Living – Einmal wirklich leben Ein zurückhaltender Gentleman

Kultur

Die grossen Namen, die mit diesem Drama von Regisseur Oliver Hermanus verbunden sind, lösen das Versprechen hervorragender Unterhaltung mit Tiefgang ein.

Der britische Schauspieler Bill Nighy spielt in dem Film die Rolle des Gentleman Mr. Williams.
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Der britische Schauspieler Bill Nighy spielt in dem Film die Rolle des Gentleman Mr. Williams. Foto: alotofmillion (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)

Datum 28. Oktober 2023
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Bill Nighy spielt mit hoher Authentizität einen alternden Londoner Beamten der Nachkriegszeit, der schon lange jegliche Lebensfreude eingebüsst hat. Den nahenden Krebstod vor Augen, wagt er ein paar Schritte aus dem gewohnten Trott heraus. Dieses Remake eines Films von Akira Kurosawa, für welches der Schriftsteller Kazuo Ishiguro das Drehbuch schrieb, spricht auf bewegende Weise philosophische Fragen des Menschseins an.

Der Londoner Beamte Mr. Williams (Bill Nighy) mischt sich nicht unters Volk. Im Zug, der ihn im Jahr 1953 täglich aus der Peripherie in die Hauptstadt bringt, setzt er sich nicht zu den Mitarbeitern seiner Abteilung in der Stadtverwaltung. Diese grüssen ihren Chef beim Aussteigen und halten dann ehrfürchtig Abstand zu ihm. Mr. Williams spricht wenig, er wirkt unterkühlt und etwas müde – bis zur Pensionierung scheint es nicht mehr weit zu sein. Auch diese Respektsperson ist ein Rädchen im Getriebe der einzelnen Abteilungen, die sich die Zuständigkeiten gegenseitig zuschieben. Als drei Bürgerinnen den Bau eines Spielplatzes beantragen, kann Mr. Williams also zunächst wenig ausrichten. Da erfährt er, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist. Auf der Suche nach dem Leben, das ihm längst entglitten ist, fragt er sich, wie das geht, ein bisschen Spass zu haben.

Ein zurückhaltender Gentleman

Filme, in denen es um das Altwerden und das nahende Lebensende geht, sind längst keine Seltenheit mehr. Das Kino entdeckt das lange vernachlässigte dritte Lebensalter. Solche Werke profitieren oft von ihren erfahrenen Schauspielern, die noch einmal die Gelegenheit bekommen, ihre ganze Kunst vor der Kamera zu entfalten. Anthony Hopkins bekam den Oscar für seine Rolle als dementer Mann in The Father. Bill Nighy erhielt für die Rolle des Londoner Beamten Mr. Williams in Living – Einmal wirklich leben immerhin eine Oscarnominierung – den Preis hätte er auch locker verdient, wie sich beim Betrachten des hervorragenden Dramas zeigt.

Obwohl die Geschichte in der Londoner Gesellschaft der Nachkriegszeit angesiedelt ist, basiert sie auf dem Film Ikiru von 1952, den die japanische Regielegende Akira Kurosawa inszenierte. Und die ebenfalls Oscar-nominierte Drehbuchadaption hat kein geringerer als der britisch-japanische Schriftsteller Kazuo Ishiguro verfasst. Wie schon in seinem ebenfalls verfilmten Roman Was vom Tage übrigblieb betrachtet er auch hier den Preis, den ein Mann für seine Rolle in der britischen Klassengesellschaft zu zahlen hat. Mit dem Gefühl des Protagonisten, hinter dem beruflichen Funktionieren zu verschwinden, spricht der Film aber auch ein universelles Thema an. Damit verbunden ist auch ein weiteres, nämlich die späte Erkenntnis eines Menschen, irgendwann im Leben etwas Entscheidendes übersehen zu haben, vielleicht gar falsch abgebogen zu sein.

Singen und schaukeln wie ein Kind

Mr. Williams ist ein einsamer Mann. Doch statt ihn nun lang in möglichen Rückblenden über ein verlorenes Familienglück schwelgen zu lassen, beschränkt sich der vom Südafrikaner Oliver Hermanus inszenierte Film auf wenige Hinweise. Diese kurzen Szenen wirken wie beiläufig hingetupft und sind dennoch sehr aussagekräftig. So findet Sohn Michael (Barney Fishwick), der mit seiner Frau im oberen Stockwerk der elterlichen Wohnung lebt, den Vater am Tag der ärztlichen Diagnose allein in seinem Wohnzimmer sitzend. Ohne sich umzudrehen, bittet Mr. Williams das junge Paar, sich doch ein wenig zu ihm zu setzen, doch die jungen Leute täuschen Müdigkeit vor. Es ist sehr bewegend, wenn in den wenigen Szenen aus dem häuslichen Alltag Vater und Sohn ratlos vor der Mauer aus Schweigen stehen, welche die Gewohnheit errichtet hat. Die Distanziertheit, die guten britischen Manieren der Zurückhaltung, die Mr. Williams so perfektioniert hat, erweisen sich als Fessel.

Mr. Williams durchbricht dann aber jäh die Fassade des steifen Gentleman, auf seinen Streifzügen durch die Strassen, in einem Seebad. Es genügt Bill Nighy oft nur ein Blick, um anzuzeigen, wie viel Lebendigkeit und Erlebnishunger in seinem Charakter steckt. Von einem Fremden (Tom Burke) lässt er sich eines Abends an der Küste in Amüsierlokale und Bars schleppen. Spontan tritt er auf eine Bühne, um aus vollem Hals ein Lied aus seiner Kindheit anzustimmen. Alles, was Bill Nighy hier anstellt, wirkt ungeheuer echt und berührend. Er sucht die Gesellschaft seiner jungen Mitarbeiterin Margaret Harris (Aimee Lou Wood).

Die paar Ausgehstunden mit der auf ihre ungeschminkt fröhliche Art ebenfalls sehr britischen Miss Harris zeigen, wie einfach und bescheiden die Freuden sind, die Mr. Williams wieder aufleben lassen. Das Drama findet eine gute Balance zwischen menschlicher Nähe und philosophischer Betrachtung, zwischen zeitloser Gesellschaftskritik und Optimismus. So stürzt sich Mr. Williams beseelt in einen Feldzug in der Verwaltung, damit der Spielplatz errichtet wird. Auf Dauer aber lässt sich der bürokratische Trott wohl nicht aushebeln.

Bianka Piringer
film-rezensionen.de

Living – Einmal wirklich leben

England

2022

-

102 min.

Regie: Oliver Hermanus

Drehbuch: Kazuo Ishiguro

Darsteller: Bill Nighy, Aimee Lou Wood, Alex Sharp

Produktion: Elizabeth Karlsen, Stephen Woolley

Musik: Emilie Levienaise-Farrouch

Kamera: Jamie Ramsay

Schnitt: Chris Wyatt

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.