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Larry Flynt – Die nackte Wahrheit | Untergrund-Blättle

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Larry Flynt – Die nackte Wahrheit „25 years. All I’m guilty of is bad taste.”

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„Wenn sie einen Schmutzfinken wie mich schützen, dann schützen sie euch alle.” (Larry Flynt)

J Chang, Januar 2008.
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Bild: J Chang, Januar 2008. / J Chang (CC BY-SA 2.0 cropped)

8. März 2020

08. 03. 2020

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Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten von Amerika ist bekannt für seine weite Auslegung der verfassungsrechtlich garantierten Rechte auf Meinungs-, Versammlungs- und Vereinsfreiheit. Dass diese wohl gefestigte Rechtsprechung u.a. einem King of Porno zu verdanken ist, weiss allerdings hierzulande kaum jemand. Sein Name war und ist: Larry Flynt. 1988 entschied das Gericht nämlich, dass die in Flynts Magazin „Hustler” erschienene Karikatur eines seiner ärgsten Gegner, Jerry Falwell, einem selbst ernannten Moralapostel, in dem Falwell beim Sex mit seiner Mutter auf einem Plumpsklo zu sehen ist, keine Beleidigung darstellt und durch das Recht auf freie Meinungsäusserung gedeckt ist. Die Entscheidung erging einstimmig.

Da fragten und fragen manche nach den Grenzen der Meinungsfreiheit, die sie dann doch enger gezogen haben wollen. Wie dem auch sei. Milos Forman, der sich in seinen Filmen schon oft auf Aussenseiter, man kann auch sagen: „aussenseiterische” Situationen, gestürzt hat – man denke an „Amadeus” oder „Einer flog über’s Kuckucksnest” –, nahm sich der Biografie des „Hefners der Unterschichten” an. Auch wenn Forman wenig Wert auf hundertprozentige Authentizität legte, so gehört der unter dem unsäglichen Titel „Larry Flynt – die nackte Wahrheit” 1996 inszenierte Streifen mit zum besten, was das Kino zu bieten hat.

Dabei legt Forman zugleich – sozusagen: schamlos – offen, was der American Way of Life eben bedeutet: Mit dem Verkauf von WAS man vom Tellerwäscher zum Milliardär aufsteigt, ist völlig egal; Hauptsache: Der Traum erfüllt sich. Geld und Freiheit – wie nahe liegt ihr doch zusammen!

Klein hat dieser Larry Flynt wahrlich angefangen. Ein paar schäbige Hustler-Clubs, die teuren Alkohol und viel nacktes Fleisch zu bieten hatten – und das in der amerikanischen Provinz –, bringen dem geschäftstüchtigen und -süchtigen Flynt (Woody Harrelson in einer Paraderolle) und seinem Bruder Jimmy (Brett Harrelson) nicht unbedingt den gewünschten Geldsegen. Doch die entsprechende Gesinnung – vor allem unterhalb der Gürtellinie – bringt den Hustler-Chef bald auf neue Ideen. Zunächst als eine Art Newsletter für seine Clubs gedacht, der mehr Leute, sprich: vor allem Männer, als Kunden werben sollten, erscheint bald – in Cincinatti mitten im frommen Ohio – das erste Hustler-Magazin.

Schon die zweite Nummer schlägt ein wie eine Bombe. Denn sie zeigt Fotos der am griechischen Strand nackt badenden Jackie Onassis. Zwar befinden wir uns Anfang der 70er Jahre mitten in einer Welle der sexuellen Befreiung (oder vielleicht glaubten wir das alle auch nur); doch sehr schnell bringt Flynt sowohl feministische Bewegungen wie auch stockkonservative Moralwächter gegen sich auf. Denn Flynt zeigt nicht – wie etwa der „Playboy” – retuschierte, intellektuell „aufgeleuchtete” Nacktheit. Er zeigt: Porno – Porno, wie man ihn wenige Jahre später an allen Ecken und Enden, sprich Kiosken über oder teilweise auch noch unter dem Ladentisch käuflich erwerben kann.

Eine pompös hässlich-kitschig ausgestattete 24-Zimmer-Villa wird zum Domizil des angehenden Porno-Kings und seiner späteren Frau, Althea Leasure (Courtney Love), die er als noch minderjährige Tänzerin in einem seiner Clubs kennen und lieben lernt. Für beide gibt es im Leben eigentlich nur zweierlei: Geld und Sex. Und Forman macht kein Hehl daraus, dass Geld und Sex für beide im Grunde das gleiche bedeuten.

