

Vor drei Jahren hatten Gruppe Laokoon mit ihrem Debutfilm „The Cleaners“ auf Filmfestivals einen grossen Auftritt, darin ging es um Löscharbeiter*innen auf den Philippinen, die die Drecksarbeit für Facebook erledigten.

Ähnlich aufwändig ist ihr neues Mammut-Projekt „Made To Measure“. Denn die Regisseur*innen nehmen die Sache mit dem Drehbuch der Google-Daten ernst. Sie casten eine Schauspielerin, die junge Österreicherin Nathalie Köbli. Sie soll sich mit Hilfe der Daten so tief wie möglich in die unbekannte Protagonistin einfinden, versuchen ihr innerlich wie äusserlich denkbar nah zu kommen. Welche Frisur hat sie, wie gross und schwer ist sie?

All das lässt sich erahnen anhand der mehr als Hunderttausend Datenpunkte, die Google über einen Zeitraum von fünf Jahren über diesen Menschen gesammelt hat. Die Protagonistin arbeitet zu Beginn offenbar als Pâtissier in einem Londoner Sterne-Restaurant. Vor Sonnenaufgang googelt sie schon: „Rezept für Pistaziencreme“, „Anleitung Eis-Nocken abstechen“. Kulissen werden nachgebaut, Szenen in der Küche und in ihrer Wohnung nachgespielt – der genaue Standort und die Fassade dank Google leicht auszumachen -, alte Beziehungen, in denen sie gesteckt haben könnte, wiederbelebt. Ängste, Süchte, Katastrophen

Das ist mal zum Schreien komisch, etwa wenn die Unbekannte nachts einem Gekko hinterher googelt, der sich offenbar in ihr Zimmer verirrt hat. Beisst er, ist er giftig? An anderen Stellen wird es beängstigend. Ängste, Süchte, persönliche Katastrophen und Verletzungen treten in den Suchanfragen so offen zur Schau, dass es in einem Moment selbst der Schauspielerin zu viel wird und die Tränen rollen. Um dieses Drama in all seinen Facetten aufzunehmen, empfiehlt es sich, die Webseite zu erforschen. Sie erzählt die Geschichte zwar ebenso linear wie der Film, bietet aber mehr Details und vor allem lässt sie die Zuschauer*innen selbst in den Datenpunkten suchen.

Im Hinterkopf bei all dem: Der ungute Gedanken, was Unternehmen, die mit Hilfe dieser Daten Geld verdienen, alles über uns wissen, wie sie diese Schwächen gegen uns wenden und ausnutzen können, um Essgestörten Diätprodukte unterzujubeln, ungewollt Kinderlosen Werbung für Fruchtbarkeitsmittel zu zeigen oder das Verhalten von Menschen auf andere Arten zu manipulieren. Als Überbringerinnen dieser unguten Gedanken kommen zwischendurch immer wieder auch Datenschutz-Expert*innen zu Wort, darunter etwa Frederike Kaltheuner.

Das grosse Finale des Experimentes wird die Begegnung von Doppelgängerin und Original. Die Anspannung aller Beteiligten in diesem Moment ist geradezu elektrisch. Und ohne zu viel zu verraten: Es wird gelacht, geweint und umarmt. Am Ende wird immer unklarer, wo die Grenzen liegen zwischen dem, was sich tatsächlich zugetragen hat in einem Leben, und dem, was Google – und die Filmemacher*innen – daraus gemacht haben. Dafür wird umso deutlicher: Die Deutungsmacht zurückzuholen über die eigene Identität, ist etwas, was uns alle noch beschäftigen wird.

Chris Köver
netzpolitik.org

Made To Measure

Deutschland

2021

-

45 min.

Regie: Hans Block (Gruppe Laokoon)

Drehbuch: Moritz Riesewieck

Darsteller: Nathalie Ann Köbli

Produktion: Cosima Terrasse

Musik: Lukas McNally

Kamera: Konrad Waldmann

Schnitt: Tobias Heinze, Rémi Dayre

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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