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Rezension zum Film von Lars von Trier Breaking The Waves

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Wenn ich mich richtig erinnere bezeichnete Lars von Trier einmal Breaking The Waves als seinen zugänglichsten Film und wenn man so will als das „Mainstreamigste“ das er je auf Zelluloid gebannt hat.

Der dänische Filmregisseur und und Drehbuchautor Lars von Trier am Berliner Film Festival 2014.
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Bild: Der dänische Filmregisseur und und Drehbuchautor Lars von Trier am Berliner Film Festival 2014. / Siebbi (CC BY 3.0 unported - cropped)

1. Mai 2013

01. 05. 2013

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Das mag daran liegen, dass der Däne hier den Zuschauer im Vergleich zu seinen anderen Werken visuell etwas schont und auch mal durchatmen lässt, primär liegt es aber wohl daran, dass sein meist düsteres Weltbild durch eine recht warmherzige Liebesgeschichte in den Hintergrund verdrängt wird.

Während man bei seiner Europa-Trilogie ständig ein beklemmendes Gefühl verspürt und die dunkle Szenerie die Tragik und Hoffnungslosigkeit sehr schwerfällig unterstreichen, bekommt man hier trotz des körnigen und in die Jahre gekommen Bildes tolle Schottland-Aufnahmen und wunderschöne impressionistische Landschaftsszenarien als durchnummerierte Kapiteleinleitung geboten.

Man sollte sich aber nicht allzu sehr von der Optik täuschen lassen, denn spätestens nach dem ersten Abschnitt weiss man, dass man einen Film von Lars von Trier sieht. Langgezogene Szenen in denen auf den ersten Blick wenig passiert, oft sogar überhaupt nicht gesprochen wird, sondern bei denen man einfach nur die Dramatik und/oder die Figurendarstellung auf sich wirken lassen soll/muss. Insbesondere letzteres erweist sich hier als wohl grösste Stärke des Streifens. Breaking The Waves stellte für Emily Watson nicht nur den internationalen Durchbruch dar, sondern ist für mich ganz klar ihre bis heute beste Leistung als Schauspielerin.

Watson schlüpft in die Rolle von Bess McNeal, eine junge Frau, die man umgangssprachlich wohl als naives Landei bezeichnen könnte. Bess wächst in den Siebzigern in einer kalvinistischen Gemeinde an der schottischen Küste auf, was auch erklärt warum sie zu Beginn des Films die Ältesten um eine Heiratserlaubnis bitten muss. Die besondere Brisanz bei ihrem Vorhaben ist allerdings die Tatsache, dass Jan (Stellan Skarsgård), ihr zukünftiger Gatte, von ausserhalb kommt, weshalb eine solche Heirat ganz klar gegen die Regeln des tiefreligiösen Dorfes verstösst.

Schlussendlich und nachdem sie zu Gott gebetet hat bekommt Bess ihren Willen, sie ehelicht Jan und die folgenden zwei Kapitel zeigen das junge und glückliche Paar entweder beim Sexualakt oder beim feiern mit Freunden. Es dauert aber nicht lange und Jan muss zurück an die Arbeit. Wie für jeden Mann in näherer Umgebung, bedeutet dies Abschied von seinen Geliebten zu nehmen und die nächsten Monate entweder auf einer Bohrinsel oder auf einem Schiff zu verbringen.

Die bei von Trier so ungewohnte Idylle wird ab hier also zerstört und schnell macht sich Liebeskummer breit. Was folgen sind Bess’ Stossgebete gen Himmel: Gott möge doch bitte ihren Ehemann frühzeitig zurückbringen, der Herzschmerz sei einfach unerträglich. Schon als Bess jünger war führten die anderen Dorfbewohner diese ihre Gespräche mit dem Herrn und Schöpfer darauf zurück, dass die Frau psychisch angeschlagen sei, was der Regisseur und Autor natürlich nutzt um ihre Glaubensgemeinschaft zu karikieren. Doch nicht nur hier setzt von Trier kritisch an und illustriert sogleich auch das herrschende Patriarchat und die damit einhergehende Unterdrückung der Frau.