Schnell steigt der Umsatz auf eine Million Dollar und höher und weiter. Während seine feministischen Gegnerinnen Flynt wohl nur politisch die Hölle heiss machen, jagen ihn der religiös-fundamentalistische Finanzhai Charles Keating (James Cromwell) und der moralisch nicht minder besessene Staatsanwalt Leis (James Carville) bis zum ersten Prozess vor den ehrenwerten Richter Morrissey – gespielt vom richtigen Larry Flynt selbst (!) –, der ihn doch 1977 glattweg zu 25 Jahren Zuchthaus verdonnert – eine absturse Strafe, die Flynt dann doch nicht absitzen muss.

Schon hier beweist Flynt – der sich ansonsten sprachlich wie neben ihm noch plastischer seine ihm angetraute Althea eher vulgär auszudrücken pflegt – sein rhetorisches Talent. Unter dem Motto „Was ist obszöner: Sex oder Krieg” hält er öffentliche Verteidigungsreden gegen die sexuelle Versklavung, die seine Gegner dem amerikanischen Volk aufdrängen wollten.

Als Flynt dann auch noch mit der Schwester des damaligen amerikanischen Präsidenten Carter, Ruth Carter Stapleton, einer Evangelistin, die Gegner der Freimaurerei als „ranghöchste amerikanische Hexe” verunglimpften, einen Bund auf Zeit eingeht und sich – vorübergehend – als wiedergeborener Christ empfindet, kocht die Nation. Na ja, jedenfalls der Teil der Nation, der sich in ewigem Ringen um die Aufrechterhaltung von Sitte und Ordnung abmüht.

Niederlagen sind für Flynt keine Zeichen der inneren Einkehr. Im Gegenteil. Es scheint, dass jede Niederlage ihn weiter nach vorne treibt. Selbst das bis heute nicht aufgeklärte Attentat auf ihn vor einem Gerichtsgebäude 1978, das ihn an den Rollstuhl fesselt, lässt ihn nicht müder, sondern nur noch aggressiver im Kampf für sein Hustler-Magazin werden.

So selbstverständlich, wie dieser Larry Flynt Pornographie nicht nur zu seinem Lebensinhalt werden liess, sondern sich für deren Legalität einsetzte, so selbstverständlich zeigt uns ihn Forman. Der Film hat tatsächlich sehr viel von einer Dokumentation und ist doch zugleich die Visualisierung eines Traums – vom Tellerwäscher .... –, der in diesem Fall sogar einmal wahr wurde, und die Dramatisierung eines Lebens, in dem Woody Harrelson, als ob er nie etwas anderes getan hätte, einen Larry Flynt darstellt, der nur ein Ziel vor Augen hat.

Man mag Forman vorwerfen, diesen Mann zu idealisieren. Ich sehe das nicht so. Forman überlässt wie immer in seinen Filmen dem Zuschauer völlig die Freiheit der Bewertung und Begutachtung des Gezeigten. Natürlich gibt er „vor”. Kein Wunder. Forman, der aus der Tschechoslowakei stammt, in der seine Filme zensiert wurden, z.B. „Fireman’s Ball”, weiss, von was er redet, wenn er den Kampf um Meinungsfreiheit in seinen Filmen thematisiert. Dass er dies an einem Extrembeispiel geradezu provokativ demonstriert, ist sein Stil und fordert vom Betrachter sozusagen einen Blick ins eigene Innere, verbunden mit der Frage: „Wie hältst Du es denn mit der Meinungsfreiheit?” Über Geschmack lässt sich streiten. Aber über Meinungsfreiheit?

Neben Woody Harrelson glänzt Rocksängerin Courtney Love als freisinnige, geschäftstüchtige, kluge, wenn auch nach den üblichen Massstäben nicht sehr intelligente Althea, die ihr Leben wie Flynt der Promiskuität verschrieben hat. Edward Norton als Flynts langjähriger Anwalt Isaacman bleibt zwar – wie die meisten anderen Mimen auch – etwas stark im Hintergrund. Doch Norton bietet nicht nur wie gewohnt solides schauspielerisches Handwerk; er hat auch seine zwei, drei herausragenden Szenen, vor allem vor Gericht.

Ulrich Behrens

Larry Flynt – Die nackte Wahrheit

USA 1996 - 130 min.

Regie: Miloš Forman
Drehbuch: Scott Alexander, Larry Karaszewski
Darsteller: Woody Harrelson, Courtney Love, Edward Norton
Produktion: Oliver Stone, Janet Yang, Michael Hausman
Musik: Thomas Newman
Kamera: Philippe Rousselot
Schnitt: Christopher Tellefsen

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