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Lärm und Wut | Untergrund-Blättle

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Lärm und Wut Der Vorort der Hölle

Kultur

„Lärm und Wut“ erzählt von zwei vernachlässigten Jungen in einer Pariser Vorstadt, die Freundschaft schliessen.

Banlieue in Paris.
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Banlieue in Paris. Foto: matelo971 (CC BY-NC-SA 2.0 cropped)

23. Juni 2021
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Diese wird jedoch nicht zu einem Ausweg aus Trost- und Perspektivlosigkeit. Vielmehr ist die eigenwillige Mischung aus Fantastereien und ungeschminkten Realismus ein noch immer wirkungsvolles Porträt sinnloser Gewalt und eines bitteren Fatalismus.

Ein intaktes Familienleben hat der 14-jährige Bruno (Vincent Gasperitsch) nicht gerade. Zusammen mit seiner Mutter lebt er in einem trostlosen Plattenbau in der Pariser Vorstadt. Die meiste Zeit ist er dabei allein, da seine Mutter viel arbeiten muss. Zudem tut er sich etwas schwer damit, an seiner neuen Schule Anschluss zu finden. Lediglich sein Vogel, dem er den Namen Superman gegeben hat, bringt etwas Farbe in seinen tristen Alltag. Das ändert sich erst, als er den Nachbarsjungen und Mitschüler Jean-Roger (François Négret) kennenlernt, der aus einer zerrütteten Familie stammt, in der Gewalt an der Tagesordnung ist. Aus einer anfänglichen Faszination wird schnell Freundschaft, die selbst dann noch hält, als die Ereignisse zunehmend ausser Kontrolle geraten …

Der Vorort der Hölle

In den letzten Jahren gab es schon nicht wenige Produktionen, die sich der Thematik prekärer Banlieues annahmen. Vororte in Frankreich, die gleichermassen von riesigen Wohnanlagen wie fehlenden Perspektiven geprägt sind, von Armut und Gewalt. Die Wütenden – Les Misérables zeigte beispielsweise, wie ein Polizistentrio in einem Viertel manövriert, das einem einzigen Pulverfass gleicht. Banlieusards – Du hast die Wahl machte aus dem Stoff ein Familiendrama um drei Brüder. In Caïd (Gangsta) konzentrierte man sich auf den Aspekt der Kriminalität und verpackte das in eine Found-Footage-Optik. Doch so präsent das Thema auch war, nicht zuletzt wegen rassistisch belegter Ghettos, neu ist es nicht.

So nahm uns Jean-Claude Brisseau schon 1988 mit in die Pariser Vorstadt und zeigte uns in Lärm und Wut eine Welt, die nur wenig Hoffnung verbreitet. Hier sind zwar ausschliesslich Weisse unterwegs, was im Vergleich zu den heutigen Titeln zu dem Thema schon auffällt. Ansonsten ist vieles aber dem ähnlich, das mehr als drei Jahrzehnte zu sehen sind. Erneut bewegen wir uns in anonymen, heruntergekommenen Plattenbauten. Erneut mangelt es überall an Geld und Sicherheit. Es fehlt auch an familiären Strukturen, welche den Jugendlichen Halt geben könnten. Im Fall von Bruno sind diese erst gar nicht vorhanden, bei Jean-Roger ein schädlicher Einfluss. Wenn dessen älterer Bruder den Absprung zu schaffen scheint, dann nicht wegen seiner Familie sondern trotz seiner Familie.

Eine Hilfe ohne Hilfe

Dabei gibt es durchaus Hilfen oder zumindest Menschen, die eine sein möchten. So versucht die von Fabienne Babe gespielte Lehrerin, Bruno bei der schulischen Arbeit zu unterstützen und ihm auch sonst zur Seite zu stehen. Sie kommt nur nicht gegen den destruktiven Einfluss von Jean-Roger, der die gewalttätigen Tendenzen seines Vaters aufgenommen und verinnerlicht hat. Allgemein ist „Lärm und Wut“ von einem erschreckenden Fatalismus durchdrungen. Positivbeispiele sind Mangelware. Das Beste, worauf man hoffen kann, so der besagte Vater, ist die Situation für sich zu nutzen. Das bedeutet dann auch, andere zu unterdrücken, wenn es sich ergibt. Im Zweifel ist sich jeder selbst der nächste.

Wobei die schockierenden Szenen gar nicht die sind, wenn Gewalt ein Mittel zum Zweck ist. Vielmehr ist in Lärm und Wut die Gewalt oft der Zweck an sich. Wenn ich nichts werde, sollen das die anderen auch nicht. Da werden Dinge in Brand gesteckt, anderweitig mutwillig zerstört. Wenn sich die Situation ergibt, darf es auch schon mal Mord oder Vergewaltigung sein. Alles, das einen von der Leere, dem Grau und der Perspektivlosigkeit ablenkt. Verstärkt wird dieser Effekt noch durch eine Inszenierung, welche die Vorfälle als etwas ganz Normales präsentiert. Geradezu dokumentarisch wirken die vielen Szenen, welche ohne roten Faden zusammengeschnitten worden sind. Wie zufällige Momentaufnahmen von jemanden, der durch die Strassen läuft und einfach festhält, was ihm unterwegs begegnet. Ohne Ziel, ohne Aussage.

Der surreale Normalzustand

Umso grösser ist der Kontrast zu den komisch anmutenden, gar surrealen Szenen, welche zwischendurch immer wieder das Geschehen unterbrechen. So sucht Bruno ein Ventil in seinen Fantasien, irgendwo zwischen mütterlicher Geborgenheit und sexuellem Erwachen. Während die eigene Mutter den Film über immer unsichtbar bleibt und sich nur durch hinterlassene Nachrichten äussert, da füllt die traumwandelnde Erscheinung die Leerstelle. Es ist diese Mischung aus Fantastereien und knallhartem Realismus, die Lärm und Wut bis heute sehenswert macht. Der Einblick in die trostlosen Vorstädte ist heute sicherlich weniger schockierend als 1988, dafür ist er heute selbst zu sehr Alltag geworden. An Wucht hat dieses etwas in Vergessenheit geratene Drama jedoch nicht verloren.
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