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Kikujiros Sommer | Untergrund-Blättle

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Kultur

Kikujiros Sommer Roadmovie über Freundschaft

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Kikujiro (der Regisseur Takeshi Kitano selbst in der Hauptrolle) ist ein ekliger Holzklotz.

Der japanische Filmregisseur Takeshi Kitano.
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Bild: Der japanische Filmregisseur Takeshi Kitano. / Dick Thomas Johnson (CC BY 2.0 cropped)

27. Oktober 2019
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4 min.
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Er denkt – wenn es darauf ankommt – nur an sich und seinen Vorteil und stösst dabei seine Mitmenschen mit Beleidigungen und Drohgebärden oft vor den Kopf. Kurz: Er hat vor allem mit sich selbst zu kämpfen, und dazu ist ihm fast jedes Mittel recht.

Dann ist da der kleine Masao, der bei seiner Grossmutter lebt, der Vater tot, die Mutter – so wird ihm erzählt – lebe weit weg, um Geld zu verdienen; Masao kennt sie nur von Bildern.

Kikujiros Frau kennt ihren Mann und hat sich angewöhnt, dem ungehobelten Klotz ab und an ans Schienbein zu treten, um ihn im Zaun zu halten. Sie kennt auch den kleinen Masao, der in den Sommerferien noch einsamer ist als sonst. Er nimmt seinen Fussball, geht zum Sportplatz, aber niemand von seinen Schulkameraden ist da, nur der Trainer, der ihm sagt, dass in den Ferien kein Training stattfindet. Da steht er nun, der kleine Masao, mitten auf dem grossen Fussballplatz mit seinem Ball, ist traurig – und so entscheidet er sich, seine Mutter zu suchen, den langen Weg dorthin anzutreten. Das bekommen Kikujiro und seine Frau mit, und die – nicht auf den Kopf gefallen und wahrscheinlich denkend, ihr Mann soll endlich mal was Vernünftiges tun – verpflichtet ihren Kikujiro, den Kleinen zu begleiten.

Der Film schildert diese Reise der beiden ungleichen Gesellen, mal mit dem Auto, mal zu Fuss, um die Mutter Masaos zu finden. Kikujiro wird nicht müde, wieder einmal alle, den Mann an der Rezeption eines Hotels, Autofahrer oder andere Personen, die den beiden zufällig über den Weg laufen, so mies zu behandeln, wie er das gewohnt ist, um weiter zu kommen. Masao merkt man an, dass ihm dieses Verhalten überhaupt nicht recht ist: „Mit Freundlichkeit kommt man weiter”, meint er, als ein Autofahrer die beiden auf Masaos Bitte mitnimmt. Doch Kikujiros Verhalten ändert sich zunächst kaum. Erst als sie ihr Ziel erreichen und Kikujiro feststellen muss, dass Masaos Mutter inzwischen verheiratet ist und eine kleine Tochter hat, beginnt es in ihm zu arbeiten. Er weiss, dass Masao keine Chance hat, in das Leben seiner Mutter einzutreten, erzählt ihm, seine Mutter sei weggezogen. Masaos Gesicht verrät, dass er dieser Geschichte nicht so richtig glaubt; aber er sagt nichts, weint.

Kikujiro weiss jetzt, was er zu tun hat. Er muss dem Jungen das Gefühl geben, dass er sich mit den Tatsachen abfinden muss und trotzdem ein glückliches Leben führen kann. Die beiden treffen einen jungen Mann, der mit dem Kleinbus durch Japan fährt, und zwei sanfte, ja fast schon ängstliche Motorrad-Rocker, mit denen zusammen Kikujiro auf dem Rückweg nach Hause so manchen Spass für den kleinen Masao organisiert. Es entsteht Freundschaft zwischen Kikujiro und Masao, langsam, vorsichtig, aber ohne Rückweg ...

Kitano erzählt eine wunderbare Geschichte des Entstehens von Freundschaft zwischen zwei so ungleichen Menschen, die besonders durch den völlig ungewohnten Humor des japanischen Regisseurs einen Schwung bekommt, der einen gar nicht merken lässt, dass der Film 122 Minuten lang dauert. In den Film werden immer wieder Träume, teilweise Alpträume Masaos und Fotos eingeblendet, die Masao von der Reise gemacht hat, und auf denen Kikujiros „Unfälle” festgehalten und ironisch kommentiert sind.

Der Film gewinnt aber auch durch die für mich völlig überraschende Schnitttechnik des Regisseurs. Kitano zeigt eine konfliktträchtige Situation, dann aber nicht, wie der Konflikt ausgetragen wird, sondern nur das – für Kikujiro oft unvorteilhafte – Ergebnis. Nur einige Beispiele: Als Kikujiro das Essen eines auf den Bus wartenden Mannes heimlich entwendet hat, protzt er dem Jungen vor, er solle ruhig alles essen, er selber habe gar keinen Hunger. Dabei hat er doch ein Stück vom Essen versteckt, schleicht hinter die Bushaltestelle, um es heimlich zu essen. Doch die Gaumenfreude fällt ihm hinunter, er sucht das Stück Fleisch – Schnitt – man sieht Kikujiro, mit dem Kopf nach unten in ein Loch gefallen, nur noch mit den Beinen zappeln. Als sich am Schluss Kikujiro und Masao von dem jungen Mann mit Kleinbus verabschieden, zeigt Kitano nicht die handelnden (sich verabschiedenden) Personen, sondern den Kleinbus von hinten, der die Personen nur ahnen lässt. Diese Schnitttechnik ist so raffiniert, dass aus ihr sehr amüsante Szenen entstehen.

Die deutsche Synchronfassung wurde 2000 auf der Berlinale mit dem Liliput-Preis für verhunzte Synchronfassungen ausgezeichnet. Die Originalfassung mit Untertiteln tut dem Verständnis des Films keinen Abbruch – im Gegenteil.

Ulrich Behrens

Kikujiros Sommer

Japan

1999

-

117 min.

Regie: Takeshi Kitano

Drehbuch: Takeshi Kitano

Darsteller: ‚Beat‘ Takeshi Kitano, Yusuke Sekiguchi, Kayoko Kishimoto

Produktion: Masayuki Mori, Takio Yoshida, Shinji Komyia

Musik: Joe Hisaishi

Kamera: Katsumi Yanagishima

Schnitt: Takeshi Kitano, Yoshinori Oota

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