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Lieber Thomas | Untergrund-Blättle

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Kultur

Lieber Thomas Ein Mann, der nirgends reinpasste

Kultur

„Lieber Thomas“ ist ein überlanges, exzessives und eigenwilliges Porträt des Autors Thomas Brasch.

Private Mitschnitte von Pop Sunday Sendungen auf Cassette.
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Bild: Private Mitschnitte von Pop Sunday Sendungen auf Cassette. Hier beispielhaft: Thomas Brasch. Alle Sendungen liefen um das Jahr 1980. / Maximilian Schönherr (CC BY-SA 4.0 cropped)

13. November 2021
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Doch genau das ist die Stärke: Auch dank eines lichterloh brennenden Albrecht Schuch lernen wir hier einen faszinierenden Menschen kennen, der in keine Kategorie passte und unbeirrt nach einer Möglichkeit der künstlerischen Selbstentfaltung suchte.

Als Horst Brasch (Jörg Schüttauf) mit seiner Familie in den 1950ern in die DDR zieht, dann um teilzuhaben an diesem jungen Staat, von dessen System und Prinzipien er fest überzeugt ist. Sein Sohn Thomas (Albrecht Schuch) ist da ganz anders. Der entdeckt später die Macht der Worte und setzt alles daran, sich durch seine Texte Gehör zu verschaffen. Das tut er tatsächlich, wenngleich nicht so, wie es sein Vater gern hätte.

Immer wieder eckt der angehende Schriftsteller an, sei es durch seine Arbeiten oder auch indem er mit seiner Freundin Sanda (Ioana Iacob) an einer Protestaktion beteiligt. Nach einer Reihe schwieriger Jahre beschliesst er, dass er nicht weiter in dem Land bleiben kann, das ihn als Künstler derart einschränkt. Und so macht er sich gemeinsam mit Katarina (Jella Haase) auf in den Westen – wo schon ganz neue Probleme auf ihn warten … Ein Mann, der nirgends reinpasste

Ein bisschen irreführend ist der Titel Lieber Thomas ja schon. Es gibt sicherlich eine Menge, das man über Thomas Brasch sagen könnte. Das tut der Film auch, wenn er dem Schriftsteller und Künstler zweieinhalb Stunden durchs Leben hinterherhechtet. „Lieb“ ist aber auch nach diesem geballten Material nicht unbedingt das erste Adjektiv, das einem zu dem widerspenstigen Tausendsassa einfallen würde. Wenn überhaupt, dann passt das Wort nur als Teil einer Liebeserklärung, die das Drama darstellt. Als eine solche könnte man den Film durchaus bezeichnen. Zumindest ist spürbar, mit welcher Faszination alle Beteiligten an einen Menschen erinnern, der so konsequent seinen Weg suchte, dass er grundsätzlich nur auf der Durchreise sein konnte. Denn so wirklich reingepasst hat er nirgends.

Dabei porträtiert Regisseur Andreas Kleinert seinen Protagonisten nicht zwangsläufig als reinen Rebellen. Thomas Brasch wird in dem Film vielmehr als jemand beschrieben, der sich von niemandem etwas vorschreiben oder sich einengen lassen will. Angetrieben von einem künstlerischen Schaffungsdrang und einer kaum zu bändigenden Lebenslust rast er durch die Welt, vor Leidenschaft brennend. So sehr brennend, dass man nie genau sagen kann, ob er nun für sich oder andere die grössere Gefahr darstellt. Ruhemomente gibt es in Lieber Thomas dabei kaum, was man bei einer derart exzessiven Laufzeit erst einmal schaffen muss. Wer sich hier irgendwie erwartet hat, eine ganz ruhige Darstellung seines Lebens zu Gesicht zu bekommen, der irrt. Der Film ist ebenso wild wie sein Titelheld.

Grandios gespielter Sonderling

Für manche könnte das schon zu wild sein. Gerade weil der Film wie besessen davonrast und sich dabei nicht um das hinterherhechelnde Publikum kümmert, das gar nicht immer weiss, wie ihm geschieht, könnten da so manche vorzeitig aussteigen. Zumal Kleinert sich nicht darum schert, wie solche Biopics normalerweise aufgebaut sind. Ob es nun die Schwarzweissbilder sind, der Verzicht auf grosse Höhepunkte oder die plötzlich auftauchenden und wieder verschwindenden Nebenfiguren: Lieber Thomas ist kein biederes Gefälligkeitskino, wie es solche Künstlerporträts gerne mal sind. Was aber nicht heissen soll, dass einem der Film nicht gefallen kann. Im Gegenteil: Das Werk, das beim Filmfest München 2021 Premiere feierte, hat sogar jede Menge zu bieten.

Allen voran natürlich Albrecht Schuch, der nach einer lange eher unspektakulärem Schauspielkarriere gerade einen wahnsinnigen Lauf hat und sich einige der spannendsten aktuellen Filme des deutschen Kinos ausgesucht hat. Nach seinem doppelten Triumph mit Systemsprenger und Berlin Alexanderplatz beim Deutschen Filmpreis 2020 war er dieses Jahr bereits in den zwei interessanten Romanadaptionen Fabian oder Der Gang vor die Hunde und Schachnovelle zu sehen. Mit Lieber Thomas unterstreicht er noch einmal sein Talent: Die Darstellung des rastlosen Literaten, der nach der Wende in Vergessenheit geraten ist, macht ihn auf jeden Fall zu einem heissen Anwärter, sobald die nächste Filmpreisrunde losgeht.

Zeitdokument und Porträtannäherung

Aber auch inhaltlich ist das Drama spannend. Lieber Thomas wird zu einer Gegenüberstellung zweier konkurrierender Systeme und dem Versuch, in beiden Kunst zu betreiben. Gerade der naheliegende Vergleich der Zeit in der DDR und der nach der Emigration wird so zu einem gleichermassen persönlichen wie politischen Porträt. Und auch als Zeitdokument ist der Film sehenswert, wenn Kleinert einige Jahrzehnte abarbeitet. Endgültige Antworten springen dabei zum Ende hin zwar nicht unbedingt heraus. Aber so wie die Suche von Brasch nach künstlerischem Ausdruck ein bemerkenswertes Erbe zurückgelassen ist, ist auch die filmische Annäherung an den Autor ein packendes Unterfangen, welches Lust darauf macht, die tatsächliche Kunst von Brasch kennenzulernen.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Lieber Thomas

Deutschland

2021

-

150 min.

Regie: Andreas Kleinert

Drehbuch: Thomas Wendrich

Darsteller: Albrecht Schuch, Jella Haase, Ioana Iacob

Produktion: Till Derenbach, Michael Souvignier

Musik: Daniel Michael Kaiser

Kamera: Johann Feindt

Schnitt: Gisela Zick

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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