Als Jan schliesslich durch einen tragischen Arbeitsunfall bei dem er vom Hals abwärts gelähmt bleibt, wie von Bess erbeten früher nach Hause darf beginnt der eigentliche Film. Während nun Bess’ mentaler Zustand von Tag zu Tag schlechter wird und Jan keinen Lebenswillen mehr aufbringen kann, bleibt ihre verwitwete Schwägerin und Krankenschwester Dodo (Katrin Cartlidge), die einzige Konstante. Lars von Trier suggeriert an einem bestimmten Punkt im Film zwar, dass Dodo die antiquierten Bräuche und Sitten des Dorfes, genauso wie Bess, verachtet, doch Fügung, zumindest momentan, die taktisch klügere Entscheidung wäre.

Neben den bereits genannten spricht Breaking The Waves zum Beispiel auch Thematiken wie Euthanasie und die Freiheit des Individuums an. Nicht umsonst könnte man den Titel so interpretieren, dass Bess sich nichts sehnlicher wünscht als die Wellen zu brechen, sie zu überwinden und endlich das andere Ufer zu erreichen. Jan stellt für sie dabei zunächst eine Verbindung, sozusagen einen Lichtblick am Ende des finsteren Tals dar. Mit ihm konnte sie endlich die gesellschaftlichen Fesseln ablegen, doch spätestens nach seinem Unfall wird er vielmehr zum Anker der sie wieder am gehassten Ort festhält.

Herzstück des Streifens bleibt deshalb auch die Liebesbeziehung. Wie so oft (oder immer?) lässt Liebe uns irrational handeln und sie verlangt von uns Dinge die wir ansonsten unter keinen Umständen bereit wären zu tun. Auch die „Dialoge“ mit Gott die Watson herrlich mit abwechselnd, verstellter Stimme spielt, führen die Hauptdarstellerin eigentlich immer darauf zurück, dass es bedingungslose Liebe ist, die von ihr abverlangt wird. Am Ende wird Bess durch völlige Hingabe ihren Ehemann tatsächlich heilen, wobei m.E. hier der Autor sicherlich eine metaphorische und keine wörtliche Intention verfolgt.

Die gern verwendete Figur des Idealisten – in diesem Fall der Idealistin- lässt sich von Trier ebenfalls nicht nehmen. Auch wenn er sie am Ende oberflächlich betrachtet irgendwo scheitern lässt, konkludiert der Film für seine Verhältnisse doch sehr positiv. Breaking The Waves stellt übrigens den Beginn der sogenannten Golden Heart-Trilogie dar. Die Idee basiert auf einem Kinderbuch, in dem die weibliche Hauptfigur nie ihre Hilfsbereitschaft und Gutmütigkeit obschon der tragischen Ereignisse und persönlichen Einbussen verliert.

Auch wenn nur bei den jeweiligen Kapitelwechsel und beim Abspann Musik ertönt, erweist sich von Trier hier für seine Verhältnisse recht verspielt. Elton John, Deep Purple und viele andere Rock/Pop-Stücke zieren die Standbilder. Wie schon kurz angerissen lässt die Bildqualität zu wünschen übrig, vermittelt aber durch diesen speziellen mit Sicherheit gewollten Stil eine ganz eigene Atmosphäre. Erwähnenswert auch noch der Kurzauftritt von Udo Kier als sadistischer Schiffskapitän, ein Schauspieler der beim Dänen ja öfters gastiert.

Ob Breaking The Waves nun wirklich ein grösseres Publikum als das restliche Portfolio des Filmemachers erreicht wage ich zu bezweifeln. Wer seine früheren Werke mag, wird ohne Zweifel auch diesen Film mögen, Skeptiker die Europa fad fanden, werden wohl auch hier wegschnarchen.

Lorenz Mutschlechner
film-rezensionen.de

Breaking the Waves

Dänemark

1996

-

152 min.



Regie: Lars von Trier

Drehbuch: Lars von Trier, Peter Asmussen

Darsteller: Emily Watson, Stellan Skarsgård, Katrin Cartlidge

Produktion: Peter Aalbæk Jensen

Musik: Jethro Tull, T. Rex, Deep Purple, Elton John

Kamera: Robby Müller

Schnitt: Anders Refn

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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